Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 61, Nummer 15 › Seite 228
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 18. Juli 1905, Seite 228
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SVer „Durheraner
der Staat Texas und vom Minnesota⸗ und Dakota⸗District der
Staat South Dakota als eigene Synodaldistricte abgezweigt,
und dem Oestlichen und dem Illinois-District wurde gestattet,
innerhalb der nächsten drei Jahre, wenn ersprießlich und nöthig,
Theilungen ihrer Districte vorzunehmen.
Durch diese Gründung neuer Districte wurde es auch nöthig,
dem Präses der Allgemeinen Synode nicht nur zwei, sondern
drei Vicepräsides zur Seite zu stellen. Die Synode wählte die
Pastoren P. Brand, C. C. Schmidt und H. Succop als ersten,
zweiten und dritten Vicepräses, und an Stelle P. A. Rohrlacks,
des betagten, treuverdienten, langjährigen Secretärs, P. R. D.
Biedermann für dieses Amt.
Unter den Appellationen an die Synode nahm besonders
die auch den Lesern des „Lutheraner“ bekannte Cincinnatier
Angelegenheit die Aufmerksamkeit der Versammlung in Anspruch.
In zwei Sitzungen beschäftigte sich die Synode an der Hand eines
Committeeberichts mit der Angelegenheit und wies schließlich ein⸗
stimmig die Beschwerde einiger Synodalglieder gegen die Sus⸗
pension der Pastoren A. und E. v. Schlichten von der Synodal⸗
gemeinschaft durch den Mittleren District als unbegründet ab
und lehnte ebenso einstimmig eine neue Untersuchung der Cin⸗
cinnatier Angelegenheit, wozu sie sonst bereit gewesen wäre, ab,
da die genannten Pastoren sich weigerten, ihre öffentlichen An⸗
griffe auf die Synode und deren Beamte als verkehrt und unrecht
anzuerkennen.
In zwanzig Sitzungen hatte die Synode endlich ihre Arbeit
vollendet und sie vertagte sich am 1. Juli Nachmittags mit dem
gemeinschaftlichen Gesang des Verses: „Lob, Ehr und Preis sei
Gott!“ Die nächste Versammlung findet, will's Gott, über drei
Jahre in Fort Wayne statt. Ja, Gott sei Lob und Dank für
allen seinen Segen. Er erhalte uns nur bei seinem Worte. Er
sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände zu seines
Namens Ehre und zum Heile vieler Seelen. L. F.
Unsere Emigrautenmission in Baltimore im Jahre 1904.
Wenn der Unterzeichnete wieder seinen Jahresbericht ab⸗
stattet über den Stand der Emigrantenmission in Baltimore, so
geschieht es mit Dank gegen Gott, der ihn auch im vergangenen
Jahre gewürdigt hat, an den hier landenden Fremdlingen zu
arbeiten. Zwar war deren Zahl nicht so groß wie in 1903. Die
Hauptursache waren die billigen Fahrpreise über New York;
konnte man doch von England aus für 87.50 dahin kommen.
Doch hat die Zahl der über Baltimore Reisenden gegenwärtig
eine solche Höhe erreicht wie nie zuvor. Im Monat März zum
Beispiel kamen hier so viele Einwanderer an wie vor etlichen
Jahren in einem ganzen Jahre. Leider ist eine große Anzahl
derselben nicht von der wünschenswerthesten Klasse. Es sind
meistens Männer ohne Familien, von denen die Erfahrung
lehrt, daß sie nur eine Zeitlang sich hier aufhalten, um dann,
wenn sie sich etwas erspart haben, wieder in ihre Heimath zurück⸗
zukehren. Wenn man den Strom der Ankömmlinge betrachtet,
so wundert man sich oft, daß sie hier alle Arbeit finden. Fast
alle sind gewöhnliche Arbeiter, die in den Fabrikstädten des
Landes bleiben. Nur wenige gedenken sich auf dem Lande
niederzulassen. Dazu ist die Zahl derer, die nicht lesen und
schreiben können, eine große. Recht traurig war für mich fol⸗
gender Fall. Ich bot einem Mädchen von vierzehn Jahren
etwas zu lesen an. Sie sagte aber, sie könne nicht lesen. Ihre
Eltern hätten sie vor sieben Jahren in Europa bei fremden
Leuten zurückgelassen, bei denen sie um Nahrung und Kleidung
hatte schwer arbeiten müssen, ohne die Schule besuchen zu können.
Nun sie so weit herangewachsen war, um etwas verdienen zu
können, ließen die Eltern sie nachkommen.
Unter den über 4000 deutschen Einwanderern habe ich
fleißig unsere Schriften ausgetheilt, ebenso polnische und slowa⸗
kische Tractate an die vielen hier landenden Polen und Slowaken.
Auch im Leiblichen habe ich mich der Einwanderer, wo sich Ge⸗
legenheit dazu bot, nach Kräften angenommen. Verschiedene
Male ist es mir gelungen, solchen, die wieder zurückgeschickt
werden sollten, die Landung zu ermöglichen, entweder dadurch,
daß ich ihnen eine kleine Summe Geldes, die sie bei der Ankunft
haben müssen, gab, oder daß ich noch zu rechter Zeit ihre Ange⸗
hörigen benachrichtigen konnte, die sich ihrer dann annahmen.
Doch nicht immer ist es möglich, in solchen Fällen zu helfen; so
wurden zum Beispiel zwei Frauenspersonen, von denen die eine
schwachsinnig war, die andere die Fallsucht hatte, wieder in die
Heimath zurückgeschickt. Ein recht jammervoller Anblick ist es
oft, dies mit ansehen zu müssen. Manche ringen die Hände, ja
fallen sogar auf die Kniee und bitten aufs beweglichste, man
solle sie doch nicht zurückschicken. Doch sind die Einwanderungs⸗
behörden unerbittlich streng, wenn sie solche vor sich haben, die
an gewissen Krankheiten, besonders an der Augenkrankheit,
Trachoma, leiden. Unter keinen Umständen wird ihnen die
Landung gestattet. Kürzlich kam ein Fall vor, daß eine Frau
dieser Krankheit wegen von Mann und Kindern sich trennen
mußte.
Im vorigen Jahr landeten in Baltimore 39,306 Passagiere.
Davon waren aus Deutschland 4256, aus Oesterreich⸗Ungarn
18,030, aus Rußland 16,318, aus der Türkei 110, aus Rumä⸗
nien 55, aus der Schweiz 32, aus Westindien 40, Serbien 86,
England 13, Dänemark 22, Schweden 10, Norwegen 1, Italien 9.
280 Passagiere wurden von der Einwanderungsbehörde auf
Kosten der Schiffsgesellschaft wieder in ihre Heimath geschickt,
118, weil sie Contractarbeiter waren, 86, weil sie voraussichtlich
dem Lande zur Last fallen würden, 28, weil sie an Trachoma
litten, 16, weil sie schwachsinnig waren. 250 Passagiere waren
an mich gewiesen. 105, die nicht an mich gewiesen waren, sich
aber lutherisch nannten, gab ich die Adressen unserer Pastoren
an dem Ort, wo sie hinziehen wollten. Der Geldumsatz betrug
510,093.65. Von eingegangenen Commissionen habe ich 8295.55
unserm Kassirer abgeliefert. Von Kassirer Schuricht erhielt ich
für die hiesige Emigrantenmission 8228.33, von Herrn F. Segel⸗
horst in St. Louis 53.00, von Fräulein M. Borch 81.00. Briefe
erhielt ich 450, geschrieben habe ich 375. 800 Kalender wurden
an Einwanderer vertheilt und etwa 2500 andere Schriften in
deutscher, polnischer und slowakischer Sprache.
Möge der treue Gott das segnen, was im vergangenen
Jahre durch unsere Emigrantenmission gethan worden ist, und
möge er auch fernerhin mit seiner Gnade über ihr walten.
H. Stürken,
1224 N. Eden St., Baltimore, Md.
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