Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 26 › Seite 501

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 21. Dezember 1915, Seite 501

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Amerikaner den Weltkrieg im Gange erhalten. Er bezeichnet es
als ein „Sinken der öffentlichen Moral“, daß nicht das ganze
Volk wie ein Mann sich gegen dieses verbrecherische Tun erhebt.
Er bezeichnet dieses Tun als „Mord“ mit der Begründung: „Das
Wort ist recht gewählt: Mord ist es, wenn Privatpersonen am
Kriege teilnehmen.“ D. Hall weist darauf hin, wie bitter wir
uns einst ausgelassen haben, „gls England den Südstaaten wäh⸗
rend des Bürgerkrieges die Waffen lieferte“. Er fordert uns
Amerikaner auf, „uns zu den anständigen neutralen Mächten zu
gesellen, die es keinem Privathändler gestatten, den kriegführenden
Völkern Waffen zu verkaufen, ja, die nicht einmal erlauben, daß
solche durch ihr Land transportiert werden. Nicht eine einzige
neutrale Macht Europas gestattet die Ausfuhr und den Handel
mit Waffen. Wir einzig, wir Apostel des Friedens, tun es, und
wir verteidigen noch mit heuchlerischen Phrasen unser Geschäft“.
Das ist leider alles wahr. Aber das Wort „Heuchelei“ bedarf
einer Anmerkung. Wenn man unter „Heuchelei“ den unmorali—
schen Zustand versteht, in dem man sich seines bösen Tuns be⸗—
wußt ist, so glauben wir nicht, daß das Wort auf ahle Ameri—
kaner Anwendung findet, die die Munitionslieferung besorgen
oder doch in ihrem Herzen billigen. Wir müssen hier an das
erbsündliche Verderben des menschlichen Herzens denken.
Der Mensch ist von Natur so boshaft und so lügenhaft, daß es
sich seiner Wahrnehmung entzieht, ja, daß er Ungerechtigkeit für
Gerechtigkeit, Unvernunft für Vernunft, Mord für einen Akt der
Humanität hält. Deshalb sagt unser lutherisches Bekenntnis in
den Schmalkaldischen Artikeln (St. Louiser Ausgabe, S. 230)
von der Erbsünde: „Solche Erbsünde ist so gar eine tiefe, böse
Verderbung der menschlichen Natur, daß sie keine Ver⸗
nunft nicht kennet, sondern muß aus der Schrift Offen⸗
barung geglaubt werden.“ Die Schrift sagt von dem verderbten
Menschen, daß er „durch Lüste in Irrtum sich verderbet“L. Der
Mensch richtet sich und andere zugrunde, er ladet auf sich und
andere Gottes schrecklichen Zorn, ohne es zu merken. Ja,
er meint wohl gar, daß er recht tue und sich und andern einen
Vorteil zuwende. Selbst Kinder Gottes bekennen und bitten
daher: „Wer kann merken, wie oft er fehlet? Verzeihe mir die
verborgenen Fehle! Bewahre auch deinen Knecht vor den Stolzen,
daß sie nicht über mich herrschen; so werde ich ohne Wandel sein
und unschuldig bleiben großer Missetat“, Ps. 19, 13. 14. Unser
Bekenntnis erinnert auch an die Wirksamkeit des Teufels, sonder⸗
lich in Zeiten der Aufregung. Wenn die Leidenschaften, nament—
lich auch die rassenverwandtschaftlichen Leidenschaften, erregt sind,
dann nimmt der Teufel den Menschen leicht den letzten Rest der
natürlichen Vernunft und der natürlichen Ehrbarkeit. Und über⸗
heben wir uns nicht! Auch hier gilt es nicht zu sagen: „Ich
danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie andere Leute!“ Wenn wir
auch durch Gottes gnädige Führung und Bewahrung den Sinn
für Recht und Gerechtigkeit in diesem Weltkriege nicht verloren
haben: kommt es nicht manchmal vor, daß in unserm eigenen
Herzen, in unserer Familie, in unserm Hause, in unsern Ge—
meinden und in der Kirche im allgemeinen aus Parteinahme Un—
recht als Recht verteidigt wird? Khrie, eleison! F. P.
Daß die Logen schriftwidrig und dazu höchst unsicher sind,
daß darum selbst vom geldlichen Standpunkt aus diejenigen recht
töricht handeln, die ihr Geld in dieselben stecken, ist von unserer
Kirche immer bezeugt worden. Wenn nun auch eine weltliche
Zeitung das pekuniär Unsichere der Logen hervorhebt, so ist das
interessant und mag manchen vor Torheit bewahren. Ist da näm⸗
lich vor kurzem die Zahl der verkrachten Logen um eine vermehrt
worden: die Loge der sogenannten Knights of Honor hat ihre
Zahlungen eingestellt. Der Paterson Mornin/ Call bespricht in
der Ausgabe vom 1. Oktober die Sache, und zwar an prominenter
Stelle, im ersten Leitartikel. Sie nennt die Schwierigkeiten, die

sich in den letzten Jahren häuften: „Erhöhung auf Erhöhung
der Auflagen kam, und da die alten Glieder dieselben am schwer—
sten empfanden, gewann die Meinung die Oberhand, daß alles
darauf abgesehen sei, die alten Männer hinauszudrängen. . ..
Die ganze Geschichte fiel zusammen dadurch, daß ein Massenver⸗
walter (receiver) eingesetzt wurde, um die Geschäfte des Ordens
abzuwickeln. Dies ist sehr schwer für die Glieder, von denen
viele in Paterson wohnen, und deren Familien nun hilflos ge—
lassen sind. Es ist ebenfalls eine unangenehme Nachricht für die
Glieder anderer brüderlicher Versicherungsorden [Logen!], die sich
einbilden, daß sie sicher seien; auch sie werden früher oder später
denselben Weg gehen miissen.“ So berichtet das „Gemeinde- und
Missionsblatt“. — Woher weiß der Paterson Mornin9 Call, daß
die andern alle früher oder später denselben Weg gehen werden
und müssen? Aus den unerbittlichen Gesetzen der Rechenkunst.
Man kann eben aus einem Beutel nicht mehr herausnehmen, als
hineingetan worden ist, und wenn er noch so groß ist. Das ist
uns ja nichts Neues; das hat der „Lutheraner“ oft gesagt. Er
hat aber auch so manches Mal gesagt, daß die Logen im Geist—
lichen noch viel gefährlicher und verderblicher sind. Aber der
Teufel nimmt eben den Leuten, die er am Strick hat, sowohl den
geistlichen als auch den natürlichen Verstand, wenn es für sein
Höllenwerk nötig ist. Das größte Hindernis für die Mission und
für das Gedeihen der Kirche, die das Evangelium von Christo
verkündigen und zur Geltung bringen will, sind nächst dem Teufel
in eigener Person eben die Logen. Das erfahren unsere Pastoren
und Missionare allenthalben. Und wie fest dieser Satansstrick
die Leute hält, weiß auch jeder, der mit so Verstrickten zu tun
gehabt hat. E. P.

Das gäbe noch ein hohes „kirchliches“ Fest. In Youngs-⸗
town, O., haben die Ärzte um die Kanzeln in den verschiedenen
Kirchen der Stadt gebeten, um am „Gesundheitssonntag“ ihre
Ideen kundmachen zu können. So ist es recht. Mit Mothers'
Day“ fing der Unfug an, und vielleicht haben die mancherlei nahen
und fernen Verwandten jetzt ihren Sonntag. Wenn man nun
jedem der Berufe und Gewerbe seinen Sonntag gäbe, dann wür—
den vielleicht alle Sonntage im Jahr besetzt sein, so daß man nicht
in die Verlegenheit käme, an einem etwa noch unbesetzten Sonntag
das Evangelium von Christo predigen zu müssen. Der „Deutsche
Lutheraner“, dem wir diese interessante Nachricht entnehmen,
macht die Bemerkung: „Wir glauben kaum, daß die lutherischen
Kanzeln dieser Neuerung Folge leisten werden.“ Kaum! Wir
halten eben mit der Augsburgischen Konfession, daß „niemand
in der Kirche öffentlich predigen, lehren oder Sakrament reichen
soll ohne ordentlichen Beruf“. Einen Beruf zu genanntem
Kirchendienst haben jene Leute nicht; predigen, lehren und
Sakrament reichen werden sie auch nicht wollen. Somit ist be—
sagte Einrichtung eines „Gesundheitssonntags“, wie ähnliche Ein—
richtungen auch, ein Unfug, so gewiß Urzte nicht Prediger sind,
und Gesundheitslehre nicht Evangelium ist. E. P.

über einen Versuch zur Verständigung zwischen Katholiken
und Freimaunrern melden die täglichen Blätter nach einer Depesche
aus Chicago: „Um zu versuchen, die seit Jahrhunderten bestehen—
den Mißverständnisse zu beseitigen, werden Glieder des Frei—
manrerordens und der Knights of Columbus Bourke Cockran,
einen Katholiken und ein Glied der Knights of Columbus, hören,
der am Dienstagabend im Coliseum einen Vortrag halten wird,
betitelt: Eine Aufforderung zum Frieden. Richter Samuel
Alschuler von der United States Circuit Court, ein Jude und
ein Freimanrer, hat versprochen, den Vorsitz zu führen. Elmer
Rogers, Herausgeber des Masoniec Chironicde, sagte, er habe ge—
hört, daß viele Freimaurer Einladungen erhalten hätten. Herr
Rogers sagt: Die Tatsache, daß Richter Alschuler den Vorsitz
führen wird, scheint anzudeuten, daß der Wunsch besteht, die

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