Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 24 › Seite 464

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 23. November 1915, Seite 464

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eigenes Bekenntnis, sondern bekennt sich zu den Bekenntnis⸗
schriften zweier anderer Kirchen, nämlich der lutherischen und der
reformierten, soweit sie übereinstimmen; wo sie auseinander—
gehen, wird jedem Freiheit gestattet, nach seiner überzeugung zu
lehren und zu glauben. Dieser kirchliche Körper wollte, wie die
preußische Union, die lutherische und die reformierte Kirche zu
einer Kirche verschmelzen. Das Resultat war aber, daß der
Spaltung nur noch mehr wurde; statt zwei waren es nun drei
Kirchen. Von diesem ihrem „so oft angefochtenen kirchlichen Be—
kenntnis“ wird in einem Referat gerühmt: „Mit demselben sind
die synodalen Väter ihrer Zeit 75 Jahre oder mehr vorausgeeilt,
wenn man die traurigen denominationellen Zersplitterungsver—
hältnisse der protestantischen Kirche unsers Landes in Betracht
zieht.“ Das ist doch wohl zu viel gerühmt. Unionismus und
Indifferentismus (Gleichgültigkeit gegen die Unterscheidungs⸗
lehren) hat es immer schon gegeben; und den soll man ja nicht
nähren. In demselben Referat heißt es auch: „Mag auch hier
und dort, besonders unter vorwiegend englischen Denominationen
unsers Landes, diese kirchliche Zeitströmung“ (nämlich der „Zug
nach Einigung“) „die Gefahr eines prinzipienlosen Latitudinaris⸗
mus andeuten, so läßt sich doch nicht leugnen, daß eine Zeit gegen—
seitigen Verstehens und damit einer gegenseitigen Annäherung
eingesetzt hat. Ob diese Zeitströmung und wie dieselbe die
denominationellen Nerhältnisse zum Segen der gesamten prote⸗
stantischen Kirche unsers Landes beeinflussen wird, kann kein
Sterblicher voraussehen; aber eine solide historische, hinreichend
erprobte Grundlage streng biblisch gläubigen Charakters für eine
weitgehende Einigung ist in unserm synodalen Bekenntnis ent—
halten. Mehr kann nicht, weniger darf nicht gefordert
werden.“ Damit ist anerkannt, daß es für die Lehrfreiheit doch
eine Grenze geben muß. Und da ist es doch reine Willkür, zu
sagen: „Die Unterscheidungslehren zwischen der lutherischen und
der reformierten Kirche werden freigegeben; da hört die Freiheit
aber auf“, zu sagen: „Mehr kann nicht, weniger darf nicht
gefordert werden“ und das dann eine „solide historische, hin—
reichend erprobte Grundlage streng biblisch gläubigen Charakters
für eine weitgehende Einigung“ zu nennen. In einem andern
Zusammenhang wird diese Lehrfreiheit mit ihren Grenzen so ge—
zeichnet: „Mit welchen theologisch sein sollenden Floskeln, Fransen
und Phrasen jemand seine Ansichten über Lehrpunkte sekundärer
oder hundertfach geringerer Art immerhin verbrämen mag, so
wird dies doch stillschweigend fast überall als eine Privatange-—
legenheit betrachtet, solange er sich damit nicht heuchlerisch in
Widerspruch mit den Sonderlehren seiner Kirche setzt, auf welche
er zurzeit verpflichtet ist.“ Also alles darf man lehren bis zu der
Grenze hin, daß man sich „in Widerspruch mit den Sonderlehren
seiner Kirche setzt, auf welche er zurzeit verpflichtet ist'. Damit
ist doch willkürliche menschliche Autorität gesetzt. Dagegen sagt
die lutherische Kirche: „Wir haben eine andere Regel, daß näm⸗
lich die Heilige Schrift Artikel des Glaubens setzt und sonst nie—
mand, auch kein Engel.“ — In der Evangelischen Synode will
man keine Lehrstreitigkeiten haben. Aber dabei gibt es bei jeder
Gelegenheit gehässige persönliche Ausfälle gegen die Lutheraner.
Die werden „Altlutheraner“ tituliert. Da wird geredet von
„verdammungssüchtigem Partikularismus“, von „alleinwahren“,
„alleinseligmachenden“, „hyperorthodoxen, exklusiven Männern,
welche, der Tragik ihrer Handlungsweise unbewußt, mit prähisto⸗
rischen Keulenschlägen jede kirchliche Bewegung niederzuschmettern
suchten, die über den engen Kreis ihres Alleinseligmachens hinaus⸗
drängte. Wer eben die verballhornisierte Idee hat, daß fast un⸗
mittelbar nach der mittelalterlichen theologischen Nebelstecherei die
kirchlich-theologischen Formeln absolut fixiert waren, der wird
nach altem Grundsatz: Extra ecclesiam nulla salus (außerhalb
der Kirche kein Heil) wie die römische Kirche richten und ver—

dammen, hindern und schaden, und man darf's ihm kaum übel
deuten; denn er meint, er tue Gott einen Dienst daran“. Da
werden solche Schauergeschichten erzählt und versichert, daß da
„nicht ein Phantasiestücklein geboten wird, sondern Geschehenes“:
„Vor etwa dreißig Jahren schrieb ein Professor einer „allein—
wahren“ Lehranstalt einen Traktat des Inhalts, daß ein luthe—
rischer Christ, wenn er einer zunierten“ Trauerfeierlichkeit bei⸗
wohnen müsse, nicht mitbeten solle, da die ‚Unierten“ einen andern
Gott anbeteten. Er verfaßte sogar ein Gebet, dessen jeder ‚Allein—
wahre“ sich bei solchen Gelegenheiten bedienen sollte. Dagegen
läßt sich nichts einwenden; nur ist zu bedauern, daß der Herr
Professor in seiner gelehrten Zerstreutheit den Tag seiner Geburt
in ein so spätes Zeitalter verlegte. Bei jenem historischen Er⸗
eignis am Bodensee, als man Hus verbrannte, hätte er sich eine
päpstliche Medaille holen können. Wenn nun dergleichen am
grünen Holze geschieht, wie soll's am dürren werden? Dem
Referenten schrieb einmal ein „Alleinwahrer“ kleineren Kalibers:
„Eine Gemeinde, die einer Synode angehört, welche Lutheraner
und Reformierte, Wahrheit und Lüge, Christus und den
Teufel unieren will, welche weder warm noch kalt, sondern lau ist,
kann doch keine rechtgläubige, sondern nur eine falschgläubige
sein.“ Ein Pionier unserer Synode berichtete, daß ein „allein⸗
wahrer‘ Denominationsheld sich zu einem entgegengesetzten Hero—
strat entwickelte, indem er an die Tür eines Schulhauses, in
welchem Evangelische und ‚Alleinwahre“ abwechselnd Gottesdienst
hielten, ein Plakat mit der Inschrift heftete, daß Satanas, Fürst
der Hölle, aus Dankbarkeit gegen die Unierten das Feuer vier⸗
undzwanzig Stunden lang eingestellt habe. Das besagte Schrift⸗—
stück trug die offizielle Unterschrift: Satanas, Fürst der Hölles
— selbstverständlich in ordnungsmäßiger Stellvertretung! Der⸗
gleichen praktische Theologismen dürften billig der Vergessenheit
anheimgegeben werden, wenn nicht der Gedanke ebenfalls seine
Berechtigung hätte, daß solche Exemplare theologischer Leichname
ebensowohl der Konservierung in einem theologischen Museum
würdig sind wie die altägyptischen in einem rein weltlichen.“
Solche Kampfesweise ist immer garstig, am garstigsten, wenn sie
gehandhabt wird von Leuten, die sich aufspielen als Friedens⸗
apostel, die den theologischen Hader aus der Welt schaffen und die
Kirche einigen wollen. So wird die Einigkeit der Kirche nicht ge—
fördert, sondern gerade durch ernsten, ohne menschliche Leiden—
schaft geführten Lehrkampf, daß man die göttliche Wahrheit über—
zeugend darlegt und den Irrtum durch Gottes Wort bloßstellt.
Da werden dann, die aus der Wahrheit sind, der Wahrheit bei—
fallen. So wird in gottgefälliger Weise auf die Einigung der
Kirche hingearbeitet. Denn der HErr, der gebetet hat: „Daß sie
alle eins seien“, der hat auch gesagt: „So ihr bleiben werdet an
meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die
Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen“,
Joh. 8, 31. 32. E. P.
Dürfen wir uns von der weltlichen Obrigkeit den Kampf
gegen die falsche Lehre verbieten lassen? Müssen wir zu allem
Irrtum stillschweigen, damit im Lande die Ruhe und der Friede
erhalten bleibe? Wie kommen wir zu dieser Frage? Unser
Präsident hat vor kurzem eine Rede gehalten, die durch die
Zeitungen im ganzen Lande bekanntgegeben wurde; und in
dieser Rede findet sich ein Abschnitt, der wohl nicht so böse ge—
meint ist, aber so klingt, als ob er allen Streit um die Lehre
als einen Bruch des bürgerlichen Friedens hinstelle, als eine Un—
gehörigkeit, die das Volk nicht dulden solle. Nachdem er ermahnt
hatte, daß man in dem großen Weltkriege ja neutral bleiben solle,
und auch stark ausgeführt hatte, daß alle diejenigen, welche ihre
Sympathie für eins der kriegführenden Länder ausgesprochen
hätten, zur Rechenschaft gezogen werden sollten als Leute, die
jenes Land mehr liebten als ihr eigenes Vaterland, fuhr er so

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