Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 11 › Seite 167
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. Mai 1912, Seite 167
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unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir
beten sollen, wie sich's gebührt, sondern der Geift selbst ver⸗
tritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber
die Herzen forschet, der weiß, was des Geistes Sinn sei; denn
er vertritt die Heiligen nach dem, das Gott gefällt“, Röm. 8,
26. 27. Ja, auch für unsere einstige Auferstehung des Fleisches
und ein ewiges Leben ist der Heilige Geist Bürgschaft und
Unterpfand. „So nun der Geist des, der IEsum von den
Toten auferweckt hat, in euch wohnet, so wird auch derselbige,
der Christum von den Toten auferweckt hat, eure sterblichen
Leiber lebendig machen, um deswillen, daß sein Geist in euch
wohnet“, Röm. 8, 11.
Diesen Heiligen Geist will Gott uns gern geben. Wenn
der Heiland an einem Beispiel zeigen will, wie gern Gott
Gebete erhört und gute Gaben gibt, dann nennt er gerade
diese Gabe. Er sagt: „So denn ihr, die ihr arg seid, könnet
euren Kindern gute Gaben geben, wieviel mehr wird der Vater
im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“
Lnk. 11, 13. Ja, er hat ihn uns schon längst geschenkt in der
Taufe; denn die Taufe ist eben „das Bad der Wiedergeburt
und Erneuerung des Heiligen Geistes“, Tit. 3, 5. Hüten wir
uns darum vor Sünden wider das Gewissen, daß wir den
Heiligen Geist nicht betrüben und von uns treiben; und bitten
wir: „Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm
deinen Heiligen Geist nicht von mir!“ Ps. 51, 13.
IEsu, der du hingegangen
Zu dem Vater, sende mir
Deinen Geist, den mit Verlangen
Ich erwarte, HErr, von dir.
Laß den Tröster ewiglich
Bei mir sein und lehren mich,
In der Wahrheit festzustehen
Und auf dich im Glauben sehen.
Nimm deinen Geist, den Geist der Liebe,
Ja nun und nimmermehr von mir
Und leite mich durch seine Triebe,
Durch seinen Beistand für und für;
Auch führe du mich durch die Zeit
Hin zu der reinen Ewigteit.
Gottes Wort und Luthers Lehr'.
III.
Aber nicht nur das ist ein falscher Verstand des in Frage
stehenden Verses, wenn man ihn so versteht, als ob damit
Luthers Wort über oder auch nur neben Gottes Wort
gestellt werden follte, sondern das schon ist ein falsches Ver⸗
ständnis, wenn man Gottes Wort und Luthers Lehre über—
haupt einander gegenüberstellt, auseinanderreißt, es ansieht,
als ob das zwei ganz verschiedene Dinge wären. Als ob mit
dem Spruch ausgesagt werden solle: Es gibt zwei Dinge, die
ö nie vergehen: Einmal, Gottes Wort bleibt in Ewigkeit; aber
als ein zweites Ding bleibt auch Luthers Lehre. Nein, Gottes
Wort und Luthers Lehre sind nicht zwei verschiedene Dinge,
sondern das ist eins und dasselbe. Luther hat nichts anderes
gelehrt und wollte nichts anderes lehren als Gottes Wort.
Luther war dessen gewiß, daß seine Lehre nichts anderes ist
als Gottes Wort, und wir sind dessen auch gewiß. Darum
sagen wir von Luthers Lehre dasselbe aus, was wir von
Gottes Wort aussagen, und wissen: wir reden tatsächlich nicht
SDer 2„TutheranedE
von zwei Dingen, sondern von einem, nämlich von Gottes
Wort. Denn Luther hat keine eigene Lehre geführt, sondern
Gottes Wort gelehrt. Man hat, um dieses auszudrücken, den
Vers auch so gefaßt: „Gottes Wort ist Luthers Lehr', darum
vergeht sie nimmermehr.“ Die Meinung ist: Luthers Lehre
ist Gottes Wort, darum bleibt sie in Ewigkeit; denn das
sagt die Schrift ja ausdrücklich: „Des HErrn Wort bleibet in
Ewigkeit“, 1 Petr. 1, 25.
Da muß natürlich bewiesen werden, daß Luthers Lehre
Gottes Wort ift. Wie ist sie das denn? Ist Luther denn Gott?
Ganz gewiß nicht. Er war ein sterblicher Mensch, ja ein sünd⸗
licher Mensch, wie alle Adamskinder. Oder ist Luthers Lehre
Gottes Wort in dem Sinne wie das Wort der Propheten und
Apostel, die da redeten auf unmittelbaren Trieb des Heiligen
Geiftes, denen Gott selbst eingab, was und wie sie schreiben
sollten? Auch das nicht. Wie denn? Einfach so: In der
Heiligen Schrift hat Gott ein für allemal sein Wort gegeben.
Das soll gelehrt werden als Gottes Wort. Das hat Luther
gelehrt; er hat die Lehren der Heiligen Schrift vorgetragen,
hat alle Lehre aus der Schrift genommen und mit der Schrift
bewiesen. Da hat er nichts aus seinem Eigenen dazugetan.
So ist seine Lehre die Lehre des Wortes Gottes.
So hat Luther selbst es angesehen. Er sagt: „Es soll
keine andere Lehre in der Kirche vorgetragen und gehört wer—
den als das reine Wort Gottes, das heißt, die Heilige Schrift.“
(IX, 87.) „Gott redet zu uns durch die Schrift und durch
Menschen, die die Schrift lehren. Wer diese hört, der wird
nicht betrogen.“ (VI, 80.) Die Schrift soll man rein lehren
und nicht verfälschen. „Man muß die Schrift nicht deuten,
verstehen und drehen nach der Vernunft, sondern wie sie Gott
selbst durch den Mund der Propheten, Apostel und gottseliger
Lehrer geredet hat.“ (XXII, 577.) Wo man die Schrift ver—
dreht, entsteht falsche Lehre, die dann natürlich nicht Gottes
Wort ist. „Alle Ketzereien von Anfang her sind daher ent⸗
standen, daß sie gemeint haben, was sie in der Schrift lesen,
möchten sie deuten, wie die Vernunft lehrt.“ (XIII, 1899.)
Wer die Schrift lehrt, führt keine eigene, sondern Gottes Lehre.
„Sie sollten wissen, daß wir es nicht sind, die da lehren, daß
wir auch unser eigen Wort nicht lehren sollen, sondern daß
allein unser Mund seinem Worte dienen könne, wenn er es
will und er berufen hat.“ (IV, 623.) „Derhalben, wenn
wir Gottes Wort reden, soll man das nicht als eines Menschen
Wort annehmen.“ (II, 949.) Das Bleiben beim Wort der
Schrift gibt eine gewisse göttliche Lehre, nicht weil der
Mensch irrtumsfrei wäre, sondern weil Gottes Wort gewiß ist.
„Wir können durchaus nicht irren, wenn wir bei dem Worte
stehen und dem Urteil des Wortes Gottes folgen.“ (XIV, 915.)
Daß Luther die Schrift lehrte und nichts anderes lehren
wollte, das ist eine geschichtliche Tatsache; das wußte und weiß
Freund und Feind. Gleich seine 95 Thesen fängt er an mit
einer Bernfung auf Gottes Wort: „Wenn unser SErr und
Meister IEsus Christus fpricht.“ In Worms vor Kaiser und
Reich forderte er Widerlegung mit klaren Sprüchen der Hei⸗
ligen Schrift, weil sein Gewissen in Gottes Wort gefangen sei.
Alle seine Lehre nahm er aus der Schrift und begründete sie
mit der Schrift; gegen andere kämpfte er mit der Schrift. Er
zog selbst seine Lehre immer wieder durch die Schrift und
wurde so derselben gewiß. Er forderte seine Gegner immer
auf, sich der Schrift zu unterwerfen, dann wären sie einig, oder
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