Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 24 › Seite 461

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 23. November 1915, Seite 461

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Der „Tutheranes 461

Es waren fünf ernste, herzerquickende Predigten, die wir
in vier Gottesdiensten anhören durften. Zur Eröffnung pre—
digte unser lieber Allgemeiner Präses Pfotenhauer über das
Thema: „Kinder Gottes sollen der Welt ein Segen sein“
(1 Mos. 19). In den andern Gottesdiensten predigten die
Pastoren Senne, Pflantz, Lüssenhop und Karstensen. Was für
ein mächtig erhebender Gemeindegesang war das! Welch sel—
tenen Genuß bereiteten uns die fleißigen Sänger des Gemeinde—
chors und unser wertgeschätzter Synodalchor mit Synodaloktett!

Für die Lehrverhandlungen der Vormittagssitzungen hatte
Prof. M. Gräbner von unserer Anstalt in Winfield fleißig vor—
gearbeitet und las ein Referat vor über den schweren Kampf
des Geistes wider das Fleisch, in dem Christen immer stehen.
Leider konnte diese sehr interessante, lehrreiche Arbeit nicht be—
endigt werden, da die Synode einem besonderen Anliegen etwas
Zeit widmen mußte.

Im übrigen verliefen die Sitzungen in oft beschriebener
Weise. Gewiß werden die freundlichen Worte der Erinnerung

unsers Ehrw. Allgemeinen Präses, daß auch dieser Distrikt ö

fortfahren möge, sich an der Sorge für unsere Lehranstalten
und unser weitverzweigtes Missionsfeld zu beteiligen, nicht ver⸗
geblich sein. Dasselbe gilt auch von der Erinnerung an unsere
Witwen⸗ und Waisen- und die Studentenkasse.

Besonders möge hier jedoch noch das große Werk der
Inneren Mission dieses Distrikts erwähnt werden. Seitdem
vor 54 Jahren die Pastoren Lange und Loßner ihre erste Mis—
sionsreise nach Kansas machten, ruht und rastet dies löbliche
Werk auch nicht in dieser Weltgegend. Weil dieser Distrikt so
recht eine Frucht der Inneren Mission ist, deswegen wird man
es erklärlich finden, daß auf jeder Synode so eingehend dar—
über berichtet wird. So hatte unsere Ehrw. Missionskom⸗
mission es sich nicht verdrießen lassen, vier große Landkarten,
auf welchen sämtliche Gemeinden und Predigtplätze des Di—
strikts verzeichnet waren, mitzubringen. Zuerst wurde die Karte
von Colorado aufgehängt. Acht selbständige Gemeinden und
44 Missionsplätze sah man auf dieser verzeichnet. üÜber letztere
berichteten acht anwesende Missionare in kurzen Worten. Hier—
auf kam Kansas an die Reihe. Obwohl in diesem Staat sich
viele blühende Gemeinden befinden, ist besonders im westlichen
Teil desselben doch noch viel Missionsarbeit zu tun. Zwölf
Missionare berichteten kurz und sachlich über ihre Arbeit an
30 Stationen im Staate. Nun wandte sich die Aufmerksam—
keit Oklahoma zu, das vor etwa fünfzehn Jahren so schnell
emporblühte, jetzt aber, nach überstandenen schweren Jahren,
sich besserer Zeiten erfreut und sicher voranschreitet. Von dort
waren 22 Missionare da und erzählten uns etwas über ihre
70 Missionsstationen. Den Schluß bildete der jüngste, sieben⸗
jährige Pflegling des Distrikts, New Mexico. Von dort waren
die zwei Missionare erschienen, um über ihre 12 Stationen zu
berichten. Das macht also zusammen 44 Missionare. Eine
schöne Schar junger Soldaten Christi! Gewiß waren sie auch
alle zur Synode gekommen, um sich Segen zu holen. Mancher
mag vielleicht an einsamer Vorpostenkette im ersten Feuer ge—
standen haben, brachte ein Herz voll Sorgen und holte sich
wieder neuen Mut und Eifer. Andere stehen vielleicht an einer
Parochie, die schon lange unterstützt worden ist, aber wenig
Fortschritt zeigt, der erwünschten Selbständigkeit näher zu
kommen. Das drückt nieder. Wie mag sich ein solcher im
stillen gefreut haben, als der werte Vorsitzer unserer Kom—

mission, P. P. D. Müller, in der Einleitung zu seinem Bericht,
gerade auf solche Verhältnisse Bezug nehmend, diesen Satz
brachte: „Werden wir nicht müde, uns dieser Glaubensbrüder
mit großer Langmut anzunehmen! Solange sie an solchen
Plätzen wohnen, werden sie der Regel nach der Kirche erhalten,
und ziehen sie weiter, so stärken sie andere Plätze, sei es inner—
halb, sei es außerhalb des Distrikts..

Doch wovon wußte diese Schar Missionare zu erzählen?
Von Freud' und Leid, von Fortschritten und in einzelnen Fällen
von Rückgang. Es geht im allgemeinen vorwärts auf unserm
Missionsfeld. Fünf Gemeinden sind wieder selbständig ge—
worden. Es ist ein langsamer Fortschritt, der von Synode
zu Synode, also in einem kleinen Zeitraum, nicht sehr bemerk—
bar ist. Ein Pastor an einer größeren Gemeinde äußerte in
einem Gespräch: „Letzten Sommer war ich einmal wieder in
meinem alten Missionsfeld in X., und wie habe ich mich ge—
wundert und gefreut über die schönen Fortschritte!“ So sieht
man auch nach Jahren fleißiger Arbeit viel Segen in der
Mission und freut sich desselben. Aus den Berichten hörte
man, wie fleißig und treu gearbeitet wird. Die kleinste Schar
ist nicht zu klein. Ein Pastor fährt regelmäßig Sonntagnach—
mittags einen ziemlichen Weg, um eine Familie zu bedienen.
Es wird fleißig Schule gehalten, an manchen Orten mit weniger
als zehn Kindern.

Man hörte auch von Beispielen wackeren Mutes und großer
Opferwilligkeit. Einer brachte dies Beispiel: „Eine meiner
Gemeinden zählt 15 Stimmberechtigte. dan hatte früher
manche geringe Ernten. Doch in diesem Jahr waren die Aus—
sichten auf eine Weizenernte gut. Sie beschloß deswegen, ein
Kirchlein zu bauen, und zeichnete 51500. Doch es kam Hagel
und vernichtete die ganze Weizenernte. Da sank der Mut.
Nun hoffte man, daß das Korn noch gut werden würde. Aber
vor etlichen Wochen ist auch dieses ganz verhagelt. Aber trotz—
dem wurde beschlossen: Wir wollen in Gottes Namen bauen
und den versprochenen Beitrag aufbringen.“ Die Missions-⸗
kommission erzählte folgendes: An einem Ort waren die Leute
so arm, daß sie den versprochenen Beitrag zum Gehalt nicht
aufbringen konnten. Sie wollten aber der Missionskasse, die
ja im vergangenen Jahre oft Schulden hatte, nicht noch mehr
zur Last fallen, borgten daher das Geld und bezahlten 18 Pro—
zent Interessen darauf. — So hörte mian gar mancherlei aus
der Mission und ermunterte sich gegenseitig, ja nicht müde zu
werden.

Mit großer Einmütigkeit beschloß die Synode, die Ge—
hälter der Missionare bis zu §600 jährlich zu erhöhen. Das
tat man, von dringender Notwendigkeit überzengt, obwohl die
Missionsfeste vorüber waren, und die Kasse §5800 Schulden
hatte. Es soll an alle kommunizierenden Glieder des Distrikts
eine besondere Bitte um eine Extragabe für dies Werk gerichtet
werden. Gott segne diesen Versuch!

Nachdem auch die Wahlen vollzogen waren, welche Präses
Jüngel samt den andern bisherigen Beaniten wieder an die
Spitze des Distrikts stellten, schloß die Synode. Am 13. Okto—
ber, morgens um 3 Uhr, traten wir die Heimreise an.

Jetzt steht wieder jeder an seinem Posten. Die Zeit ist
sehr ernst. Es ist die Abendzeit der Welt. Möge nun zur
eifrigen Weiterarbeit im Weinberg an seinem Teil mithelfen
auch dieser Gottessegen vom Hermannsberg!

P. Kretzschmar.

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