Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 9 › Seite 144
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 30. April 1912, Seite 144
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchengemeinſchaften. 4„99 · Religion 2
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bleibt der Indianer stehen, gibt ihnen das weinende Kind zurück
und sagt: „Beruhigt euch, ich will euer Kind nicht rauben, aber
meine Stammesgenossen beabsichtigen, heute nacht euer Dorf zu
überfallen und alle weißen Bewohner niederzumetzeln. Weil sie
nun wußten, daß ich mit euch gut Freund bin, haben sie mir
einen Eid abgenommen, daß ich euch nichts davon sagen würde,
bis die Sonne untergegangen sei. Da blieb mir kein anderer
Weg übrig, wenn ich euch retten wollte, als daß ich euch das
Kind wegtrug; wußte ich doch, daß ihr mir dann folgen würdet.“
Als die Deutschen am nächsten Morgen in das Dorf zurückkehrten,
war das ganze Dorf nur noch ein rauchender Trümmerhaufen;
die Volksgenossen waren ermordet.
So macht es auch Gott bisweilen, wenn er keinen andern
Weg sieht, um ein Menschenherz aus der Welt, an der es hängt,
zu retten und es aus dem Stumpfsinn und der Gleichgültigkeit
aufzuwecken. Er nimmt uns dann das Liebste, was wir haben,
vielleicht unsere Kinder, und macht's wie jener Schäfer, der ein
Lämimlein in seinen Arm nahm und mit ihm über einen Graben
sprang, weil die Schafe nicht hinüber wollten. Als nun die
Schafmutter sah, daß ihr Kindlein drüben war, sprang sie auch
über den Graben, und da folgten auch die andern nach. Manche
Eltern haben schon in dunkler Tränenzeit, als sie an dem Bette
ihres Kindes standen, auf seinen fliegenden Atem horchten und
seine vom Fieber geröteten Wangen sahen, oder an einem kleinen
Grabhügel wieder gelernt, die Hände zu falten und zu beten,
wie sie es einst in der Kindheit getan hatten. Bei manchem
Leser ist Gott schon so eingekehrt. Hier kam der Bote, Tod ge⸗
heißen, und riß den Ernährer fort aus einer großen Kinderschar,
für die nun die Mutter mit Seufzen das tägliche Brot verdienen
muß; dort sank eine Mutter früh ins Grab, und der Gatte steht
trauernd am aufgeworfenen Hügel und denkt an all das Glück,
das unter diesem Erdhügel begraben liegt. „Warum hat Gott
mir das getan?“ fragen dann die Hinterbliebenen, denen fast das
Herz brechen will. Jawohl, mein lieber Leser, ein harter Bote
ist der Tod und ein hartes Wort jede Todesbotschaft, aber Gott
weiß wohl, warum er solche Botschaft an dich ergehen läßt. Wenn
Eltern jahrelang Gottes Wort und Gebot verschmähen und ver⸗
achten, ist es da zu verwundern, daß Gott oft die Kinder benutzt,
um durch sie den Eltern seinen heiligen Willen vorzuhalten?
Wenn jemand so und so lange an der Lust der Welt hängt und
ihrem Götzen dient, und wenn ihm nun Gott dadurch, daß der
Tod in sein Haus einkehrt, zeigt: „Die Welt vergehet mit ihrer
Lust“, und: „Wes wird's sein, das du bereitet hast?“ — ist
dann nicht die harte Botschaft eine gute Botschaft, die dir die
Augen öffnen will für die Ewigkeit? Wenn das Höchste auf dem
Spiele steht, das Leben der Seele für die Ewigkeit, das Auf⸗
wachen des Herzens, das lange schlief vor Gott, dann kann es
sich nicht fragen, ob dieser oder jener Preis zu hoch ist, der
dafür bezahlt wird. Hier liegt der Schlüssel für manche ge⸗
heimnisvolle Lebensführung. für manches Rätsel eines Ein⸗
greifens Gottes, worüber sich das Menschenherz in Trotz und
Janimer aufbäumte. Schicksalsschläge, Herzeleid, Verlust an
irdischem Gut, und was es sonst sein mag: es muß alles dazu
mithelfen, daß wir gerettet werden für die Ewigkeit.
(Freimund.)
Der Glaube ist seiner Sache gewiß.
„Dem Namenchristen kannst du die Schrullen, die ihm aus
dem Katechismusunterricht im Gedächtnis geblieben sind, mit der
Logik aus dem Kopfe fegen, aber dem Gläubigen kannst du doch
nicht den Wert seines inneren Lebens wegdisputieren. Und wenn
du ihm hundertmal beweisest, daß das alles nur subjektive Emp⸗
findungen seien, so läßt er dich mit Subjekt und Objekt zum
*
Teufel fahren und spottet deiner naiven Versuche, die Mauern
Zions, deren hochragende Zinnen er leuchten sieht vom Glanze
des Lammes und von der ewigen Herrlichkeit Gottes, mit dem
Hauch eines sterblichen Mundes umzublasen.“ — Diesen Ruf der
Verzweiflung läßt ein Ungläubiger an seine Gesinnungsgenossen
ergehen. Ja, die innere Erfahrung der Wahrheit des göttlichen
Wortes, das Zeugnis des Heiligen Geistes am Herzen, macht so
gewiß, daß das Geschwätz des Unglaubens kraftlos daran zer⸗
schellt, ja, daß man, wie Luther sagt, lieber tausendmal darüber +*
stürbe. Das drückt der Heiland so aus: „So jemand will des
Willen tun, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sei,
oder ob ich von mir selbst rede“, Joh. 7, 17.
Wie sich die Bibel von alt⸗orientalischen Religionsurkunden
unterscheidet.
Prof. Max Müller, der bekannte Orientalist, hat in einer
Rede an die Britische Bibelgesellschaft vor zehn Jahren goldene
Worte über den großen Unterschied zwischen der Bibel und den
sämtlichen Religionsurkunden des alten Orients gesprochen, die
gerade in der Gegenwart besonderes Interesse haben. Der große
Gelehrte versicherte: „Ich darf sagen, daß ich seit vierzig Jahren
in der Erfüllung meiner Pflichten als Professor des Sanskrit an
der Universität Oxford so viel Zeit dem Studium der „Heiligen
Bücher des Ostens“ gewidmet habe wie irgendein anderer Mensch
der Welt. Und ich wage es, dieser Versammlung zu sagen, was
ich als den einen Grundton, den einen Akkord aller dieser soge⸗
nannten heiligen Bücher, seien es die Veda der Brahminen, die
Purana von Siwa und Wischnu, der Koran der Mohammedaner,
der Zendavesta der Parsis usw., gefunden habe, daß der eine
Grundton, der sich durch alle hinzieht, die Seligkeit durch Werke ist.
Sie alle lehren, die Seligkeit müsse erkauft werden, und daß den
Kaufpreis ihre eigenen Werke bilden müssen. Unsere Bibel, unser
heiliges Buch aus dem Osten, ist von Anfang bis zu Ende eine
Predigt gegen diese Lehre. Gute Werke werden allerdings noch
in diesem heiligen Buche gefordert, und zwar noch stärker als in
irgendeinem anderen heiligen Buche des Ostens; aber sie sind
nur der Ausfluß eines dankbaren Herzens. Sie sind nur ein
Dankopfer, nur die Früchte unseres Glaubens. Sie sind nie
das Lösegeld der wahren Jünger JEsu.“
Gottes Worten soll man fleißig nachdenken.
Darum sagt man recht, man solle Fürstenbriefe dreimal
lesen und unsers HErrngotts Briefe noch viel mehr. Ein Fürst
und hohe Person hat andere Gedanken denn ein anderer ge—
meiner Mann; darum soll man wohl bewegen und betrachten,
was Herren oder Fürsten schreiben oder reden (bei Fürsten und
Herren ist alles hoch und wichtig, bei Privatpersonen aber klein
und gering). Wieviel billiger aber tut man solches in den A
Dingen, welche die göttliche Weisheit heißt und gebietet. ů
(Luther.)
Gefährlichkeit des Reichtums.
Fährlich, schwerlich ist's, großes Gut haben; denn es ist
dem menschlichen Herzen nicht wohl möglich, daß das Herz nicht
sollte daran hängen noch sich darauf verlassen. Hängt nun einer
am Gute, so kann er an Christo nicht hangen noch ihm nach⸗
folgen. Denn „niemand kann zween Herren dienen“.
(Luther.)
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