Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 14 › Seite 222

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 9. Juli 1912, Seite 222

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Schöpfung 3

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WutßranrSe-

Stromes, und gar bald verbreitete sich das Gerücht von dem
wunderbaren Dinge, vermittelst dessen man sich selbst sehen könne,
und der Missionar wurde von allen Stämmen der Eingebornen
aufgefordert, sie mit dem Spiegel zu besuchen.

Nun lebte tief im Innern bei ihrem Stamm eine Prinzessin,
der man gesagt hatte, daß sie die Schönste der Frauen sei, ja die
Schönste auf der ganzen Erde. Auch sie hörte von dem wunder⸗
baren Gegenstand und sandte sogleich zu dem Missionar und ließ
ihn einladen, auch zu ihr zu kommen, damit sie selbst ihre große
Schönheit sehen könnte. In Wahrheit war nun aber die Prin⸗
zessin die Allerhäßlichste ihres Stammes. Wie konnte sie es aber
wissen, da man ihr das Gegenteil sagte! Sie nahm den Spiegel
und ging in ihre Hütte, um durch einen Blick hinein sich ihrer
Schönheit zu erfreuen. Als sie nun erkannte, wie häßlich sie
war, wie grob und ungestaltet jeder ihrer Züge, zerschlug sie mit
ihren königlichen Händen den Spiegel, verbannte den Missionar
aus ihrer Nähe und erließ ein Gesetz, daß kein Spiegel je wieder
in ihren Stamm kommen dürfte.

Warum haßte diese Prinzessin den Spiegel? Weil er ihr
die Wahrheit über sie selbst sagte, und diese Wahrheit ihr nichts
Erfreuliches war, da sie nun wußte, daß sie sehr häßlich war,
während sie sich doch für schön gehalten hatte.

Und warum hassen die Menschen die Bibel? Weil sie ihnen
zeigt, daß auch die größte Rechtschaffenheit vor Gott doch nicht
bestehen kann, und daß aus ihrem Herzen arge Gedanken kommen:
Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerung.
Und wenn nun die Bibel wie ein heller Spiegel dem Menschen
seine ganze Sündhaftigkeit zeigt, so erwacht sein Haß, und die
Bibel wird fortgeworfen, wie die heidnische Prinzessin es mit dem
Spiegel machte. Aber war sie, nachdem sie den Spiegel zer⸗
schlagen hatte, nicht ebenso häßlich wie vorher? So auch die
Menschen. Sie mögen die Bibel wegwerfen, ja mit Füßen treten,
sie bleiben doch Sünder und gehen ebenso der Ewigkeit entgegen
wie vorher, ehe sie die Bibel von sich warfen. Wehe aber denen,
die dahinfahren im Haß gegen das Wort Gottes! Denn Chri⸗
stus sagt Joh. 12, 48: „Das Wort. welches ich geredet habe,
das wird ihn richten am Jüngsten Tage.“

Warum müssen wir die Bibel auch von Herzen lieben? Sie
zeigt uns freilich unsere große Sündhaftigkeit, aber auch Gottes
noch größere Barmherzigkeit.

Ein Mann, der nie etwas von der Bibel gehört hatte, bekam
eine zum Geschenk und fing sogleich an, darin zu lesen. „Frau“,
rief er aus, „wenn das Buch wahr ist, so wandeln wir auf einem
ganz falschen Wege.“ Er las weiter. „Frau“, sagte er, „wenn
das Buch wahr ist, so sind wir verloren.“ Er warf die Bibel
aber nicht fort, sondern las noch weiter. Gottes Gnade half ihm,—
und freudig rief er aus: „Frau, wenn das Buch wahr ist, so
sind wir gerettet.“ (Der Deutsche Lutheraner.)

Lebensrettung durch eine Nußschale.

Der alte Graf von Norstein hielt mit großem Eifer auf
Wahrheit und Recht. Einige böse Menschen wurden deshalb über
ihn so aufgebracht, daß sie sich verschworen, ihn zu ermorden.
Wirklich bestellten sie auch einen Meuchelmörder, der ihn in der
nächsten Nacht ermorden sollte. Der edle Graf ahnte nicht, was
ihm bevorstand. Am Abend besuchten ihn noch seine Enkel, die
sehr liebenswürdige Kinder waren. Er war in ihrer Mitte sehr
fröhlich und vergnügt und bewirtete sie mit Apfeln, Birnen, Trau⸗
ben und Nüssen. Nachdem die Enkel fort waren, begab er sich
zur Ruhe, empfahl sich in den Schutz Gottes und schlief unbesorgt
ein. Allein um Mitternacht trat der Mörder, der sich heimlich
in den Palast eingeschlichen hatte, leise in das Zimmer. Der
gute Graf schlief. Ein kleines Nachtlicht brannte hinter einem

grünen Schirme. Der Mörder erhob in seiner rechten Hand den
Dolch von scharfgeschliffenem Stahl und näherte sich dem Bette.
Allein plötzlich krachte es in dem Zimmer so laut und mächtig,
daß der Graf erwachte. Er fuhr auf, sah den Mörder, nahm
von der Wand neben seinem Bette eine Pistole und zielte auf ihn.
Der Bösewicht erschrak, ließ den Dolch fallen und bat um Gnade.
Er mußte sich gefangen geben und seine Mitschuldigen entdecken.

Der Graf sah nach, woher das heftige Krachen entstanden
war; und siehe, eins der Kinder hatte eine Nußschale auf den
Boden fallen lassen, und der Mörder war darauf getreten. „Guter
Gott“, rief der Graf, „so hat denn unter deiner Leitung eine
Nußschale mir das Leben gerettet und den übeltäter dem Schwerte
der Gerechtigkeit ausgeliefert.“

Die Weltmaschine.

„Nein, nein! So dumm bin ich nicht mehr. Ich habe auch
gehört und gelesen. Gott soll die Welt geschaffen haben? Das
reden Sie Ihren Kindern vor. Wir wissen es heute besser: die
Welt ist eine große Maschinerie, ein höchst verzwicktes, geniales
Uhrwerk, das —“ so sprach mit überlegenem Wissensstolz Kauf⸗
mann Arnold Hellmuth.

Ihm fiel der Schlossermeister Eisenmann ins Wort: „Das
weiß ich schon lange, daß die Welt eine kunstvolle Maschinerie ist;
aber damit schaffen Sie einen Schöpfergott nicht ab.“

„Aber erlauben Sie mal!“

„Nein, wirklich nicht. Hören Sie zu: Sie fahren doch oft
auf der Eisenbahn, um Ihre Kunden zu besuchen?“

„Ja, gewiß, aber was soll das hierbei?“

„Hören Sie doch nur! So eine Lokomotive ist doch auch eine
Maschine. Ist Ihnen schon einmal der Gedanke gekommen, daß
die Lokomotive, die morgens um ½8 Uhr mit dem Zuge auf
unserer Station einfährt, die Fahrt aus eigenem Antriebe von
der Anfangsstation aus unternommen hat? Und warum kommt
denn der Zug bei uns immer zur bestimmten Zeit an?“

„Fragen Sie aber töricht!“

„Ich stelle noch weiter ‚törichte“ Fragen: Als nun die be⸗

sagte Lokomotive zum Dasein gelangen wollte, haben sich da etwa

eine bestimmte Anzahl von Eisensteinen in der Erde untereinander
beredet, zum Tageslicht emporzusteigen, durch freien Willen und
eigene Kraft sich zu Kesseln, Ventilen, Rädern, Kolben usw. zu
formen und sich dann selbsttätig zur Maschine zusammenzusetzen?
Und ausgerechnet, zur rechten Stunde ist es dem Wasser unter der
Speisepumpe eingefallen, in den Dampfkessel zu spazieren; dann
sind von ungefähr die Kohlen gekommen und haben sich entzündet,
und plötzlich ist die Maschine sich ihres Lebens und ihrer Kraft
bewußt geworden, hat Arme und Füße gerührt und mit einem
Blick auf die Bahnuhr gesprochen: Na, wenn ich um 78 Uhr in
Xhausen eintreffen will, muß ich mir fchnell ein Dutzend Wagen
zusammenholen und losfahren!“

„Hören Sie auf mit Ihrem albernen Geschwätz!“

„Aber, Verehrtester, ich habe nur die Albernheit Ihrer Phrase
von der Weltmaschine ohne Gott ins richtige Licht gestellt und
durh ein einfaches Beispiel beleuchtet. Jede Maschine erfordert
einen genialen Mann, der sie erfindet und baut, und jede Maschine
verlangt einen kundigen Menschen, der sie bedient. So ist die
große Weltmaschine nicht ohne einen weisen Schöpfer und Er⸗
halter denkbar. Oder meinen Sie, das sei wohl bei unsern kleinen
menschlichen Maschinen der Fall, aber keineswegs bei dem größten
Kunstwerke, das es gibt, bei dem herrlichen Weltuhrwerk? Wenn
Sie noch vernünftig denken können —“

Der kluge Herr Hellmuth erinnerte sich plötzlich, daß er noch
einen Geschäftsgang vorhabe, und empfahl sich. Man hat ihn
nie mehr mit seiner Weltmaschine prahlen hören. (Chr.⸗B.)

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