Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 56, Nummer 20 › Seite 308

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. Oktober 1900, Seite 308

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchengemeinſchaften 3

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308

Ver Tutherante

Christian Science die drei Freunde Daniels im feurigen Ofen an.
Die sollen deshalb nicht verbrannt sein, weil ihr Gemüthszustand
— die Erkenntniß, daß das Feuer nicht brennt — die Wirkung
der Flammen aufgehoben hätte. Wie unglücklich dies Beispiel ge⸗
wählt ist, und wie lächerlich die Christian Scienoe sich damit macht,
sehen wir daraus, daß jene Männer zu Nebucadnezar sagten:
„Unser Gott, den wir ehren, kann uns wohl erretten aus dem
glühenden Ofen, dazu auch von deiner Hand erretten. Und wo
er's nicht thun will, so sollst du dennoch wissen, daß wir deine
Götter nicht ehren, noch das güldene Bild, das du hast setzen
lassen, anbeten wollen“, Dan. 3, 17. 18. Sie gaben also die
Gluth des Feuers, sowie die Möglichkeit ihrer Verbrennung zu.
Allerdings stand ihnen fest, daß Gott sie davor bewahren könne,
aber sie beharrten bei ihrer Weigerung selbst auf die Gefahr hin,
daß sie verbrennen möchten.

Uebrigens hat die Stifterin der Christian Science wohl ge⸗
merkt, daß der Menschheit mit solchen Behauptungen, wie sie sie
aufstellt, viel zugemuthet ist. Und wie schwer es ihr selbst wird,
sich dazu zu bereden, sehen wir daraus, daß sie sich selber wider⸗
sprechend an einer Stelle zugibt: „Krankheit ist weder eingebildet
noch unwirklich, das heißt, der falschen Meinung des Patienten
nach. Sie ist mehr als eine Einbildung. Sie ist eine feste Ueber⸗
zeugung“ (457, 2). Daß solche Curen, wie sie sie vorschreibt,
den Menschen doch zweifelhaft erscheinen mögen, kommt ihr auch
bei. Ja, sie muß sogar zugeben, daß das allgemeine und voll⸗
kommene Heilmittel der Christian Science doch nicht so allgemein
anwendbar und vollkommen ist, wie sie es erscheinen lassen möchte.
Wenn sie zugestehen muß: „Völlige Freiheit von Sünde und Lei⸗
den kann gegenwärtig nicht erwartet werden“ (115, 4), so ist das
ja wohl nur auf die Rechnung derer zu schreiben, welche es in der
Christian Science noch nicht zur Vollkommenheit gebracht haben
oder sich noch nicht mit derselben haben befreunden können. Aber
wenn sie die Möglichkeit einer Vergiftung zugibt, so will das doch
schon etwas sagen. Das thut sie, da sie sagt: „Wenn irrthüm⸗
licher Weise eine Dosis Gift verschluckt wird, und der Patient
stirbt, trotzdem der Arzt und Patient auf einen günstigen Verlauf
hoffen, verursacht dann die Meinung, fragst du, diesen Tod?
Freilich“ (70, 3). Und erheiternd sind nun die Windungen, die
sie durchmacht, um ihrer Wissenschaft keine Blöße zu geben. „In
solchen Fällen“, sagt sie, „halten ein paar Personen dafür, daß
der — verschluckte Trank harmlos ist; aber die große Mehrzahl
der Menschheit, die allerdings von diesem bestimmten Fall und
dieser besonderen Person nichts weiß, hält Arsenik, Strychnin,
oder was es sonst für ein Gift war, für tödlich. — Die Folge
ist, daß die Wirkung durch die Mehrzahl der Meinungen außer⸗
halb, nicht durch die winzige Minderzahl der Meinungen in dem
Krankenzimmer controlirt wird“ (70, 3). Ist es bei Krankheiten
nicht genau ebenso? Elende Lügen! Großartiger Humbug! Die
Christian Science ist aber auch sonst noch etwas schüchtern. „Bis
der Fortschritt der Zeit die Wirkungskräftigkeit und Ueberlegen⸗
heit des Geistes zugibt“, erklärt die Eddy gelassen, „ist es besser,
die Einrichtung gebrochener Knochen und verrenkter Glieder den
Händen des Wundarztes zu überlassen“ (400, 4). Das klingt
doch schon recht bescheiden. Noch bescheidener aber wird die
Christian Science, wenn sie den Rath ertheilt: „Man sollte sich
nicht im Sturm aufhalten, wenn man friert, noch sollte man in
den verzehrenden Flammen bleiben“ (224, 5). Und endlich gar:

„Es wäre thöricht, uns über unsere gegenwärtige Erkenntniß hin⸗
auszuwagen; es wäre thöricht, das Essen einzustellen, bis wir
noch mehr im Guten zugenommen haben und eine klarere Erkennt⸗
niß des lebendigen Gottes erlangt haben“ (387, 4). Aber warum
denn nicht den Versuch wagen? Fürchtet die Christian Science
etwa, daß ihre hungernden Anhänger dadurch ihre Wissenschaft
satt kriegen möchten? Gegen andere Dinge, die sie sich zutraut,
wäre das Einstellen des Essens doch eine Kleinigkeit. Wenn aber
die Christian Science erklärt: „Die christliche Wissenschaft muß
vorläufig folgerungsweise angenommen werden. Wir geben das
Ganze zu, weil ein Theil bewiesen ist, und dieser Theil veran⸗
schaulicht und beweist das ganze Princip“ (437, 4). „Weil du
nicht auf dem Wasser gehen und die Todten auferwecken kannst,
hast du kein Recht, die große Macht der göttlichen Wissenschaft
nach dieser Seite anzuzweifeln. Sei dankbar, daß Jesus, der
ihr wahrer Darsteller war, dies gethan und uns sein Beispiel
hinterlassen hat“ (224, 4): so weiß man wirklich nicht, ob man
darüber in Entrüstung gerathen oder dazu lachen soll.

Ja, nach ihrem eigenen Zugeständniß ist es mit der Chris-
tian Science recht kläglich bestellt, und eine frevelhafte Lästerung
ist es, wenn sie sich auf Gottes Wort stützen will. Mit ihrer Be⸗
rufung auf die früher genannte Stelle im Marcus⸗Evangelium,
Cap. 16, 17. ff., richtet und verurtheilt fie sich selbst. Wenn sie
nämlich behauptet, daß die Verheißung des HErrn betreffs der
Krankenheilungen allgemein und für alle Zeiten gültig ist, und
die Krankenheilung zum Wesen des Christenthums gehört, so
hätte es zu allen Zeiten Leute geben müssen, melche diese Macht
bewiesen, denn nach Christi Verheißung soll seine Kirche niemals
untergehen. Nun aber sagt die Christian Science selber, daß die
Heilungserweise schon etwa dreihundert Jahre nach Christo ver⸗
loren gegangen seien (346, 3). Wo wäre dann die Kirche Christi
geblieben? Was wäre aus des Heilandes Verheißung: „Auf die⸗
sen Fels will ich bauen meine Gemeine, und die Pforten der Hölle
sollen sie nicht überwältigen“, Matth. 16, 18., geworden? Dann
hätte es ja über tausend Jahre lang gar keine christliche Kirche,
keine Gläubigen gegeben. Das ist nicht möglich. Da Christi
Verheißung hinsichtlich des Bestandes seiner Kirche nicht fehlen
kann, die Macht aber, Kranke ohne Mittel zu heilen, verloren ge⸗
gangen ist, so ist eben daraus klar zu erkennen, daß die wunder⸗
bare Krankenheilung nicht zum Wesen des Christenthums gehört
und die darauf bezügliche Verheißung Christi nicht für alle Zei⸗
ten gemeint war und nicht allen Gläubigen bis ans Ende der
Welt gilt. Wiederum, wenn die Christian Science behauptet,
daß Christi Verheißung betreffs der Krankenheilung allgemein
und für alle Zeiten gültig ist, so muß sie auch in Bezug auf die
andern Stücke: „In meinem Namen werden sie Teufel aus⸗
treiben, mit neuen Zungen reden, Schlangen vertreiben, und so
sie etwas Tödliches trinken, wird's ihnen nicht schaden“, all⸗
gemein und für alle Zeiten gegeben sein. Ist das hier nicht der
Fall, so ist es auch dort nicht. Daß es aber nicht ohne Scha⸗
den abgeht, wenn einer etwas Tödliches trinkt, gibt die Chris-
tian Science ja zu. Daß sie Schlangen vertrieben hätte, ist auch
noch niemand zu Ohren gekommen. Daß ihre Anhänger, wie
einst die Apostel, mit neuen Zungen redeten, ohne daß sie das
Lateinische, Griechische, Spanische, oder was es sonst für eine
Sprache sein mag, erst mühsam erlernt hätten, ist gleichfalls noch
nicht vorgekommen. Dazu nehmen die Worte: „Auf die Kran⸗

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