Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 9 › Seite 136
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 29. April 1913, Seite 136
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Widerſprüche · Sozialismus 4
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schirmet und vor allem Übel behütet und bewahret“? Wie ist
es mit dem Singen:
Allem Unfall will er wehren,
Kein Leid soll uns widerfahren?
Ist das nicht doch ein Widerspruch mit dem 73. Psalm und
mit tausend und tausendfältiger Wahrnehmung und Christen⸗
erfahrung?
Welches ist der eigentliche Punkt, der Bedenken erregt
und den Zweifel, ob nicht der 91. Psalm dem 73. Psalm, ja
und aller Schrift und Christenerfahrung widerspreche?
Der Punkt ist der, daß man meint, im 91. Psalm sei
verheißen, daß Gott die Gottesfürchtigen hier in diesem Erden—
leben schlechthin freimachen werde von aller Not, vom Teufel,
allem Bösen, von Trübsal, Angst und Spott, von Trauern,
Weh und Klagen, von Krankheit, Schmerz und Leid, von
Schwermut, Sorg' und Zagen, von aller bösen Zeit, so daß
sie gar nichts zu leiden hätten.
Aber das ist eine falsche Meinung, ein falscher Verstand.
Das ist der falsche Verstand erstlich der Gottlosen, die, wenn
sie die Christen leiden sehen, spottend fragen: Wo ist nun euer
Gott? Und das ist der falsche Verstand zweitens solcher Chri—
sten, die eine sehr schwache Schrifterkenntnis haben. Die soll
man auf tausend andere Stellen weisen und sagen: „Wiederum
stehet auch geschrieben“ und ihnen dann die Sache erklären.
Und das ist der falsche Verstand drittens angefochtener Christen.
Die sollen wissen, daß Anfechtung immer von ihrem gottlosen
Fleische kommt.
Ja, aber welches ist denn nun der rechte Verstand des
91. Psalnis?
Um den zu finden, müssen wir den Schlüssel gebrauchen,
welchen Gott uns darreicht. Und dies ist der Schlüssel: „Wir
wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten
dienen“, Röm. 8, 28.
Mit diesem Schlüssel öffnen wir das Verständnis des
91. Psalms und treten in dasselbe ein.
„Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem
Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem SErrn:
Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich
hoffe!“ (V. 1. 2.) Das ist ein gottesfürchtiges Kind Gottes,
das so redet. Das hat den Schutz des Höchsten und Allmäch⸗
tigen wider alles Böse.
„Denn er errettet mich vom Strick des Jägers und von
der schädlichen Pestilenz“, sagt der Gottesfürchtige. Und der
Heilige Geist spricht ihm zu: „Er wird dich mit seinen Fittichen
decken, und deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln.
Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, daß du nicht erschrecken
müfssest vor dem Grauen des Nachts, vor den Pfeilen, die des
Tages fliegen, vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht, vor
der Seuche, die im Mittag verderbet. Ob tausend fallen zu
deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es
doch dich nicht treffen. Ja, du wirst mit deinen Augen deine
Lust sehen und schauen, wie es den Gottlosen vergolten wird.
Denn der SErr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zu—
slucht. Es wird dir lein übels begegnen; und keine Plage
wird zu deiner Hütte sich nahen.“ (V. 3—10.) Gar kein übel,
es komme gleich, woher es wolle, kann dem Gottesfürchtigen
begegnen; gar keine Plage, welcher Art sie auch immer sei,
kann dem Gottesfürchtigen sich nahen. Es ist unmöglich!
Denn er sitzt unter dem Schirm des Höchsten und bleibt unter
dem Schatten des Allmächtigen. Was kann da durch? Wenn
auch alles um ihn her fällt — den Gottesfürchtigen kann, kann
es nicht treffen. Er hat zu starke Wehr und Waffen. Gott ist
seine Wehr und Waffe. — Nur wenn Gott selbst ein Übel und
eine Plage durchläßt —. Doch halt! Wenn Gott etwas durch⸗
läßt und dem Gottesfürchtigen begegnen und sich ihm nahen
läßt, was eigentlich ein übel und eine Plage ist, so — merke
wohl! — so nimmt Gott es zuvor in seine Hand und nimmt
ihm den Charakter des Übels und der Plage und wandelt es
in Bestes und in Segen; und so läßt Gott es dann durch und
dem Gottesfürchtigen begegnen und sich ihm nahen. „Wir
wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle
Dinge zum besten dienen.“ Ja, Gott hat das alles
vorher und von Ewigkeit versehen, ausgewählt, erkoren, be—
dacht. Es sind Heilmittel in der Hand des großen Arztes. Da
erschrickt denn der Gottesfürchtige oft und weint und klagt.
Denn erscheint es nicht als übel? Ist es nicht fühlbar als
Plage? Aber hier: „Wir wissen aber, daß denen,
die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.“
Ist die Medizin des Arztes und all seine lästige Kur ein Übel?
Ist sein Messer als Plage vermeint? Nein, du Kind Gottes,
„keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen“.
„Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie
dich behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf den
Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößest.
Auf den Löwen und Ottern wirst du gehen und treten auf
den jungen Löwen und Drachen.“ (V. 11—13.)
Ah, wie wohl schmeckt mir und dir das Wort Gottes, das
er von jedem von uns redet: „Er begehrt mein, so will ich
ihm aushelfen; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn
schützen, er rufet mich an, so will ich ihn erhören; ich bin bei
ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren machen;
ich will ihn sättigen mit langem Leben und ihm zeigen mein
Heil.“ (V. 14—16.) Mit langem Leben? Mit ewigem
Leben! Ja, Gott wird mir und dir sein Heil zeigen. Welches
Heil, o welches Heil! —
Wo ist nun ein Widerspruch?
Der Glaube, o Christ, mache dich der Verheißung des
91. Psalms teilhaftig! Der Glaube öffne dir das Verständnis!
Eine Anklage gegen die christliche Kirche,
die öfters von Sozialisten erhoben wird, ist auch die, daß sie
die Arbeiter, die geringen und armen Leute, unterdrücke. Man
sagt. die Kirche stehe mit ihrer Lehrs den Arbeitern im Bampfe
um die Aufbesserung ihrer Lage im Wege; sie könne nicht an—
ders, ihre ganze Lehre sei dazu angetan. Die Kirche recht—
fertige es ja, daß es Reiche und Arme gebe; sie beschütze das
gegenwärtige System, das Ausbeutesystem, den Kapitalismus,
darum müsse sie Stellung nehmen gegen die Armen, die Aus⸗
geplünderten, die Hungernden, und so trage sie dazu bei, daß
das Elend nur immer noch größer werde. Trotz der wieder—
holten Erklärung daher, der Sozialisnrus habe mit der Re—
ligion nichts zu tun, werden doch die Arbeiter von den Wort⸗
führern und Leitern immer wieder gewarnt vor der christlichen
Kirche. Hier nur ein Beispiel: „The only kind of people wlio
can adopt the ethics of Christianity honestly and fully are
contented slaves.“ Und wiederum: „But the ethics of Jesus
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