Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 60, Nummer 13 › Seite 195

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 21. Juni 1904, Seite 195

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Beruf des Paſtors.—Amtsniederlegung · Der irdiſche Beruf. — 4

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n auch zugegeben werden muß, daß in den letzten Jahren
dings die Lebensbedürfnisse sehr im Preise gestiegen sind, so
ht es doch gewiß auch so, daß wohl nur wenige, die in den
ten Jahren gesund waren und arbeiten wollten, wirklich Ur⸗
che zur Unzufriedenheit hatten. Und doch finden wir diese
i den allermeisten. Fragt man nach der Ursache, so ist diese
rallem im Einfluß des materialistischen Zeitgeistes zu suchen.
edenken wir recht den materialistischen Grundsatz, daß „das
aterielle Wohlergehen des Einzelnen der höchste Zweck des
menschlichen Daseins sein soll“, so kann man sich über die Un⸗
zufriedenheit der Menschen nicht verwundern. Bei einem solchen
Grundsatz kann man nicht genug bekommen.
„Sehr viele sind aber nicht nur unzufrieden mit dem Ver⸗
dienst, sondern überhaupt mit der ganzen Lage, in der sie sich
befinden, und blicken voll Neid auf den Nächsten, der in einem
andern Beruf steht. Der Arbeiter beneidet den Handwerker und
dieser den Geschäftsmann, der Geschäftsmann aber etwa den
Arzt oder Advocaten ꝛc. An dem Beruf des andern sieht man
meistens nur die Lichtseiten, beim eigenen kennt man auch die
Schattenseiten.
nur Lichtseiten hätte. Wo Licht ist, muß auch Schatten sein.
Aus dieser Unzufriedenheit folgt aber auch noch vielfach
etwas anderes, nämlich der häufige Wechsel des Berufes,

die Gaben verschieden austheilt, daß er dem einen diese, dem
andern jene Neigung ins Herz pflanzt. Man bedenkt ferner nicht,
daß es unsere Aufgabe ist, mit den uns verliehenen Gaben die
Ehre Gottes und das Wohl des Nächsten zu suchen. Auch be⸗
denkt man nicht, daß wir einst vor Gott über die Verwaltung
unserer Gaben Rechenschaft schuldig sind. Nein, die erste Frage,
die bei der Entscheidung über die Ergreifung eines Berufes von
den meisten aufgeworfen wird, ist die: „Womit kann ich am mei⸗
sten verdienen?“ Und dann folgt die Frage: „Wo habe ich die
leichteste Arbeit und das bequemste Leben?“ Man versucht es
mit dem am angenehmsten erscheinenden Beruf. Aber siehe,
schon nach wenig Wochen meint man zu entdecken, daß man zu
diesem Beruf keine Lust und Befähigung habe. Es geht auch
hier nach dem Sprüchwort: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“
Man erkennt, daß der erwählte Beruf auch seine Schattenseiten
hat. Statt nun aber einen ernsten Versuch zu machen, die ent⸗
gegentretenden Hindernisse zu überwinden und sich treulich in den
einmal erwählten Beruf hineinzuarbeiten, wirft man ihn oft
ohne Ueberlegung von sich, um einen andern Beruf zu ergreifen,
um dann nach wenigen Wochen oder Monaten oder Jahren die⸗
selbe Erfahrung zu machen. Und so geht es fort. Es ist durch⸗
aus keine Seltenheit, einen jungen Mann von zwanzig Jahren
zu finden, der bereits vier⸗ bis fünfmal seinen Beruf geändert
hat. Daß freilich derjenige, der so handelt, nicht einmal sein
eigenes, im Grunde materialistisches Ziel erreicht, sondern eben
in jedem neuen Beruf wieder von vorne anfangen muß zu lernen
und darum immer wieder einen geringen Lohn erhält, das be⸗
denkt man nicht. Aber auch davon abgesehen, bleibt ein solcher
Mensch leicht überall ein Stümper und wird nie Meister. Das
Pfund der Gaben, mit dem er nach Gottes Willen wuchern
sollte, vergräbt er im Schweißtuch und braucht es weder zur
shre Gottes noch auch zum Wohle des Nächsten.

Es gibt aber keinen Beruf in der Welt, der

und das ist ebenfalls auf den materialistischen Einfluß zurück⸗
zuführen. Man denkt gar nicht mehr daran, daß Gott der HErr

Der sich hierin offenbarende materialistische Zeitgeist ist aber
auch schon tief in die Christenheit eingedrungen. Wir finden
diesen Berufswechsel auch allzuhäufig ohne jede Noth bei den
Christen. Gewiß, man darf hier auch auf der andern Seite
nicht zu weit gehen und etwa jeden Berufswechsel für sündlich
erklären. Aber das muß fest stehen bleiben, daß zu einem rech⸗
ten, gottwohlgefälligen Berufswechsel auch bestimmte Fingerzeige
Gottes vorhanden sein müssen. Hat jemand zum Beispiel bisher
in der Stube gearbeitet und erkennt er, daß seine Gesundheit
darunter leidet, so wäre es gewiß verkehrt und thöricht, wenn er
trotzdem in diesem Beruf bleiben wollte. Oder es kommt auch
vor, daß einer von seinen Eltern in einen Beruf gezwungen wor⸗
den ist, zu welchem er weder Neigung noch Geschick hat. Er hat
aus Gehorsam gegen die Eltern es versucht, sich in diesen Beruf
einzuleben, aber es gelingt ihm nicht. Ein solcher mag wohl
auch einen andern Beruf ergreifen. Man muß sich wohl hüten,
da ein Gewissen zu machen, wo Gott kein Gewissen macht.

Endlich sei noch eins erwähnt, das auch in dieses Capitel
gehört. Sonderlich im letzten Jahrzehnt haben manche Pastoren
und namentlich gar manche Gemeindeschullehrer ihren Beruf mit
einem andern vertauscht, ohne durch Krankheit oder andere gute
Gründe dazu genöthigt worden zu sein. Wir dürfen nicht ver⸗
gessen, daß das Amt eines Gemeindeschullehrers ein Zweigamt
des Predigtamts ist, da in allen Zweigen des Unterrichts das
Wort Gottes das Mittel der Erziehung ist. Wie nun der Pastor
sündlich handelt, der ohne deutliche Fingerzeige Gottes sein Amt
niederlegt, so handelt auch der Lehrer unrecht, welcher etwa
lediglich aus irdischen Rücksichten, um mehr zu verdienen oder
um mancherlei Schwierigkeiten im Amte aus dem Wege zu gehen,
dieses niederlegt. Die Versuchung ist für manchen groß. Eine
Warnung und der Kampf gegen den materialistischen Zeitgeist ist
wahrlich am Platz und auch uns Pastoren und Lehrern nöthig.

N. v. R.

Versammlung des Illinois⸗Districts.

Der Illinois⸗District unserer Synode hielt diesmal seine
Sitzungen inmitten der St. Lucas⸗-Gemeinde zu Chicago, deren
Seelsorger P. J. E. A. Müller ist. Die Sitzungszeit währte
vom 25. bis 31. Mai. Eröffnet wurde die Synode mit einem
feierlichen Gottesdienst, in welchem der Hochw. Allgemeine Prä⸗
ses, Prof. Dr. Pieper, über 2 Mos. 34, 12—14. die Predigt
hielt. Die Predigt behandelte ein sehr zeitgemäßes Thema, und
daher beschloß die Synode, Präses Pieper zu ersuchen, die Pre⸗
digt im „Lutheraner“ im Druck erscheinen zu lassen. Dr. Pieper
versprach auch, dem ausdrücklichen Gesuch nachkommen zu wollen.
Nach Abhaltung eines liturgischen Gottesdienstes organisirte sich
am Nachmittag die Synode durch Verlesen der Namenliste der
Synodalglieder. Anwesend waren hiernach 344 stimmberechtigte
und 259 berathende Glieder, abwesend 89 Glieder. Im Ganzen
gehören also jetzt unserm District 692 Glieder an. Nach der
Organisation der Synode verlas der Ehrw. Diistrictspräses,
P. H. Engelbrecht, seine Präsidialrede. Unser neuer Präses
traf in seiner ersten Rede sogleich den rechten Ton. In frischer,
lebendiger Weise ermunterte er alle Synodalglieder zum uner⸗
müdlichen Festhalten an der Wahrheit des Wortes Gottes. Er
wies sie dabei hin auf die herrlichen Verheißungen des Wortes

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