Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 10 › Seite 152
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 13. Mai 1913, Seite 152
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SEer I utherane
lübde lautet dahin, daß wir unserer lieben lutherischen Kirche
überhaupt treu bleiben wollen. Solche Leute, die aus guten
Gründen in eine Schwestergemeinde entlassen sein wollen, quäle
man nicht damit, daß sie die Kirche verlassen, in der sie kon—
firmiert worden seien, sondern bezeuge ihnen fröhlich, daß sie
auch in der neuen Gemeinde ebensogut ihr Konfirmationsge⸗
lübde halten können. Hier sollte sich der ökumenische Charakter,
das heißt, die Liebe des Pastors zur Kirche im ganzen, zeigen.
Besonders verwerflich sind auch diese selbstsüchtigen Er—
wägungen, von denen sich manche bei Entlassungsgesuchen so
oft leiten lassen, mag es auch noch so klar sein, daß die Ent—⸗
lassung gegeben werden sollte: was denn aus der Gemeinde
werden solle, wie sie finanziell bestehen, wie der Haushalt auf⸗
rechterhalten werden solle und dergleichen — und man läßt
sich so verleiten, untreu und nicht gewissenhaft zu handeln an
den Seelen, die ihre Entlassung doch aus guten Gründen
wünschen.
Solche bewußte oder unbewußte Selbstsucht ist doch wahr—
lich nicht Sorge für das Reich Gottes und für die Seelen, son—
dern das ist eine ganz andere Sorge. Heißt sie etwa Bauchsorge?
Daß manche Gemeinden, die aus kleinen zu größeren und
großen, volkreichen Gemeinden herangewachsen waren, wieder
kleiner werden, vielleicht auch wieder recht klein, das läßt sich
nicht hindern. Da gilt es, sich in die Zeiten und Umstände und
in Gottes Wege schicken lernen.
Aber man handle treu an den Seelen. Man vergesse nicht
den oben angeführten, hier alles entscheidenden, ausschlaggeben—
den Grundsatz!
Angst vorm Präzedenzfall, und was daraus folgt.
Prediger und Gemeinden erklären wohl, sie würden in
einem betreffenden Fall die Entlassung geben, da sie nämlich
die Gründe eigentlich anerkennen müßten, aber sie verweigern
die Entlassung, weil sie dann gar vielen andern die Entlassung
geben müßten, und sie wollten keinen Präzedenzfall schaffen,
auf den sich andere berufen könnten! Und sie lassen es geschehen
— aber ist das nicht schrecklich? —, ja sehen es wohl lieber,
als daß sie ihnen eine Entlassung geben sollten, daß diese Leute
ohne Entlassung in eine falschgläubige, meistens namenluthe—
rische Gemeinde aufgenommen werden. Da kann man dann
doch sagen: die sind ja abgefallen, in eine falsche Kirche ge—
gangen, und solchem Beispiel wollt ihr doch nicht folgen!
So etwas kommt leider vor. Man sollte es freilich nicht
für möglich halten. Wir dürfen es uns nicht verhehlen, daß,
wenn man Leute hinhält, obwohl ihr Entlassungsgesuch gut
begründet ist, und immer wieder hinzuhalten weiß, sie oft unge⸗
duldig werden und sich, wenn ihre Sache auf die lange Bank
geschoben wird, einer Gemeinde anschließen, wo sie keine Ent⸗
lassung gebrauchen, wo sie ohne Entlassung aufgenommen
werden.
Das ist eine strafwürdige Engherzigkeit und Kurzsichtig—
keit der Gesinnung, von der sich alle Prediger und Gemeinden
freimachen sollten; denn die kann Gott nicht gefallen. Laden
Prediger und Gemeinden, die sich einer solchen Handlungsweise
schuldig machen, nicht eine schwere Verantwortung auf sich?ꝰ
Hier sollte ein Pastor nicht kleinlich, sondern wahrhaft
großartig veranlagt sein. Dann kann und wird er auch seine
Gemeinde anleiten, die selbstsüchtigen, fleischlichen Erwägungen
bei Entlassungsverhandlungen aus dem Spiel zu lassen und
Neuen Testaments.
den weiten Blick des Evangeliums zu zeigen, der gerade auch
sieht, was dem Reiche Gottes im allgemeinen am meisten för⸗ 4
derlich ist.
Für manche Prediger und Gemeinden wäre
hier brüderliche Bestrafung am Platz.
Ist das nicht ganz verkehrt, ja sündlich, wenn Prediger und
Gemeinden die Entlassung nicht geben wollen, trotzdem die
Betreffenden gute Gründe haben, die Entlassung an eine andere
Gemeinde zu verlangen? Verdienen solche nicht gestraft zu
werden?
Das ist doch wahrlich nicht fein, wenn man Leute, die gute
Gründe für die Entlassung an eine Schwestergemeinde haben,
immer und immer wieder fortschickt mit der Bitte, sie sollten
es sich noch einmal überlegen, und sie so müde und verdrießlich
macht und es geschehen lassen kann, daß die Leute so der recht⸗
gläubigen Kirche verloren gehen.
Man sollte immer lieber entlassen, als daß man es sieht,
daß die Betreffenden — vorausgesetzt, daß nichts gegen sie vor⸗
liegt — in falschgläubige Kirchen und Synoden geraten. Alle
Prediger und Gemeinden sollten sich das Wort IEsu in seinem
hohepriesterlichen Gebet zum Exempel nehmen, dem sie nach—
trachten (Joh. 17, 12): „Die du mir gegeben hast, die habe
ich bewahret, und ist keiner von ihnen verloren ohne das ver—
lorene Kind, daß die Schrift erfüllet würde.“
Wenn eine Gemeinde, ein Prediger Leute verliert, dann
sollten sie, soviel an ihnen ist, ohne Schuld sein und mit gutem
Gewissen sagen können: Es war ein Kind des Verderbens. Sie
sind von uns ausgegangen, denn sie waren nicht von uns. Wir
sollen nicht schuld werden, daß Leute dem Unglauben und fal—
schen Glauben anheimfallen. Leute, die wir an Schwester—
gemeinden entlassen, haben wir nicht verloren, die werden
auch uns mit als Frucht und Gewinn auf unsere Rechnung
geschrieben.
Wo Prediger und Gemeinden in solch sträflicher Weise
gutbegründete Entlassungsgesuche verweigern und verzögern,
da bleibt es wahrlich auch schwer für den betreffenden Pastor
der Schwestergemeinde, in welche die Leute aufgenommen sein
wollten, ja, da ist es schwer für alle, die das wissen, zu schwei—
gen; da sollten sie, wo das ganz offenbar ist, solche Prediger
und Gemeinden brüderlich strafen und ermahnen, damit diese
einen andern Kurs einschlagen.
Gott verleihe allen Predigern und Gemeinden, daß sie
in den hier zur Rede gebrachten Dingen das Rechte wollen und
auch tun! W. L.
Unsere Missionen.
„Der Winter ist vergangen, der Regen ist weg und dahin;
die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist her—
beigekommen, und die Turteltaube läßt sich hören in unserem
Lande; der Feigenbaum hat Knoten gewonnen, die Weinstöcke
haben Augen gewonnen und geben ihren Geruch“, Hohel. 2,
10— 12. Das sind Worte lieblicher Weissagung, deren fort—
währende Erfüllung sich hinzieht durch die ganze Zeit des
Was dort der Seelenbräutigam seiner
schönen Freundin zuruft, um sie zu fröhlicher Tätigkeit in seinem
Garten zu locken, das soll für die Kirche IEsu Christi zu allen
Zeiten eine Ermunterung sein, ihre Augen zu weiden an der
Ausbreitung des Evangeliums in aller Welt und zugleich selbst
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