Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 11 › Seite 169

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. Mai 1912, Seite 169

165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176

Scan: Internet Archive item DerLutheraner68_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

⤓ Download .txt · copy text

8Wer „TutheranerSS

169

Nachdem der Missionar gezeigt hat, wie schwer es da ist,
die Leute zum regelmäßigen Gottesdienst und Katechumenen⸗
unterricht zu sammeln, fährt er fort: „Ist schon die Regenzeit
im Osten recht störend für die Arbeit, so macht sie sich doppelt
und dreifach unangenehm bemerkbar hier im Westen hart an
der Küste des Arabischen Meeres und am Fuße der hohen
Westghats, die allen Niederschlag hier zurückhalten. Wochen—
lang regnet es ununterbrochen hier. Unscheinbare Bäche, die
man sonst trockenen Fußes durchschreitet, ja oft gar nicht be⸗
merkt, werden zu reißenden Gießbächen. Die schlechten, bau⸗
fälligen Brücken werden fortgerissen oder stürzen ein, und die
Straßen, selbst gute Kiesstraßen, werden so aufgerissen, daß
es kaum geraten ist, Pferd oder Ochsen darüberzutreiben. Die
Raine der Reisfelder, über die man zu Fuß nach den abge⸗
legenen Plätzen gehen muß, werden fortgerissen oder über⸗
schvemmt, die Palmdächer von Kirche und Schule können den
in Strömen fallenden Regen nicht aufhalten, die aus Lehm
gebauten Wände fallen ein, und der ganze Missionsbetrieb im
Distrikt kommt für eine Zeit ins Stocken.

„Ja, warum haben wir hier gerade die Arbeit angefangen,
wo sie äußerlich so schwierig erscheint? Nun, die Arbeit unter
den Malayalen ist nicht unsers eigenen Wählens. Hierher ist
unser lieber Heiland vorangegangen, und wir sind ihm nach⸗
gefolgt. Und sollte es uns gereuen, sollte es uns auch nur
einen Augenblick leid tun, daß wir ihm nachgefolgt sind an
einen schwierigen Posten, daß er uns dahingestellt hat? Tut
es auch einem Regiment Soldaten leid, wenn der Feldherr es
an einen schwierigen Posten stellt? Hält es nicht im Gegenteil
gerade dafür, daß ihm eine große Ehre widerfahren ist, und
tut es nicht sein alles, um sich des Vertrauens würdig zu zeigen?
Wohlan, so wollen wir uns freuen, im Kriege des HErrn an
einem schwierigen Posten zu stehen, dahin von ihm gestellt zu
sein, wollen treu aushalten und ihm, dem HErrn, im Kampf
gegen den Fürsten der Finsternis zum Siege verhelfen.

„Hier in diesem Malayalenland hat der HErr Großes
vor. Hier hat er uns gleich zu Anfang gegen 500 Heiden
zugeführt, die ihn bislang nicht kennen, aber doch willig und
bereit sich Gottes Wort sagen und Christum lehren lassen. Und
nun, nachdem wir hier angefangen haben, öffnet sich ein nie
geahntes, großes, hoffnungsvolles Feld. Von vielen Seiten
werde ich bestürmt von Leuten, die mich bitten, inständig flehen,
zu ihnen zu kommen. Wenn ich Zahlen nennen soll, so glaube
ich, daß, wenn uns die nötigen Mittel und Kräfte zur Ver⸗
fügung ständen, wir gleich an die 1000 Leute in den Katechu⸗
menenunterricht nehmen könnten. Die Leute, die wir jetzt
im Unterricht haben, wohnen an fünf Orten — „Ort' so ver⸗
standen, wie ich das oben dargelegt habe. Sie heißen: Puliur⸗
konam, Kuddizzel, Kadeikal, Kurungalur, Puthukulankarei. In
Puliurkonam, elf Meilen von hier, wo ich gestern war, hatte
ich 102 Zuhörer. Zugleich waren zwei Leute von einem andern
Orte, näher meiner Wohnung, da, um mich zu bitten, auch an
ihrem Orte anzufangen. In Puthukulankarei, fünfzehn Mei⸗
len von hier, hatte ich 76 Zuhörer. Und auf dem Wege nach
Hause hielten mich Leute auf und baten mich, auch sie kommen
zu lassen. Am Sonnabend habe ich fast zwei Stunden mit
Leuten geredet, die zu mir kamen und mich baten, mich der
Leute in Kanakodu (über 100 Seelen) anzunehmen. überall
regt es sich mächtig. Wo die Leute sehen, daß es uns ein
Ernst ist, daß der Missionar selbst in die abgelegensten Plätze

kommt und sie unterrichtet, da bestürmen sie mich, wo immer
ich gehe und stehe.

„All die Leute sind Parias und haben ein ganz bestimmtes
Gewerbe, nämlich Bambusmattenflechten. Das ist etwas Sel⸗
tenes unter Parias; ich habe es noch nirgend woanders ge⸗
funden. Sie haben also ein festes Handwerk und sind deshalb
zuverlässiger als Leute, die heute hier und morgen da arbeiten.
Unter ihnen sollte man auch zur rechten Zeit erfolgreiche An⸗
fünge machen lönnen, einen rexvelmüßigen Geiuoinbebellrug zu
erzielen. — Auch unter den Puleias, die tiefer stehen als die
Parias, ist die Tür offen.

„Ja, wer kann ermessen, welch ein Segen wir sein könn⸗
ten, wenn unsere Pastoren und Gemeinden in der Heimat dar⸗
über recht und systematisch und eingehend und fortwährend
informiert würden und ihre hohe Aufgabe recht erkennten. So
wie es jetzt steht, kann es ja nicht weitergehen.

„Denn Hilfe müssen wir haben, schnelle Hilfe und ge—
eignete Hilfe. . .. Wie steht's hier in der Arbeit unter den
Malayalen? Menschlich geredet, steht sie auf meinen beiden
Augen.“ Und nachdem der Missionar in einer Weise, die wohl
nur für meine Augen bestimmt war, seine geistliche und leib⸗
liche Ohnmacht beklagt hat, fährt er fort: „Vier Lehrer habe
ich angestellt. Ja, was für Lehrer? Leute, die bis jetzt es
sich nie haben träumen lassen, daß sie mal Lehrer werden
würden. Ich habe sie ganz einfach aus den Leuten heraus⸗
gesucht, weil sie etwas lesen und schreiben können. Methode
oder geistliches Wissen besitzen sie nicht. Sie sind selbst Kate⸗
chumenen und können mir also nichts bei solchem Unterricht
helfen. Dann habe ich die beiden Hauptanführer der Leute
angestellt, um die Leute zum Unterricht zusammenzurufen. Da
diese beiden Männer Autorität besitzen, können sie mir dadurch
etwas abnehmen, daß sie die Leute zur rechten Zeit sammeln.
Christliche Erkenntnis ist auch bei ihnen nicht da. Die muß
ich ihnen mit der Zeit noch beibringen. Nun haben wir in
Nagercoil ja 14 Malayalenjünglinge im Seminar. Auf die
ist aber während der nächsten drei bis vier Jahre nicht zu
rechnen. Nehmen Sie nun noch dazu die Entfernungen: elf,
fünfzehn, siebzehn, siebzehn, achtzehn Meilen von hier, und
ziehen Sie den bevorstehenden Hausbau in Kattakadei in Be⸗
tracht, so werden Sie mir sofort zustimmen und sagen, der
Mann hat recht, wenn ich erkläre: Den Katechumenenunterricht
kann ich nicht allein erteilen, ich muß Hilfe haben, und das
sofort.“

Der Missionar zeigt dann, wie seine Gesundheit gelitten
hat, hofft aber, daß er nach einer Erholungszeit auf den Bergen
noch bis zum Frühjahr 1914, wo er eine längere Ausspannung
haben soll und muß, aushalten kann. Darauf sagt er: „Aber
was soll dann werden, wenn ich jetzt keine Hilfe bekomme?
Der neue Mann muß Zeit haben zur Erlernung der Sprache
und zum Einarbeiten, und dann wird er ausfinden, daß er die
Arbeit nicht allein tun kann, und wird um Hilfe schreien.
Volle zwei neue Männer sind hier jetzt für das malayalische
Gebiet nötig.

„Zu dieser Not an Arbeitern kommt Not an Unterrichts⸗
material. Kein lutherisches Buch existiert in Malay⸗
alam. Missionare einer andern Gesellschaft haben einen Ver⸗
such gemacht, den Kleinen Katechismus Luthers zu übersetzen.
Dabei ist dieser so schlecht weggekommen, daß man ihn kaum
wiedererkennt. Zum Beispiel die übersetzung des „Was ist

English translation

Not yet translated.