Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 3 › Seite 39

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 3. Februar 1914, Seite 39

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Der Tutheranes

Ruhe der Kinder Gottes eingegangene Pionier zu erzählen,
wie handgerecht Kleider- und Schuhbürsten liegen mußten;
denn man kam nicht selten mit durchaus nicht pastörlichem Aus⸗
sehen daheim an nach einem Kampf mit Morast und Sumpf
— innerhalb der Stadtgrenzen.

Wunder hat nun grundlegend gearbeitet, in konser⸗
vativer, biblisch⸗lutherischer Weise. Das war in diesem Lande
— und auch sonstwo — eine fast unbekannte Art geworden,
zu arbeiten im Weinberge Gottes öffentlich und privatim mit
dem einfachen Worte, ohne alle Fransen und menschelnde Mit⸗
telchen. Mit Luther sagten auch er und seine Mitarbeiter:
Wir haben nur Gottes Wort getrieben; das hat alles ausge⸗
richtet, während wir schliefen. Die Kirche durfte nämlich die
Pflöcke ihres Zeltes hier in Chicago weiter und immer weiter
stecken. Im Jahre 1872 zum Beispiel zählte unsere Synode
im Weichbilde der Stadt 9 Gemeinden mit 1200 stimmberech⸗
tigten Gliedern und 12,000 Kommunizierenden, 28 Lehrer mit
2859 Schülern. Von Anfang an hatten die Gemeinden gelernt,
die christliche Gemeindeschule als ihren Augapfel und als
ihren zuverlässigen Missionsarm zu achten. Wo immer eine
Ansiedlung einige Hoffnung gab, kaufte die in Betracht kom⸗
mende Muttergemeinde ein Grundstück, errichtete ein Schul⸗
gebäude, stellte einen Lehrer oder einen Hilfspastor hin, der
zuerst auch in der Schule arbeitete, und fast in jedem Falle
organisierte sich bald eine selbständige Gemeinde. Die hiesige
Lehrerkonferenz sang am Sarge D. Wunders tief ergriffen
ein Abschiedslied; sie sah ihn wegen seiner unentwegten Sorge
um die Gemeindeschule gerne als den Vater derselben dahier an.
ů Mit der Aufnahme von Gemeindegliedern
verfuhr man nicht zu rasch. Der selige P. Beyer schrieb einst
auch aus eigener Praxis: „Man diente Erwachsenen und Kin⸗
dern mit dem Wort, wo und wie man mit gutem Gewissen
konnte; doch wurden keine Glieder aufgenommen, welche nicht
der Lehre der lutherischen Kirche mit Herz und Mund zustimm⸗
ten, die Lehre auch durch einen gottseligen Wandel, namentlich
auch durch Fernhalten von kirchenfeindlichen Logen und ähn⸗
lichen Vereinen, beweisen wollten. Es wurde niemand das
Sakrament gereicht, er wäre denn erst (bei der Anmeldung)
verhört und nach Bekenntnis und Wandel als ein Lutheraner.
das ist, als ein wahrer Christ, erfunden worden.“ Der Teufel
baute seine Logenkapelle natürlich bald neben die Kirche Gottes.
Aber in der Logenfrage nahmen Wunder und seine Mit⸗
arbeiter sofort feste Stellung ein, obgleich Gefahr drohte, da⸗
durch das Missionswerk lahmzulegen und den Unierten ganze
Scharen zuzutreiben. Belehrung und Praxis trugen so herr—
liche Früchte, daß die immer rascher entstehenden Gemeinden
vorsichtig den „Logenparagraphen“ in ihre Konstitution sogleich
aufnahmen. Die Bahn wurde so frei, daß Logen und Anhang
eine eigene Begräbnisstätte einrichteten.

Im Jahre 1860 kauften die St. Paulus⸗ und die Imma⸗

nuelsgemeinde gemeinschaftlich ein Stück Acker und weihten

dann am zweiten Pfingsttage den ersten lutherischen Gottes⸗
acker dieser Stadt ein. Der selige Präses F. Bünger hatte sie
ermutigt: ein eigener Gottesacker in einer rasch aufblühenden
Stadt sei ein Mittel, eine Gemeinde zu festigen und zu ver—
mehren. Das erwies sich als Wahrheit. Einwanderer ließen
sich bald in großen Scharen hier nieder. Wer konnte sie alle
sogleich aufsuchen? Ehe sie noch eine lutherische Gemeinde
gefunden hatten, stand nicht selten schon ein Sarg im Hause.

Wohin mit dem teuren Leichnam?:, Kaum aber hatte sich die
Kunde von dem lutherischen Gottesacker verbreitet, da leistete
dieser auch schon treffliche Missionsdienste. Er heißt heute noch
im Volksmunde „Wunders Gottesacker“. Wunder war die
Seele der Verwaltung; nun schläft auch sein müder Leib in
dem Schoße dieses Gottesackers. Heute haben unsere hiesigen
Gemeinden vier solche Schlafstätten. Wunder erzählte aus
Erfahrung Beispiele des Segens für die Mission, den die beiden
ersten Gottesäcker gebracht haben, fügte dann aber auch mit
einem Seufzer hinzu: „Der Sorge um sie verdanke ich haupt⸗
sächlich mein frühes weißes Haar.“

Welche unerwartete Ausbreitung der rechtgläubigen
Kirche in Chicago hat Gott diesen Pionier erleben lassen! über
vierzig Gemeinden im Weichbilde der Stadt nennen St. Paul
ihre eigentliche Muttergemeinde, und alle erbaut auf dem
Grunde der Apostel und Propheten, da JEsus Christus der
Eckstein ist. Und immer noch wachsen aus alten Stämmen
kräftige Zweige hervor. Bis an sein Ende stand Wunder im
Rate der Konferenzbrüder und der hiesigen Gemeinden in erster
Reihe. Gott erhielt ihn aber als einen von Herzen demüti⸗
gen Christen. Als im Jahre 1882 in einer Publikation unserer
Synode ein Artikel über Gründung und Ausbreitung der luthe⸗
rischen Kirche in Chicago erschien, brach der Schreiber desselben
mit einem Briefe aus Wunders Feder abrupt ab und erklärte:
„Dem stimme ich zu.“ Der veröffentlichte Passus lautet: „Seit
ich hier in Chicago bin, hat sich die Einwohnerzahl von 30,000
auf 500,000 vermehrt. Ist es da etwas Besonderes, daß mit
der Zeit neue Gemeinden entstanden sind? Hätten sich an einem
andern Orte so viele Leute zusammengefunden, würde man da
nicht auch anderwärts viele Kirchen gebaut haben?“

Wunder war ängstlich gewissenhaft im Ausarbeiten seiner
Predigten und auch im Memorieren. Gott hatte ihm auch eine
schöne Predigtgabe verliehen, aber er hielt es nicht dafür und
predigte unter einem Druck von Angst. Als Wyneken Präses
war, kam er oft nach Chicago und kehrte bei Wunder ein.
Gerne kam er Mittwochs und ging dann abends mit zum Got⸗
tesdienst in der Schule. Das war Wunder schier unerträglich.
Was tun, um ruhiger predigen zu können? Er ermannte sich
eines Abends und sagte zu Wyneken: „Entweder predigen Sie
heute abend oder Sie gehen zu Bett!“ Wyneken legte sich zu
Bett, und Wunder zog getröstet zur Schule. Noch ein Beweis.
Eines Tages betrat Wunder in seinem hohen Greisenalter die
Studierstube seines Schwiegersohnes, P. K. Schmidt, und sagte:
„Ich komme heute zu dir als zu meinem Visitator.“ Dann
legte er seinen Fall vor und schloß mit den Worten: „So habe
ich gehandelt. Du bist mein Visitator; habe ich Strafe ver⸗
dient, so strafe mich und schone mich nicht.“ Dabei flossen dem
gebeugten Greise Tränen über die Wangen. P. Schmidt fügt
hinzu: „Mir ist Wunder nie größer erschienen, als da er sich
so tief demütigte.“ L. H.

Der Stand unserer Kassen.

In der letzten Nummer des „Lutheraner“ ist unsern Ge⸗
meinden der Bericht unsers werten Kassierers Schuricht für
das Jahr 1913 vorgelegt wor den. Der Unterzeichnete erlaubt
sich nun, dazu einige Bemerkungen zu machen.

Obwohl der Kassierer im verflossenen Jahre bei der Ver⸗

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