Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 3 › Seite 42

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 3. Februar 1914, Seite 42

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„* S er 2„Tuthorane

Da sah ich dann, daß die Ursachen gar verschiedene sind. Eine
ganze Anzahl gibt es, die wirklich keine Anverwandten haben,
bei denen sie Unterschlupf und Versorgung finden könnten;
andere haben Anverwandte, aber die sind kirchlos geworden
und würden einen christlichen Alten bald fortgeekelt haben;
noch andere hätten wohl bei christlichen Verwandten unter⸗
kommen können, aber sie können den Kinderlärm nicht er⸗
tragen und haben sich deshalb ein ruhiges Plätzchen ausgesucht
in diesem Asyl für Alte. Es gibt auch solche, die, wie sie selbst
angeben, „niemand zur Last fallen wollen“ und deshalb sich
ein Zimmer im Heim sicherten, von wo aus sie dann gelegent⸗
lich die Anverwandten und Freunde besuchen und sich, sobald sie
wollen, wieder in ihre Klause zurückziehen können. Bei all
diesen Fällen ist es in die Augen springend, daß ein solches
Asyl von großem Segen ist.

Allein auch für noch andere ist solch ein Heim ein Segen.
Aber die Ursache, warum diese in ihren letzten Tagen hierher
flüchten, ist überaus traurig. Man findet nämlich hin und
wieder diese Bemerkungen im Buch: „Kann nicht bei den Kin⸗
dern bleiben, weil die Kinder verschollen sind“, oder: „weil
die Schwiegerkinder keine Alten wollen“, oder: „Die Kinder
haben den Vater hinausgehen heißen.“ Und hört man gar
aus dem Munde solcher Greise den traurigen Abschnitt aus
ihrem Leben, da sie, nachdem sie den Kindern nichts mehr
hergeben konnten, dann hinausgegrault wurden, dann hat man
ein solches Lied gehört, wozu noch kein Komponist eine passende
Melodie erfunden hat.

In solchen Fällen fragt man erstaunt: Wie ist es möglich,
daß selbst christliche Kinder ihren alten, gebrechlichen, hilfs—
bedürftigen Eltern nicht die letzten Lebenstage versüßen, son⸗
dern sie fremden Leuten auf den Hals laden? Wie können
Kinder so aller natürlichen Liebe bar sein, daß sie ihren Vater,
der sich für sie den Rücken krumm gearbeitet, und die Mutter,
die sich die Hände oft wund gerieben hat, nun im Alter ver⸗
stoßen, ihnen nicht einmal ein bescheidenes Plätzchen einräumen
und ihnen die nötige Speise und Kleidung versagen? Sollte
es wirklich nicht möglich sein, außer für die eigenen Kinder
auch für die betagten Eltern Nahrung, Kleidung und Obdach
übrig zu haben? Kann etwa die Tochter, wenn auch ihr
Mann ihren Vater nicht in seinem Hause dulden will, gar
nichts für ihn tun? Denken solche Kinder gar nicht mehr an
die viele Mühe, Sorge, Arbeit, Pflege und die schlaflosen
Nächte, die sie einst ihren Eltern bereitet haben? Wollen sie
keine Geduld mit den Wunderlichkeiten der Alten tragen, ob⸗
gleich die Eltern, sonderlich die Mutter, manches Jahr Un⸗
arten und Trotz der Kleinen geduldig hat tragen müssen?
Denken solche Kinder gar nicht mehr daran, daß Gott im
Himmel von ihnen ausdrücklich im vierten Gebot Liebe und
Ehrerbietung gegen die Eltern fordert und ihnen zuruft: „Ver⸗
achte deine Mutter nicht, wenn sie alt wird!“? Fürchten sich
solche Kinder nicht vor dem furchtbaren Zorn Gottes, der solche
Lieblosigkeit gegen seine Stellvertreter strafen wird?

O wie viele Fragen stürmen da auf den beobachtenden
Besucher eines Altenheims ein, wenn er sieht, wie so viele
dieser leiblich und geistig Gebeugten von ihren Kindern ruchlos
verlassen sind! Es scheint, als gäbe es nur ein vernichtendes
Urteil gegen alle Kinder, deren Vater oder Mutter in einem
Altenheim Obdach, Nahrung, Kleidung und Pflege suchen
müssen. Alle Erzieher, seien es Eltern, Lehrer oder Seel⸗

sorger, können deshalb die Pflichten der Kinder gegen ihre
alten Eltern gar nicht ernstlich genug mit Gottes Wort ein⸗
schärfen.

Und doch, lieber Paul, habe ich wahrgenommen, daß, um
gerecht zu sein, nicht in allen Fällen der Stab über solche Kin⸗
der gebrochen werden darf, die ihre Eltern nicht bei sich ver⸗
sorgen. Es gibt da wunderliche Verhältnisse, die es den Kin⸗
dern oft ganz unmöglich zu machen, ihre Pflicht der Liebe zu
erfüllen, wenn sie es gleich aufrichtig wollen. Doch darüber
schreibe ich Dir nächstens.

Es grüßt Dich recht herzlich
Dein Onkel

C. M. N. Karl.

———

Zur kirchlichen Chronik.

P. H. B. Hemmeter von St. Louis hat den an ihn er⸗

gangenen Beruf als Präsident des Concordia-College in Conover,

N. C., angenommen. G.

Der 19. Februar dieses Jahres bringt einen Gedenktag, der
nicht unbeachtet vorübergehen soll. An diesem Tage sind 75 Jahre
vergangen, seit die letzte Abteilung der sächsischen Auswanderungs⸗
gesellschaft im Jahre 18389 hier in St. Louis ankam. Welche Be⸗
deutung diese Auswanderung für die ganze lutherische Kirche,
besonders für die lutherische Kirche unsers Landes, gehabt hat,
wie diese sächsischen Emigranten in hervorragender Weise an der
Gründung unserer Synode beteiligt waren, ist den älteren Glie⸗
dern unserer Synode allgemein bekannt, sollte aber auch dem
heranwachsenden Geschlecht in unserer Mitte nicht unbekannt
bleiben. „Gedenke der vorigen Zeit bis daher und betrachte, was
er getan hat an den alten Vätern“, 5 Mos. 32, 7. Darum ist
auch das fünfundzwanzigjährige und fünfzigjährige Jubiläum
dieses denkwürdigen Ereignisses seinerzeit gebührend gefeiert
worden. Von der ersteren Feier schreibt der selige D. Walther
in einem Briefe vom 21. Februar 1864: „Am 19. Februar
haben wir mit Stephan Ausgewanderten eine fünfundzwanzig⸗
jährige Gedenkfeier in der Aula veranstaltet. An diesem Tage
waren es nämlich gerade fünfundzwanzig Jahre, daß das letzte
Dampfschiff, welches Teile unserer Auswanderungsgesellschaft
brachte, in St. Louis ankam. Ich verlas nach einem Gesang
(Für deinen Thron tret' ich hiermit“) einen Abriß der Geschichte
unserer Emigration und hierauf die Namen aller Ausgewanderten
mit Angabe, ob sie noch lebten oder nicht, wo sie sich gegenwärtig
befinden, und was aus ihnen geworden. Fünfhundert Personen
mögen zugegen gewesen sein, trotz der scharfen Kälte, die viele
Gäste noch zurückgehalten hat. Es wurde sodann bei gemütlicher
Unterhaltung, in welcher man der gemeinsamen Erlebnisse ge⸗
dachte, einfach gegessen und getrunken. Berauschende Getränke,
Bier und Wein, waren verpönt; man stärkte sich an Kaffee,
Butterbrot, Käse, Wurst, Schinken und etwas Kuchen. Abends
trug das Singkränzchen die ‚Schöpfung“ von Haydn mit Klavier⸗
begleitung vor. Alles ging erst gegen Mitternacht heiter aus⸗
einander.“ — Die fünfzigjährige Feier wurde 1889 in besserer
Jahreszeit an drei Orten gehalten. In St. Louis fanden am
16. Juni Jubelgottesdienste innerhalb aller Gemeinden statt, be⸗
sonders eindrucksvoll in der Muttergemeinde, der festlich ge⸗
schmückten Dreieinigkeitskirche; der selige P. E. A. Brauer pre⸗
digte vormittags und P. H. Birkner abends englisch. Am fol⸗
genden Tage wurde von dieser Gemeinde ein Fest im Freien
abgehalten, besonders als Kinderfest, bei dem der selige D. Gräb⸗—
ner die Festrede hielt. In Perry Co., Mo., wo ja ein großer
Teil der Einwanderer sich niedergelassen hatte, wurden acht Tage

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