Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 24 › Seite 462

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 23. November 1915, Seite 462

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Aus unserer ostindischen Mission.

II.

Was wir in der vorigen Nummer von der Schädigung
der Heidenmission im allgemeinen durch den Weltkrieg sagten,
trifft nun auch zu auf unsere ostindische Mission. Die Lage
hat sich seit unserm letzten Bericht noch verschlimmert. Ende
August erhielt die Frau unsers Missionars A. Hübener, der
seit zehn Monaten mit mehr als einhundert andern deutschen
Missionaren in dem großen indischen Kriegsgefangenenlager
von Ahmednagar sich befindet, die Weisung von der englischen
Regierung, daß sie mit ihren fünf Kindern bis Mitte Septem⸗
ber zur Abreise nach Deutschland bereit sein müsse; sie durfte
auch vorher noch nicht einmal ihren gefangenen Gatten besuchen
und ihm sein jüngstes Kind zeigen, das während seiner Gefangen⸗
schaft geboren war. Ebenso hat unser Missionar Stallmann, der
bisher noch frei war und in der Mission arbeiten konnte, die
Nachricht erhalten, daß er nach Ahmednagar abgeführt wer—
den, und seine Frau mit ihren beiden kleinen Kindern nach
Deutschland reisen müsse.!) Das ist ein schwerer Schlag, denn
dadurch wird uns wieder ein Missionsarbeiter, der doch gerade
jetzt so bitter nötig ist, entzogen. Und daß die weite, beschwer⸗
liche Reise über das Weltmeer, dann durch Frankreich und die
Schweiz oder über Holland mit kleinen Kindern ohne männ⸗
lichen Schutz und Beistand für die Missionarsfrauen nichts Ge—
ringes ist, liegt auf der Hand. Nach den neuesten Nachrichten,
die gerade vor Schluß dieser Nummer eingelaufen sind, sind
diese Verfügungen der englischen Regierung noch nicht aus—
geführt worden, teils weil englische Missionare dagegen vor—
stellig geworden sind, teils wohl auch, weil die Reise durch den
Suezkanal und das Mittelländische Meer augenblicklich zu ge—
fährlich ist. Aber trotz solcher schweren Zeiten sind unsere
Missionarsleute in Gott getrost. In dem einen Briefe, der
diese schlimmen Nachrichten bringt, heißt es: „Oft denkt man,
warum Gott der SErr es nur zuläßt, daß so viel Arbeit im
Reiche Gottes stillstehen und zerstört werden muß; doch denen,
die Gott lieben, müssen alle Dinge zum besten dienen.“ In
einem andern Briefe steht: „Doch der treue Gott hat auch
hier sicher seine besonderen Wege mit uns vor.

„Führt er uns auch rauhe Wege,

Gibt er doch die nöt'ge Pflege.
Das habe ich in diesem letzten Jahre in ganz besonderer Weise
erfahren.“

Vor allem sind auch unsere zurückbleibenden Missionare
nicht entmutigt, sondern fleißig an der Arbeit. Sie wissen, daß
es trübe aussieht, und daß durch diese Verfügungen dem Werke
der Mission großer Schaden zugefügt wird. Aber sie wollen
die Zeit auskaufen und wirken, solange es Tag ist, und mit den
ihnen anvertrauten Pfunden wuchern. Nur die eine Klage
kommt immer wieder von ihnen über das Weltmeer wie auch
in einem der allerletzten Briefe: „Wenn wir nur noch mehr
Arbeiter hätten!“ eine Klage, die wir hiermit weitergeben be—

)) Diese Verfügung der englischen Regierung trifft natürlich andere

Missionen noch viel empfindlicher als die unsrige, besonders auch die be—
kannte Leipziger Mission. Alle Männer in militärpflichtigem Alter sollen
interniert, diejenigen, die über das Militäralter hinaus sind, mit allen
Frauen und Kindern nach Deutschland deportiert werden, auch wenn sie
noch so lange in Indien waren.

sonders an unsere jüngeren Pastoren, und im Namen der
Kirche fragen wir: Wen sollen wir senden? Wer will unser
Bote sein? Gott erhalte unsere lieben Missionare in dieser
Gesinnung, gebe ihnen heiligen Mut, guten Rat und rechte
Werke und mache uns hier in der Heimat recht eifrig und
fleißig, sie mit treuer, brünstiger Fürbitte zu begleiten in
diesen bösen Zeiten! —

Kürzlich lag der Kommission die Bitte eines unserer Mis—
sionare vor, zwischen zwei Dörfern auf seinem Missionsgebiet
ein neues Schulgebäude zu errichten. Ein Stückchen Land dazu
will ein Eingeborner, der einer höheren Kaste angehört und
sich für die Sache interessiert, schenken. Die Kosten dieses
Baues werden auf 125 Rupien, etwa 40 Dollars, veranschlagt.
Der Missionar hegt die Hoffnung, daß auch andere höhere
Kastenleute, vielleicht sogar solche von der höchsten Kaste der
Brahminen, ihre Kinder schicken werden. Dabei schreibt er
folgendes: „Natürlich ist es den höheren Kasten eigentlich nur
um die Bildung im Weltlichen zu tun. Wenn aber gründlicher
Religionsunterricht erteilt wird, warum soll der Heilige Geist
nicht an ihren Herzen wirken? Man sagt dazu, die Erfahrung
anderer Missionen lehre, daß vor Menschenaugen auf die Weise
bisher wenig ausgerichtet worden ist. Dazu kann gesagt wer—
den: In vielen derartigen Schulen fehlt es sehr am rechten
Religionsunterricht; zum Beispiel kenne ich eine Schule, eine
große Secondary Schoolh wo eine halbe Stunde darauf verwandt
wird. Und Eingeborne haben mir gesagt, auch diese halbe
Stunde sei nur da, damit die Anstalt als christliche gelte und
die Unterstützung (vom Staate) erhalte. Das gilt auch von
andern. An vielen Anstalten, in denen Religion gelehrt wird,
stehen Männer, die glauben, daß auch durch heidnische Religion
Menschen selig werden. Wer kann dann Bekehrungen er—
warten? Es hat aber früher Schulen gegeben, wo Brahminen
und andere die christliche Religion kennen gelernt und angenom⸗
men haben. Da lehrte man aber anders als jetzt. Meines
Erachtens findet man auf die Frage: Warum gibt es in
Travancore nicht mehr Brahminenchristen? die Antwort, wenn
man das Schulwesen der hier arbeitenden Missionen kennen
gelernt hat. Wir dürfen freilich auch nicht vergessen, daß es
nicht unsere Arbeit, sondern Gott allein ist, der die Menschen
bekehrt. Doch tun sollen wir, was wir können.“ Ganz richtig.
Die Kommission hat darum auch gern diesen Bau bewilligt.
Wir wollen jede Gelegenheit wahrnehmen, Gottes Wort an
die Leute zu bringen. Den Erfolg befehlen wir Gott.

Freilich, das Unterrichten ist immer eine schwere, oft auch
eine fast vergeblich erscheinende Arbeit. Darüber klagt ein
anderer Missionar in seinem Bericht. Er erzählt, wie er
Biblische Geschichte und den Katechismus treibt, und sagt dann
weiter: „Freilich, es hält schwer, den Leuten etwas beizu⸗
bringen. Sie begreifen nicht allzuleicht und vergessen schnell.
Und muß man schon klagen, daß ihnen wenig im Gedächtnis
haften bleibt, so hat man noch viel mehr Ursache, darüber Be—
schwerde zu führen, daß das Gesagte und Gelernte auf ihre
Herzen so wenig Eindruck macht. Der Straßenfeger weiß, wo
er mit seinem Besen hingekommen ist, aber unsere Leute stechen
nicht so gegen ‚die draußen ab, daß man deutlich sieht, daß
der Besen des Wortes Gottes an ihnen gewirkt hat. Wieviel
Sauerteig der Bosheit und Schalkheit gibt es nicht noch bei
ihnen auszufegen! Man wird fortwährend von ihnen an—
gelogen. Man merkt so wenig von Nächstenliebe. Sie zanken

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