Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 14 › Seite 216
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. Juli 1907, Seite 216
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gerechtigkeit 4 · Gericht 6 · Kirchenzucht
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Der utheraner
„Es ist hie kein Unterschied; sie sind allzumal Sünder und man⸗
geln des Ruhmes, den sie an Gott haben sollten“, Röm. 3, 28.
— Willst du noch mehr solche Stellen, ei, so lies St. Pauli Briefe!
Wo bleiben da „die redlichen Leute“?
Vielleicht finden wir diese bei St. Petrus. Doch da fällt
mir sogleich ein Wort dieses Apostels ein, das mir von vornherein
jede Hoffnung nimmt, bei ihm die redlichen Leute zu finden. Denn
so lese ich von ihm Luk. 5, 8: Da Petrus das Wunder des reichen
Fischzuges am hellen Tage auf hoher See sah, da „fiel er JEsu
zu den Knieen und sprach: HErr, gehe von mir hinaus; ich bin
ein sündiger Mensch“.
Petrus stimmt mit Paulus. Gehen wir weiter. Der lieb⸗
reiche Johannes wird uns vielleicht aus der Verlegenheit helfen!
Doch ich habe wenig Hoffnung. Fragen wir ihn. „So wir sagen,
wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die
Wahrheit ist nicht in uns“, 1 Joh. 1, 8.
Was nun? O, das ist wohl ein verabredeter Beschluß unter
den Aposteln! Nicht einer will zugeben, daß er ein redlicher
Mann ist, und daß es noch redliche Leute gibt.
Aber dennoch steht es so in der Bibel. Nun, vielleicht bei
David? Er war ein Soldat, ein Kriegsmann, der wird nicht
solche Bedenken haben! Laßt sehen! „Gott, sei mir gnädig nach
deiner Güte und tilge meine Sünden nach deiner großen Barm⸗
herzigkeit. . . . An dir allein hab' ich gesündiget und übel vor dir
getan“, Ps. 51, 3—6. Item: „HeErr, gehe nicht ins Gericht
mit deinem Knechte; denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht“,
Ps. 143, 2. Lies alle seine erschütternden Bußpsalmen, und du
wirst vergeblich bei ihm die redlichen Leute suchen. —
Aber wo sind denn nun diese redlichen Leute, von denen die
Bibel uns erzählt?
Es waren zehn Hebräer, die Brüder Josephs, Jakobs Söhne.
Ihr unerkannter Bruder Joseph, der Staatsminister und ihnen
gegenüber argwöhnisch war, redete hart zu ihnen, denn er kannte
sie. Da antworteten sie: „Herr, wir sind redliche Leute“, 1 Mos.
42, 10. 11. Da haben wir endlich die Menschen, so wie du sie
wünschest, die ihren Kopf hoch und stolz tragen dürfen im Bewußt⸗
sein bürgerlicher Rechtschaffenheit! Was aber wirst du sagen, wenn
du wenige Zeilen weiter in demselben Kapitel hörst, wie diese „red⸗
lichen Leute“, als sie meinten, daß niemand sie hören und ver⸗
stehen könnte, untereinander in ihrer hebräischen Sprache also
redeten: „Das haben wir an unserm Bruder verschuldet, daß
wir sahen die Angst seiner Seele, da er uns flehete, und wir
wollten ihn nicht erhören; darum kommt nun diese Trübsal über
uns“, 1 Mos. 42, 21 ff.
Ja, was sagst du nun? Sind das noch „redliche Leute“
nach deinem Urteil, die etwa zwanzig Jahre früher ihren un⸗
schuldigen Bruder Joseph in einen Brunnen warfem dann ihn
wieder herauszogen und als Sklaven an die Ismaeliter verkauften
und dem greisen Vater Jakob die erlogene Geschichte erzählten,
den bluͤtgetränkten Rock des Knaben im Walde gefunden zu haben
als sicheres Zeichen, daß er von wilden Tieren zerrissen worden
sei? Sie mochten sich für redliche Leute halten; denn jene Ge⸗
schichte mit ihrem Bruder war schon lange her, fast vergessen, und
im übrigen: sie hatten ja nicht getötet, nicht gestohlen, niemand
konnte ihnen eine Rechtsverletzung nachweisen — bis nun nach
zwanzig Jahren das schuldige Gewissen erwacht und sie zu dem
Bekenntnis nötigt: „Das haben wir verschuldet“ und dieses
Schuldbewußtsein ihre „Redlichkeit“ in Scherben zerschlägt.
Es verdrießt dich, daß dies die einzigen sogenannten red⸗
lichen Leute sind, von denen die Heilige Schrift redet. Vor ihnen
hat es keine gegeben und nach ihnen weiß sie uns keinen einzigen
zu zeigen, der gesagt hätte: „Ich bin ein redlicher Mann.“ Wenn
die Bibel nicht ein bereits abgeschlossenes Buch wäre, dann könnte
man dich in die Gesellschaft der Brüder Josephs aufnehmen und
alle, die gleich dir immer die Rede gern im Munde führen: „Wir
sind redliche Leute!“
Nun gut! So stelle dich an ihre Seite und tue wie sie;
aber nachdem du dies getan hast, dann bekenne auch wie sie:
„Das haben wir verschuldet; wir sind schuldige Leute.“ Und
wenn du das erkannt hast, so sprich zu Gott, deinem Heiland:
„O Gott, habe Mitleid mit mir, der ich ein sündiger Mensch bin.
Ich bin der größte aller Sünder; gehe nicht ins Gericht mit mir,
sondern erzeige mir die Gnade, die einem Schächer am Kreuz zu
teil ward!“ Und Gott, der seines eingeborenen Sohnes nicht hat
verschonet, sondern ihn um deiner Sünden willen als Opfer ans
Kreuz gegeben, der wird auch Mitleid mit dir haben und dir um
Christi willen seine Verzeihung gewähren.
Nicht: „Wir sind redliche Leute“, sondern: „Wir sind schul⸗
dige, aber begnaͤdigte Menschen“, ist das schönste Selbstbekenntnis
eines Christen!
Gottes Gericht.
Jonathan Bradford hatte ein Wirtshaus an der Straße
von London nach Oxford. Er war als achtungstverter Mann
bekannt. Ein gewisser Herr Hayes, der unterwegs nach Oxford
war, kehrte einst in diesem Wirtshause ein. Dort schloß er sich
an zwei Herren an, mit denen er zu Nacht speiste, und irn Ge⸗
spräch ließ er unvorsichtigerweise merken, daß er eine beträchtliche
Summe Geldes bei sich habe. Die beiden Herren hatten ein
Schlafzimmer zusammen und Hayes eins daneben. In der Nacht
wachten die beiden auf infolge eines schmerzlichen Winselns im
Nebenzimmer, und als das Achzen zunahm, standen sie leise auf
und gingen dorthin. Wer beschreibt ihr Entsetzen, als sie dort
Herrn Hayes tot in seinem Vlute liegend im Bett und den Wirt
danebenstehend fanden, in der einen Hand ein blutiges Messer,
in der andern ein Licht.
Bradford schien so entsetzt wie sie selber, aber sein Schrecken
hatte das Aussehen der Schuld, und alle Umstände waren ver⸗
dächtig. Sofort ergriffen die Herren den Wirt, nahmen ihm das
Messer ab und erklärten ihn für den Mörder. Bradsord aber be⸗
stand darauf, er sei unschuldig; er habe das Achzen und Stöhnen
gehört und sei, mit einem Messer bewaffnet, hereingesprungen,
bloß einen Augenblick vor ihnen. Er wurde aber verhaftet und
vor den Friedensrichter geführt, wo er wieder seine Unschuld be⸗
leuerte, aber daneben doch so schuldig aussah, daß der Richter
ausrief: „Herr Bradford, entweder Sie oder ich haben diesen
Mord begangen.“
Der Fall erregte überall große Aufregung, und jedermann
hielt den Wirt für schuldig. Nun wurde er vor die Assisen inz
Verhör gebracht. Er bestand fest auf seiner früheren Aussage;
allein seine Verteidigung konnte wenig Eindruck machen gegen⸗
über dem Zeugnis der zwei Herren und der verschiedenen Um⸗
stände, die so mächtig gegen ihn sprachen. Der Richter brauchte
keine weitläufigen Erklärungen hinzuzusetzen; die Schuld in einem
milderen Lichte darzustellen, war kein Grund vorhanden, und der
Gefangene wurde von den Geschworenen, ohne daß sie ihre Plätze
verließen, für „schuldig“ erklärt.
Bald darauf wurde Bradford hingerichtet, immerfort be⸗
hauptend, er sei nicht der Mörder des Herrn Hayes; aber er
starb, ohne daß jemand seinen Versicherungen glaubte.
Achtzehn Monate darauf wurde ein Prediger zu einem Ster⸗
benden gerufen. Dieser hatte noch eine schwere Sünde zu beken⸗
nen, ehe er vor Gottes Richterstuhl trat. Es war der Bediente des
Herrn Hahyes, der nun beichtete, er selbst und kein anderer habe
den Herrn ermordet und ihm das Geld, seine Uhr und Tabaks⸗
dose geraubt. Mit Not habe er gerade noch entschlüpfen können,
ehe Bradford das Zimmer des Unglücklichen betrat. Man denke
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