Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 64, Nummer 16 › Seite 251
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 11. August 1908, Seite 251
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſang 2
Heiligen⸗, besonders Marienlieder.
S Mer 2 utheraner
251
An der Tatsache, daß es seit Gregor keinen Gemeindegesang
mehr gab, ändert der Umstand nichts, daß in der römischen
Kirche vor der Reformation eine ungemein reiche lateinische
Liederdichtung entstand. Mehrere tausend solcher Lieder oder
Hymnen sind uns erhalten, darunter auch sehr schöne, die die
Grundlage für einige unserer herrlichsten Lieder geworden
sind)) aber wo liest man, daß diese Hymnen allgemein in den
Kirchen gesungen wurden, daß sie Gemeindegesänge gewesen
wären? Nirgends!
Katholische Geschichtschreiber, denen diese Tatsachen höchst
unbequem sind und die doch nicht zugeben wollen, daß erst mit
der Reformation Wandel geschafft worden ist, suchen die Be⸗
hauptung, daß seit Gregor der Gemeindegesang aufgehört habe,
dadurch zu entkräften, daß sie auf das deutsche Volk hin⸗
weisen, wo längst vor der Reformation der Gemeindegefang
geblüht haben soll. Aber wie verhält es sich damit? Zuge⸗
standen muß werden, daß das deutsche Volk vor Luther eine
große Menge deutscher geistlicher Lieder hatte. Das waren
nun zum allergrößten Teil, wie das bei einem unter dem Bann
des Papsttums liegenden Volk nicht anders zu erwarten war,
Hieß doch auch das Lied:
„Gott der Vater wohn' uns bei“ (No. 145 unsers Gesang⸗
buchs) damals: „Sankt Maria wohn' uns bei“ und „Heil'ger
Petrus wohn' uns bei“! Aber darunter waren auch Lieder,
die in unverfälschter Weise die großen Heilstaten besangen,
zum Beispiel: „Ein Kindelein so löbelich ist uns geboren heute“,
„Christ ist erstanden von der Marter all“, „Christ fuhr gen
Himmel“, „Nun bitten wir den Heiligen Geist“. Diese Lieder
singen wir heute noch, wie dem Leser aus seinem Gesangbuch
bekannt ist. Daß das deutsche Volk sich so viele Lieder in seiner
Muttersprache schuf, hatte seinen guten Grund. Von allen
europäischen Völkern empfand es nämlich das deutsche Volk
am schwersten, daß es bei der Alleinherrschaft des Priester⸗
gesangs in den Kirchen nicht mitsingen durfte. Denn wo gibt
es ein sanglustigeres Volk als das deutsche? War es doch schon
seit der Heidenzeit her gewohnt gewesen, die Gegenstände seiner
religiösen Begeisterung im Liede zu verherrlichen. Und nun
legte sich die schwere Hand Gregors auf das sangesfreudige
deutsche Volk! In den Kirchen herrschte die lateinische Sprache,
von der es wenig oder nichts verstand, der ganze Gottesdienst
wurde von den Priestern ausgeübt, und das Volk durfte nicht
singen, es durfte höchstens zu Anfang der Liturgie „Kyrie,
eleison!“ HErr, erbarme dich! rufen. Kein Wunder daher,
daß es, um seine Sangeslust zu befriedigen, seine eigenen deut⸗
schen Lieder schuf, unter denen die eben genannten besondere
Erwähnung verdienen. Sie waren im Anschluß an jenen
Kyrie⸗eleison⸗Ruf entstanden, indem man diese, dem Volk un⸗
verständlichen Laute mit neuen Worten umkleidete und sie so
bedeutungsvoll und lebendig machte. Sie wurden Kirleisen
genannt und sind heute noch an dem angehängten „Kyrie,
eleison!“ zu erkennen.
Zugestanden muß ferner werden, daß diese deutschen geist⸗
lichen Lieder nicht nur außerhalb der Kirchen, auf Bittgängen
und Wallfahrten, sondern auch in den Kirchen vom Volk ge⸗
fungen wurden. Aber daraus zu folgern, wie es römischer⸗
seits geschieht, daß vor der Reformation der Gemeindegesang
geblüht habe, ist durchaus verkehrt. Die Geschichte weiß nichts
1) Siehe zum Beispiel die Lieder unsers Gesangbuchs No. 17, 84, 91,
126, 132, 133, 134, 177, 217, (433), 225, 258, 288, 313, 416.
*
davon, daß in allen Kirchen deutsch vom Volk gesungen
wurde. Das bezeugt auch die Augsburgische Konfession, die
im 24. Artikel, der von der Messe handelt, gerade dies als eine
Neuerung hervorhebt, daß nun, nämlich seit Beginn der
Reformation, „an etlichen Orten deutsche Gesänge neben
lateinischem Gesang gesungen werden“. Hätten dies unsere
Väter vor den Päpstlingen zu sagen gewagt, wenn es anders
gewesen wäre? Die Geschichte weiß auch nichts davon, daß
in den wenigen Kirchen, wo deutsch gesungen wurde, dies
regelmäßig geschah, denn gewöhnlich geschah es nur an
den hohen Festen. Die Geschichte weiß auch nichts davon, daß
der Papst seine Stellung zum Volksgesang in den Kirchen
geändert hätte. Wo deutsche Lieder im Gottesdienst erklangen,
da geschah es nur auf die Erlaubnis gemäßigter Priester hin,
die die Regeln der Kirche beiseite setzten, um dem Volkswillen
entgegenzukommen. Wo die Papstkirche als solche sich dar⸗
über äußerte, da verdammte sie aufs schärfste den Gemeinde⸗
gesang. Die große Kirchenversammlung zu Konstanz zum
Beispiel, die sich durch die Verbrennung des Johann Hus einen
ewigen Schandfleck angehängt hat, rechnete es diesem treuen
Bekenner zur Todsünde an, daß er von seinen böhmischen Ge⸗
meinden Lieder in der Muttersprache hatte singen lassen, und
erklärte in ihrer 13. Sitzung am 15. Juni 1415: „Wenn den
Laien verboten ist, zu predigen und die Schrift zu erklären,
so ist es ihnen noch viel mehr verboten, im öf⸗
fentlichen Gottesdienst zu singen, denn es ist eins
wie das andere.“ Ahnlich sprach sich auch wenige Jahre später
das Konzil zu Basel aus, ebenso auch einige Provinzialsynoden.
Der Klerus wollte eben seine hohe Stellung dem Volke gegen⸗
über nicht aufgeben. Wo also einmal ein deutsches Lied im
Gottesdienst erklang, da war es nur geduldet. Als Eindring⸗
ling wurde es angesehen, Bürgerrecht erhielt es nicht. Allein⸗
berechtigt war nur der lateinische Priestergesang.
Ein Rückblick auf das Gesagte zeigt also deutlich: die
römische Kirche duldete keinen Gemeindegesang. Sie schloß
das Volk von der Mitwirkung am Gottesdienst aus. Ein
Kirchenlied in unserm Sinn war daher auch in ihr nicht mög⸗
lich, eben weil die Gemeinde nicht singen durfte. Aber nun
kam endlich die Zeit, wo dem geknechteten, seiner Rechte be⸗
raubten Christenvolk wieder das große Wort 1 Kor. 3, 22
zugerufen wurde: „Alles ist euer!“ Es trat der Wittenberger
Augustinermönch auf, der Mann, den Gott dazu bestimmt hatte,
sein Volk aus dem Diensthause Pharaos herauszuführen,
D. Martin Luther. Was wir ihm hinsichtlich des Kirchen⸗
liedes und des Gemeindegesangs verdanken, das soll in der
nächsten Nummer gezeigt werden. O. Hattstädt.
Aus unserer ostindischen Mission.
5.
Du erinnerst dich doch, lieber Lefer, was ich dir in der
letzten Nummer des „Lutheraner“ von Missionar Hübeners
Arbeit in Kirche und Schule erzählte? Nimm die Nummer
lieber noch einmal zur Hand, damit du gut im Zusammen⸗
hang bist.
Als Missionar Hübener nun sah, daß Gott ihn festen Fuß
fassen ließ in Nagercoil, da holte er seine Frau und seine Kin⸗
der, die er in seinem früheren Heim auf den nördlichen Sta⸗
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