Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 23 › Seite 360
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 11. November 1913, Seite 360
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Sozialismus 3 · Sozialismns. 7²27⁷
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Was ist der Sozialismus?
Was der Sozialismus will.
Von der Wissenschaft, die dem Sozialismus zugrunde liegt,
haben wir im vorigen Artikel gehört. Nun fragt es sich, worin
er denn eigentlich bestehe, oder, was hier auf eins hinausläuft,
was er wolle. So sehr leicht läßt sich das nicht sagen. Es
kann kaum eine genaue, alles umfassende Definition oder Be⸗
schreibung des Sozialismus mit wenigen Worten, in etlichen
Sätzen, gegeben werden, die allgemein Beifall fände. Es kommt
das aber daher, daß so viele verschiedene Begriffe über den
Sozialismus herrschen, und zwar nicht nur unter denen, die ihn
verwerfen, sondern auch unter denen, die ihn verteidigen.
Sehr dienlich zur Sache ist, daß man sich erst darüber
klar wird, was der Sozialismus nicht ist, nicht sein will.
Der Sozialismus ist keine geplante Staatsveränderung
oder Regierungsverbesserung. Er will den Staat nicht refor—
mieren, nicht Übelstände abstellen und nützliche Neuerungen ein—
führen, sondern er will den Staat aufheben; er verwirft Mon⸗
archie und Republik, er will beide abgeschafft wissen, er will
eine ganz neue Ordnung der Dinge herbeiführen, so daß der
Staat überflüssig, unmöglich wird, daß, wenn er auch nicht auf
einmal aufhört, doch ein Stück seines Regierungsapparats nach
dem andern hinfällt. Wohl soll unter dem Sozialismus auch
eine gewisse Ordnung sein. Von welcher Art und Beschaffen⸗
heit diese sein wird, darüber gehen die Ansichten vorerst noch
weit auseinander; aber darin ist man sich einig, daß das Volk,
die Gesellschaft, die Arbeiter — denn alle werden Arbeiter sein
— regieren werden, daß Könige, Präsidenten, Gouverneure, und
wie die jetzigen Herrschaften genannt werden mögen, dann zu
den Dingen gehören werden, die gewesen sind; daß die Re—
gierung der sozialisierten Gesellschaft keine Ahnlichkeit haben
wird mit der gegenwärtigen „kapitalistischen“ Regierung, die
die große Menge des Volks unter dem Joche hält, wie sie sagen.
Die Sozialistenpartei tritt mit auf die politische Bühne, sucht
Staatsämter mit ihren Leuten zu besetzen, macht allerlei Ver⸗
sprechungen wie andere Staatsparteien; das hat jedoch nur
den Zweck, dem eigentlichen Ziele vorzuarbeiten, eine Macht
im Volke zu werden, und ganz besonders, um sich freie Bahn
für ihre Agitationen unter den Leuten zu schaffen; denn hat
sie selbst die Staatsregierung in den Händen, so hat sie nichts
zu fürchten von einer „kapitalistischen“ Obrigkeit mit ihren Ge⸗
setzen, Richtern, Soldaten, Polizisten und Gefängnissen. Kurz,
die Sozialisten wollen den Staat und seine Einrichtungen nur
benntzen, um ihn schließlich zu begraben, wenn möglich, im
Frieden, wenn nötig, mit Gewalt.
In seinem Buche „Socialism, Utopian and Scientific
(Ausgabe von Kerr & Co. im Jahre 1912, S. 127—129) führt
Fr. Engels, der Busenfreund und Mitarbeiter von Karl Marrx,
folgendes aus: Die Arbeiterklasse nimmt Besitz von der Staats⸗
gewalt und verwandelt die Erwerbsmittel in Staatseigentum.
Damit hebt sie, die Arbeiterklasse, sich selbst auf, zugleich auch
allen Klassenunterschied und den Staat. Weil es eben jetzt
keine Klasse mehr gibt, die unter dem Joche gehalten werden
soll, so ist der Staat überflüssig, er stirbt aus. „Die Beherr⸗
schung von Personen ist ersetzt durch die Verwaltung von
Dingen.“ Ähnliche Darlegungen finden sich viele in den sozia⸗
listischen Schriften.
Die Socialist Eαονεαο (September 1912, S. 222) schreibt
in diesem Sinn: Durch den Staat könnten wohl etliche grobe
SVer 2„Lutheranee
Dinge gebessert werden. Er könnte ins Geschäft gehen und
alles selbst herstellen und dann zum Kostenpreise verkaufen:
damit wäre der Profit aufgehoben, den die Leute jetzt bezahlen
müssen. Aber Mieten und Zinsen würden bleiben. Wollte
der Staat den Kapitalisten verbieten, Mieten und Zinsen ein—
zutreiben, so würde er damit doch dieses Recht auf sich selbst
übertragen, und so könnte die Ausbeutung des Volks schließlich
nur noch ärger werden. Wir wollen nicht eine Erweiterung der
politischen Regierung, sondern eine Ersetzung derselben durch
die Arbeiter. What we want is not an extension of the
powers of a political government, but a replacement of this
political government by an industrial commonwealth managed
by the workers themselves throughetlieir industrial councils.“
Der Sozialismus ist daher auch nicht — und will nicht
sein — eine Verstaatlichung des Eigentums. In Deutschland
gehören die Eisenbahnen und vieles andere dem Staat. Das
ist aber nicht das Werk der Sozialisten. Solche Einrichtungen
wie auch das Versicherungs⸗ und Unterstützungswesen von
Staats wegen befürworten die Sozialisten nicht, sondern be—
kämpfen es. In den Vereinigten Staaten ist das Postwesen
in den Händen der Regierung; aber das ist nicht ein Stück des
Sozialismus. Wenn unsere Regierung auch alles Land, alle
Bahnen, Schiffe, Maschinen, Fabriken, Mühlen, Minen in ihren
Besitz bringen würde, so wäre das noch kein Sozialismus. Da⸗
bei wären ja die Arbeiter und Angestellten immer noch Lohn—
arbeiter, dabei bestände nach sozialistischen Begriffen immer noch
das übel aller übel, der „Kapitalismus“. Es läßt sich nicht
leugnen, dabei wäre die Gewalt der Regierung viel größer,
als sie jetzt ist, und das Volk könnte darunter schrecklich leiden
müssen. Nicht Staatseigentum, sondern Kollektiveigentum, Ge—
meingut, will darum der Sozialismus.
Fr. Engels schreibt in dem schon angeführten Buche
(S. 123): „Der moderne Staat, einerlei, welche Gestalt er hat,
ist wesentlich eine Kapitalistenmaschine. Je mehr er vorangeht,
die Erwerbskräfte in Besitz zu nehmen, je mehr wird er tat—
sächlich der Nationalkapitalist, je mehr Bürger beraubt er. Die
Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier.“
Der Sozialismus ist aber endlich auch nicht — und will nicht
sein — die Verwirklichung oder Ausführung von göttlichen und
ewigen Gesetzen oder von Regeln der Liebe, der Brüderschaft
und Gleichheit. Ewige und göttliche Gesetze kennt der Sozia—
lismus nicht, und Vorschriften der Moral oder des Sittengesetzes
trägt nach sozialistischer Lehre kein Mensch in seinem Herzen,
sondern sie bilden sich erst durch die Verhältnisse, unter denen
die Menschen leben, verändern sich darum auch,‚ sowie die Ver—
hältnisse sich ändern. Die jetzt allgemein geltenden Ansichten
von Recht und Unrecht, von Gut und Böse, fordern und fördern
daher den Sozialismus nicht, sagt man, sondern halten ihn eher
auf; sie müssen überwunden werden und durch den Sozialis⸗
mus eine starke Umwandlung erfahren. Kein echter Sozialist
beruft sich daher, wenn er lehren will, was Sozialismus ist,
auf irgendein Gebot Gottes oder auf das in die menschliche
Natur gepflanzte Gesetz oder auf die Pflichten der Nächstenliebe
oder auf die in unserer Zeit allgemein anerkannten Grundsätze
von Recht und Unrecht, von Mein und Dein; im Gegenteil, der
Sozialismus will auch hier mit dem Alten gründlich aufräumen
und ein ganz Neues pflügen. Im „Vorwärts“ von New York,
dem „Organ der Socialist Party“, in der Nummer vom 5. Juli
dieses Jahres, Seite 9, heißt es in einem längeren Artikel über
„Marxismus und Ethik“: „Nicht etwa deswegen, weil der
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