Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 10 › Seite 150
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 13. Mai 1913, Seite 150
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was da geschah, worüber die einen staunten und die andern
spotteten: „Das ist's, das durch den Propheten Joel zuvor
gesagt ist: Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht
Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch“,
Apost. 2, 16. Und wie der Prophet schon gesagt hatte „auf
alles Fleisch“, so sagt auch Petrus, das sei nicht nur den
Aposteln verheißen, sondern zeigt seinen Zuhörern den Weg:
„So werdet ihr empfahen die Gabe des Heiligen Geistes.
Denn euer und eurer Kinder ist diese Verheißung.“
Ja, der Kreis zieht sich noch weiter: „und aller, die ferne
sind, welche Gott, unser HErr, herzurufen wird“, V. 38. 39.
So fragen wir auch mit Recht: „Habt ihr den Heiligen Geist
enipfangen?“
Nun wird man auf diese Frage unter Christen wohl kaim
die Antwort bekommen: „Wir haben auch nie gehört, ob ein
Heiliger Geist sei.“ Aber das könnten wir uns denken, daß
ein Lutheraner, wenn er sich nicht Zeit zum Nachdenken nähme,
die Frage als ungehörig abweisen und fragen könnte: Denkst
du denn, daß ich ein Schwärmer bin? Die Schwärmer haben
durch ihr wüstes Treiben den Christen solche Rede fast ver—
leidet. Wenn sie da Leute auf die Bußbank kriegten und sie
so bearbeiteten, daß ihre Sinne schwirrten und ihre Nerven
zerrüttet wurden, wenn die dann sich ungebärdig stellten, wie
rasend tobten und jubelten, sich auf dem Boden wälzten und
iiber Bänke sprangen, und wenn man dann fragte: Was fehlt
den Lenten? dann hieß es: Sie haben den Heiligen Geist
bekonnnen. Aber wir dürfen durch diesen Mißbrauch uns die
richtige Rede nicht verleiden lassen, ebensowenig wie wir aus
deim Grenel, daß Leute die Apostel töteten und meinten, sie
täten Gott einen Dienst daran, Joh. 16, 2, einen Abscheu au
dem Worte „Gottesdienst“ bekommen dürfen.
Nein, Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Der
würde da gegeben. Wenn nun gefragt wird: „Habt ihr den
Heiligen Geist empfangen?“ dann heißt das: Habt ihr den
Pfingstsegen empfangen, die Gabe, die Gott euch zugedacht hat,
oder seid ihr leer ausgegangen? So ist auch beim Apostel das
die erste Frage, als er diese Jünger in Ephesus trifft und sie
examiniert zur Aufnahme in die Gemeinde: „Habt ihr den Hei—
ligen Geist empfangen?“
Die Gabe des Heiligen Geistes ist gerade ein Merkmal und
Kennzeichen der Christen. So sagt der Apostel: „Weil ihr
denn Kinder seid, hat Gott gesandt den Geist seines Sohnes
in eure Herzen“, Gal. 4, 6. Und abermal: „Ihr aber seid
nicht fleischlich, sondern geistlich, so anders Gottes Geist in
ench wohnet. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht
sein. . . . Denn welche der Geist Gottes treibet, die sind Gottes
Kinder“, Röm. 8, 9. 14. Danach beurteilen die Christen sich
selbst und sollen es tun. „Daran erkennen wir, daß er in uns
bleibet, an dem Geist, den er uns gegeben hat“, 1 Joh. 3, 24.
Und umgekehrt sind die Gottlosen und Heuchler „Fleischliche,
die keinen Geist haben“, Judä 19.
Ja, ohne den Heiligen Geist wären die Christen gar nicht
Christen und Gläubige. Nur so sind sie alle miteinander zimn
Glauben gekommen: „Der Heilige Geist hat mich durch das
Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet“, oder wie
die Schrift das ausdrückt: „Niemand kann IEsunmeinen SErrn
heißen ohne durch den Heiligen Geist“, 1 Kor. 12, 3. Nach—
dem der Heilige Geist durchs Wort an den Herzen der Menschen
erst von außen gewirkt, sie zur Buße und zum Glauben an
Christum gebracht hat, zieht er dann in ein solch gläubiges
Herz ein und macht es zu seiner Wohnung. Da wird dann
den gläubigen Christen gesagt: „Wisset ihr nicht, daß ihr
Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnet?“
1 Kor. 3, 16. Der Heilige Geist erhält und stärkt sie im
Glauben, den er in ihnen gewirkt hat. Er vermittelt den
Verkehr der Gläubigen mit Gott im Glauben und im Gebet,
und zwar so sehr, daß ihr Schreien und Seufzen ein Schreien
und Seufzen des Heiligen Geistes genannt wird. „Gott hat
gesandt den Geist seines Sohnes in enre Herzen, der schreiet:
Abba, lieber Vater!“ Gal. 4, 6. „Ihr habt einen kindlichen
Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber
Vater!“ Röm. 8, 15. „Desselbigengleichen auch der Geist hilst
unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir
beten sollen, wie sich's gebühret, sondern der Geist selbst ver—
tritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber
die Herzen forschet, der weiß, was des Geistes Sinn sei; denn
er vertritt die Heiligen nach dem, das Gott gefällt“, Röm.
8, 26 f. Der Heilige Geist heiligt sie im Glauben, erneuert
sie, macht sie zu neuen Kreaturen, schafft einen neuen Sinn
und neue Kräfte in ihnen. So heißen die guten Werke der
Christen kurzweg Früchte des Geistes, Gal. 5, 22.
Der Heilige Geist erweist sich als der rechte Tröster, der
die Christen ihres Glaubens, ihrer Gotteskindschaft und des
ewigen Lebens recht gewiß und froh macht. Durch das Zeugnis
des Heiligen Geistes im Herzen, der an ihrem Herzen das
Wort als göttliche Wahrheit bezeugt, werden die Christen dessen,
daß die Heilige Schrift Gottes Wort ist, so gewiß, daß sie
durch keine Gegenrede sich irreniachen lassen, sondern darauf
leben und sterben. „Der Geist ist's, der da zeuget, daß Geist
Wahrheit ist“, 1 Joh. 5, 6. Und der Geist, der in ihnen und
durch sie das „Abba!“ schreit, durch den sie ihrer Gotteskind—
schaft gewiß werden und getrost und mit Zuversicht Gott Vater
nennen, „derselbige Geist gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir
Gottes Kinder sind. Sind wir denn Kinder, so sind wir auch
Erben“, Röm. 8, 16. Damit hängt dann aufs engste zusam—
men, daß der Heilige Geist die Christen des endlichen seligen
Erbes, der ewigen Seligkeit, gewiß macht. Das drückt die
Heilige Schrift durch drei Worte aus, indem sie den Heiligen
Geist ein „Siegel“, „Unterpfand“ und „Erstling“ nennt. Das
sagen diese Schriftstellen: „Betrübet nicht den Heiligen Geist
Gottes, damit ihr versiegelt seid auf den Tag der Er—
lösung“, Eph. 4, 30. Als sein teures Gut, sein Eigentim,
das er behalten will, das ihm niemand verletzen soll, hat Gott
euch versiegelt. Und zwar auf den Tag der Erlösung, eures
Leibes Erlösung, aͤuf den Tag der Herrlichkeit behält er euch
als sein Eigentum fest und wohl verwahrt. Und das Siegel
ist der Heilige Geist. Er hat uns „versiegelt und in unsere
Herzen das Pfand, den Geist, gegeben“, 2 Kor. 1, 22.
Ebenso 2 Kor. 5 redet der Apostel von der Christen Hoffnung
und Sehnsucht nach dem ewigen Leben und sagt V. 5: Gott
hat uns dazii bereitet und uns das Pfand, den Geist, gegeben.
Der Heilige Geist ist selbst etwas Himmlisches, Göttliches.
Der wird uns hier schon gegeben. So ist er der Geist Gottes
vom Himmel, das Pfand, das Angeld, die teilweise Anzahlnng
des Himmlischen, das uns werden soll. Röm. 8, 23 sagt der
Apostel: „Wir sehnen uns nach der Kindschaft und warten
auf unsers Leibes Erlösung.“ Wir haben bereits „des Geistes
Erstlinge“. Der Geist selbst ist der Erstling, die erste Garbe
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