Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 56, Nummer 19 › Seite 290

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 18. September 1900, Seite 290

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Freiheit. —— 5 · Glaube 27 · Mitteldinge 6

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Dann soll ein Christ die Schwachgläubigen freundlich zu be⸗
lehren suchen. Er soll ihnen zu zeigen suchen, daß das, was er
thut, ja ein Mittelding ist, daß es von Gott in seinem Worte
weder geboten noch verboten ist, daß es in christlicher Freiheit
steht, daß niemand eine Ursache hat, sich daran zu ärgern, ja, daß
niemand daran Aergerniß nehmen darf.

Gelingt ihm das aber nicht, kann er die Schwachgläubigen
nicht überzeugen, sieht er, daß sie dennoch an seinem Thun Aerger⸗
niß nehmen — was soll ein rechter Christ dann thun? Dann soll
er um der Liebe willen sich in dem betreffenden Stücke des Ge⸗
brauchs seiner christlichen Freiheit enthalten. Dann soll er den
Schwachen zu Liebe etwas, was Gott nicht geboten hat, doch lie⸗
ber thun, oder etwas, was Gott nicht verboten hat, doch lieber
lassen, nur damit er seinen Bruder nicht ärgere.

Wir meinen, das ist leicht einzusehen. Es ist ja auch im
gewöhnlichen Leben so. Wenn ein leiblich Schwacher lautes
Sprechen nicht vertragen kann, dann spricht man eben leise.
Thut man das nicht, nimmt man auf den leiblich Schwachen
keine Rücksicht — dann ist man ein grober Esel und ein liebloser
Mensch und sündigt auch. Viel mehr ist es so im geistlichen und
Christenleben. Sieht ein Christ, daß geistlich Schwache sich an
etwas ärgern und also etwas nicht vertragen können, was in
christlicher Freiheit steht, so läßt ein Christ es eben. Und sieht
ein Christ, daß geistlich Schwache etwas verlangen, was in christ⸗
licher Freiheit steht, nun, so thut ein Christ das. Wenn jemand
sagen wollte: „Ah bah, was ich da thue und lasse, das hat Gott
in seinem Worte weder geboten noch verboten, ich kann es also
machen, wie ich will, auf andere brauche ich keine Rücksicht zu
nehmen“ — wenn jemand so sagen wollte, so würde er gröblich
irren und gar lieblos sein und sich schwer versündigen. Er würde
sich versündigen an seinem schwachen Bruder, der sich dann ärgern
würde, und er würde sich versündigen an Gott, der in seinem
Worte klar und ausdrücklich befiehlt, daß Christen im Gebrauch
ihrer christlichen Freiheit auf ihre schwachen Brüder die aller⸗
liebevollste und allerzarteste Rücksicht nehmen sollen.

Ja, Gott befiehlt in seinem Worte, daß wir in allen den
Dingen, die in christlicher Freiheit stehen, die Liebe walten
lassen sollen. Wo Gott durch sein Wort unser Thun und Lassen
nicht ausdrücklich bestimmt, da soll die Liebe zum Nächsten
es bestimmen. Nehmen Schwachgläubige an solchem Thun eines
Christen Anstoß, das in christlicher Freiheit steht, so hat ein Christ
sie zu belehren; wo aber dies nicht gelingt, hat er um der Liebe
willen sich des desfallsigen Gebrauchs seiner christlichen Freiheit
zu enthalten. Das befiehlt Gott.

Und daß Gott das in seinem Worte befiehlt, das wollen
wir jetzt zeigen.

Wir schlagen das 14. Capitel des Briefes St. Pauli an die
Römer auf. Da schreibt der Apostel also:

„Den Schwachen im Glauben nehmet auf“, ganz
liebreich und in brüderlicher Treue, „und verwirret die
Gewissen nicht“ durch liebloses Richten und Verwerfen der
Meinungen und Gedanken anderer. „Einer“ (zum Beispiel)
„glaubt, er möge allerlei essen“, auch die im Alten
Testament für unrein erklärten Speisen, und das ist ja recht;
„welcher aber schwach ist, der isset Kraut“, weil er
fürchtet, daß das ihm vorgesetzte oder verkaufte Fleisch etwa un⸗
rein, nicht „koscher“, sein möchte. „Welcher isset“ und also

in dem Stücke stark und recht in der Erkenntniß ist, „der ver⸗
achte den nicht, der da nicht isset“ und also schwach in
der Erkenntniß und im Glauben ist; „und welcher nicht

isset, der richte den nicht, der da isset; denn Gott

hat ihn aufgenommen“, den Starken im Glauben wie den
Schwachen im Glauben. „Wer bist du, daß du einen
fremden Knecht“ (nämlich einen Knecht Gottes) „richtest?
Er stehetoder fället seinem Herrn. Er mag aber“,
wenn er auch, wie du meinst, wankt und fällt, „wohl auf⸗
gerichtet werden; denn Gott kann ihn wohl auf⸗
richten“: wie darfst du ihn also richten und verwerfen? —
„Einer“ (um ein anderes Beispiel anzuführen) „hält einen
Tag vor den andern“, das ist ein Schwachgläubiger; „der
andere aber hält alle Tage gleich“, das ist, der Er⸗
kenntnißreiche. „Ein jeglicher sei in seiner Meinung

gewiß“, das heißt, er wanke und zweifle nicht in seinem Ge⸗

wissen über dem, was er thut. „Welcher auf die Tage
hält“, weil er noch schwach in der Erkenntniß ist, „der thut's
dem HErrn“, um dem HErrn zu dienen; „und welcher
nichts drauf hält, der thut's auch dem HErrn. Wel⸗
cher isset, der isset dem HErrn, denn er danket Gott;
welcher nicht isset, der isset dem HErrn“ (um dem
HErrn zu dienen) „nicht, und danket Gott. Denn unser
keiner“, die wir, wir seien nun schwach oder stark, doch gläu⸗
bige Christen sind, „lebt ihm selber, und keiner stirbt
ihm selber. Leben wir, so leben wir dem HErrn;
sterben wir, so sterben wir dem HErrn. Darum, wir
leben oder sterben, so sind wir des HErrn. Denn
dazu ist Christus auch gestorben, und auferstanden,
und wieder lebendig worden, daß er über Todte
und Lebendige HErr sei. Du“ (Schwacher) „aber, was
richtest du deinen Bruder? Oder du anderer“(Starker),
„was verachtest du deinen Bruder? Wir werdenalle
vor dem Richtstuhl Christi dargestellet werden; nach⸗

dem geschrieben stehet: So wahr als ich lebe, spricht

der HErr, mir sollen alle Kniee gebeuget werden,
und alle Zungen sollen Gott bekennen. So wird
nun ein jeglicher für sich selbst Gott Rechenschaft
geben. Darum lasset uns nicht mehr einer den an⸗
dern richten; sondern das richtet vielmehr, daß nie⸗

mand seinem Bruder einen Anstoß oder Aergerniß

darstelle.“ Das ist es, was Gott insonderheit von denen, die
die rechte Erkenntniß haben, verlangt. So höret denn: „Ich
weiß und bin's gewiß in dem HErrn JIEsu, daß
nichts gemein“ (unrein und verboten) „ist an ihm selbst;

ohne der es rechnet für gemein, demselbigen ist's⸗

gemein. So aber dein“ (schwachgläubiger) „Bruder
über deiner Speise betrübet wird“, weil er denkt, daß
du etwa Verbotenes issest, „so wandelst du schon nicht nach
der Liebe. Lieber, verderbe den nicht mit deiner
Speise, um welches willen Christus gestorben ist.“
Wenn du in rücksichtsloser und liebloser Weise etwas thun würdest,
was zwar an sich ein Mittelding ist und in christlicher Freiheit
steht, was aber dein schwachgläubiger Bruder für verboten hält,
so würdest du diesem einen Anstoß und ein Aergerniß darstellen
und ihn, soviel an dir ist, verderben. Denn dein schwacher Bruder,
wenn er dich das thun sähe, würde irre werden an dir, ja, er

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