Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 11 › Seite 174
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. Mai 1912, Seite 174
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—— Ner „TutheranesSs
machte, sah er auf der Straße ein junges Mädchen in tropfnassen
Kleidern und aufgelösten, wirr umherhängenden Haaren liegen.
Sie war eben aus dem Wasser gezogen worden. Einige Leute
bemühten sich auch, sie wieder zum Leben zurückzurufen, doch,
wie es schien, ohne Erfolg. Die Unglückliche lag völlig leblos da,
rührte kein Glied und gab weder Rede noch Antwort. „Mit der
ist's aus, da ist nichts mehr zu machen!“ sagten die meisten und
gingen kopfschüttelnd weiter. „Wird auch nicht viel an ihr ver⸗
loren sein“, bemerkte mit kaltem Lächeln ein anderer, woran sich
noch weitere, ebenso herzlose Worte und Witzreden reihten. Aber
ein entschlossener Mann faßte die Bedauernswerte behutsam und
doch fest unter den Schultern. „John, greif du an den Füßen
an“, rief er einem Freunde zu, „dann bringen wir sie ins nächste
Spital; es ist ja nur ein paar hundert Schritte von hier ent⸗
fernt; vielleicht ist doch noch etwas zu machen.“ Eiligen Schrittes
liefen die beiden mit ihrer Last davon. Auch Keßler und seine
Freunde folgten ihnen, um den Ausgang der Sache zu sehen.
Während sie nun vor dem Krankenhause standen und auf Nach⸗
richt von drinnen warteten, bemerkten sie über dem Eingang in
dasselbe ein sinnreiches Bild. Ein Engel stand vor einem Aschen—⸗
häuflein und blies behutsam und dabei doch kräftig drein, und
darunter standen die lateinischen Worte: „Forsitan scintillula
latet — Vielleicht ist noch ein Fünklein drin.“ Und siehe da,
nicht lange dauerte es, da kam aus dem Hospital die Nachricht:
„Gerettet! Sie konnte wieder zum Leben zurückgebracht werden!“
„Das gab uns recht zu denken“, bemerkte dazu Keßler;
„wir versprachen einander von neuem, an keinem Menschen zu
verzweifeln, solange Gott noch einen lebendigen Odem ihm läßt;
vielleicht läßt er sich immer noch retten für das Reich Gottes und
die ewige Seligkeit.“
Der Name im Kirchenbuch.
Als ein frommer Prediger eines Tages ein Ehepaar ge⸗
traut hatte und sich anschickte, die Namen in das Register ein⸗
zutragen, wandte er sich zu dem Bräutigam und sagte zu ihm:
„Ei, Wilhelm, Euer Name ist schon einmal in dieses Buch ein⸗
getragen worden!“ „Ja, Herr Pfarrer, bei meiner Taufe.“
„Heute wird Euer Name zum zweiten Male hier eingeschrieben,
und Ihr habt ohne Zweifel den Schritt, den Ihr getan habt, und
seine Folgen für die Zukunft ernstlich überlegt.“ „Ja, Herr
Pfarrer.“ „Gut, aber merkt Euch, daß Euer Name früher oder
später zum dritten Male in diese Bücher eingetragen werden wird.
nach Eurem Tode nämlich. Denket darüber nach und bestellet
Euer Haus; es möchte Euch sonst der Tod wie ein Dieb in der
Nacht überfallen.“
Der junge Mann, an den dieses Wort der Ermahnung ge⸗
richtet worden war, wurde über seinen Seelenzustand ernstlich
bekümmert; er suchte den Frieden Gottes und fand den Weg des
Lebens. Von nun an folgte er freudig dem guten Hirten, der
sein Leben für seine Schafe dahingegeben hat, und trachtete mit
ganzem Ernst danach, daß sein Name dereinst möchte eingeschrieben
gefunden werden im Buche des Lebens.
Freunde der Mission.
Bei einem Missionsfest in Basel hatte ein Redner unter
anderm von einem reichen englischen Herzog erzählt, der der
Mission jährlich 20,000 Mark spende, und seine Rede mit den
Worten geschlossen: „Solange es noch solche Herzoge gibt, hat
es für das Missionswerk keine Not.“ Nun erhob sich der ver⸗
storbene Ph. Paulus, damals Vorsteher der Erziehungsanstalt
Salon bei Ludwigsburg, und sagte, er habe auch eine Geschichte
zu erzählen. Zu seinem Bruder, der Missionskassierer in Korntal
war, sei eines Tages ein Mann in unscheinbarem, ja geringem
Anzuge gekommen und habe gesagt, er wolle einen Beitrag für
die Mission geben, und habe dann 100 Mark auf den Tisch ge⸗
zählt. Jener habe gefragt, von welchem Verein dieser Beitrag
sei. Der Mann habe erwidert, der Beitrag sei von keinem Verein,
sondern von ihm. „Ja, wer ist Er denn?“ fragte der Kassierer.
„Der Ziegenhirt von Waldheim“, war die Antwort; und die
100 Mark seien sein Jahreslohn, den er, da er sonst zu leben
habe, der Mission bringen wolle. Direktor Paulus schloß die
Geschichte dann mit den Worten: „Solange es noch solche Ziegen⸗
hirten gibt, hat es mit der Mission keine Not.“
Das ist das richtige Verständnis von dem so viel gemiß⸗
brauchten Scherflein der Witwe — nicht: so wenig als möglich
geben, als ob der HErr nur am Scherflein, am Kleinsten,
seine Freude habe, sondern am Scherflein der. Witwe, daß
man so viel als möglich, ja über Verhältnis gibt, und zwar in
der rechten Gesinnung.
„Unsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch.“
Matth. 10, 8.
Uns ist befohlen, daß wir lehren, trösten und absolvieren
sollen alle, die es annehmen und glauben, und empfangen die⸗
selben diese Güter von uns alle umsonst nach dem Spruch
Matth. 10, 8: „Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt
es auch.“ Wie aber die Christen des Predigtamts umsonst ge⸗
nießen, also sollen sie auch wiederum die Diener umsonst nähren,
unterhalten und sie schützen, ihnen Nahrung und Kleider geben.
Diese Gaben aber sind nicht Bezahlung, Kaufen oder Verkaufen.
Denn täglichen Unterhalts, Essens und Trinkens bedürfen wir,
aber damit wird die Absolution nicht bezahlt; denn wer könnte
die bezahlen? Was sind hundert oder tausend Gulden gegen
diese unermeßliche grosße Gabe der Vergebung der Sünden?
(Luther.)
Was ist die Kirche?
Derhalben ist es ein närrisch Ding, daß die Papisten schreien,
daß sie die Kirche seien. Denn die Kirche ist nicht ein solch Volk,
das man nach dem großen Haufen oder Volk, Weisheit, Gewalt,
Reichtum, Ehre, Sukzession, Amt und dergleichen Dingen ansehen
und verstehen soll, viel weniger nach den selbsterwählten Gottes⸗
diensten, sondern ist ein Volk der Verheißung, das ist, welches der
Verheißung glaubt. (Luther.)
— — ———
Todesanzeige.
Am 8. Mai starb im Glauben an seinen Heiland der Sex⸗
taner Johann Freiberg im Hospital an Trichinosis. Frei⸗
berg war ein Schüler unserer Anstalt in St. Paul, Minn., und
war 18 Jahre, 8 Monate und 20 Tage alt, als er starb. Nach
einer Trauerfeier in der Aula, wobei Prof. Mönkemöller die
Rede hielt, wurde die Leiche unter Begleitung des Primaners
E. Wiedenhöfer in die Heimat. Struble, Jowa, gebracht. Bei
der Beerdigung am 10. Mai redete P. C. D. Nuoffer über Hebr.
13, 14 und Prof. W. Mönkemöller über Jer. 29, 11. — Der
junge Mann hatte sich von selbst entschlossen, einmal andern ein
Führer zur Seligkeit zu werden, aber Gott hat ihn jetzt schon
in den Himmel eingeführt. Theo. Bünger.
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