Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 23 › Seite 360

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 12. November 1912, Seite 360

358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368

Scan: Internet Archive item DerLutheraner68_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

⤓ Download .txt · copy text

* —
360 S Ner „Tutheranesss
angehören. Das Sterben ging hier weiter; die Leute ver⸗ Post in die Stadt schicken, begegnete meist vier bis sechs Leichen,

ließen ihre Häuser und bauten sich Hütten auf dem Felde da⸗
neben. Ich kam mit diesen Leuten in unmittelbare Berührung,
denn die Maurer, die unsere Kirche in Turayeri vollendeten,
waren aus diesem Dorfe. Turayeri und Settuponnur sind nur
durch einige kleine Reisfelder voneinander getrennt. In Va⸗
niyambadi selbst verließen Tausende ihr Heim und flohen; die
Mehrzahl freilich blieb da. Reiche Mohammedaner haben sich
schöne Häuser in den Palmenhainen, welche die Stadt umgeben,
gebaut; dahin bringen sie, wenn Epidemien ausbrechen, ihre
Frauen und Kinder. Auch jetzt ist dies wieder geschehen. Bald
stieg die Zahl der Sterbenden auf fünfzehn bis zwanzig jeden
Tag. Alle Schulen in Vaniyambadi wurden geschlossen. Dank
dem Umstande, daß wir ein wenig außerhalb der Stadt woh⸗
nen, brauchten wir unsere Christenschule all die schwere Zeit
über niemals ausfallen zu lassen. Noch am 12. Januar war
meine Frau in der Stadt, um die Monatsbedürfnisse für die
Kostkinder einzukaufen. Bald aber wurden auch alle Läden
zugemacht; nur ein einziger Fleischstand verkaufte noch. Wer
aber sonst noch etwas feil hatte, machte sich die Not zunutze
und forderte unerhörte Preise.

Ende Januar hatten wir eine Konferenz in Ambur. Noch
ehe ich ging, hatten mich der Katechet Jowan, die größeren
Kostschüler und der Pferdeknecht gefragt, ob ich etwas dagegen
hätte, wenn sie sich gegen die Pestgefahr impfen ließen. Ich
hatte nicht nur nichts dagegen, sondern sprach ihnen meine
Freude aus über ihren Mut. Als ich von der Konferenz zurück—
kehrte, fand ich sie alle am Fieber daniederliegen; denn jeder,
dem das Pestserum eingespritzt worden ist, bekommt zwei oder
drei Tage Fieber. Bei allen verlief die Sache glücklich, bloß
nicht bei Jelien, einem unserer Kostknaben im Alter von drei⸗
zehn Jahren. Dieser bekam am ganzen Körper eine große
Geschwulst, Kopfschmerzen und überhaupt Schmerzen ann ganzen
Leibe und konnte in der Nacht nicht schlafen. Wir sahen einige
Tage zu; da es aber nicht besser wurde, brachten wir ihn ins
Hospital und flehten zu Gott um das Leben dieses Knaben.
Und er erhörte uns. Sechs Wochen war Jelien im Hospital.
Erst wollte lange keine Medizin anschlagen, dann aber genas
er. Es war eine große Freude, als er wiederkam.

Dann erkrankte die Kostschulmutter, die für die Kinder
kocht, am Biß eines bösen Tieres. Auch ihr Zustand erfüllte
uns mit Bangen. Nur sehr langsam besserte sich ihr Zustand.

Mittlerweile stieg die Zahl der Sterbenden in Vaniyam⸗
badi auf täglich zwanzig bis dreißig Personen. Das sind bloß
die angemeldeten Sterbefälle; unangemeldete — so nimmt
man an — sollen es noch einmal so viel sein. Aber nicht nur
in Vaniyambadi und den schon erwähnten Orten auf unserer
Seite, sondern auch jenseits der Stadt, in dem Sudradorf Vella⸗
yampattu, wo wir eine Heidenschule haben, brachen die Seuchen
aus; 80 Leute sind in dieser nicht sehr großen Ortschaft ge⸗
storben. Der Schulbesuch war nur noch ein äußerst geringer.
Solche Epidemien legen alles lahm, sie sind wie ein Hagel⸗
wetter über das Erntefeld. Auch einige unserer Christen sind
geflohen und noch nicht wiedergekehrt. Sehr schlimm war es
auch, daß unser Bahnhof ganz und gar verseucht war. Dicht
daneben, nur durch einen Zaun abgetrennt, befindet sich der
Stadtteil Kaderpattu, und in diesem war ein furchtbares Ster⸗
ben. Unsere Lebensmittel mußten wir von dem sieben Meilen
entfernten Jolarpet holen. Der Bote, den wir täglich nach der

die man zu Grabe trug; ebenso der Koch, der deshalb schon
gar nicht mehr hineingehen wollte. Nur daß sie geimpft waren,
gab uns einige Beruhigung.

Ein Pestinspektor wurde von der Regierung in Vaniyam⸗
badi angestellt, um alle ihre die Epidemie betreffenden An⸗
ordnungen auszuführen. An einem Sonnabendnachmittag
klopfte es an unsere Tür; besagter Inspektor, ein Halbeuro⸗
päer, ein kluger und beredter Mann, besuchte mich, um mich
zu fragen, ob ich nicht einen geeigneten Platz wüßte, wo er,
ohne der Gefahr allzusehr ausgesetzt zu sein, seine Zelte auf⸗
schlagen könnte. Er war in Begleitung des Verwalters der
Stadt. Ich ging mit ihnen und zeigte ihnen die Hügel jenseits
der Straße. Am andern Tage entstand dort eine kleine Zelt⸗
stadt. Der Mann hatte kein leichtes Amt. Die Mohamme—
daner weigerten sich größtenteils, ihre Häuser desinfizieren zu
lassen, nicht nur ihrer Frauen wegen, die nicht gesehen werden
dürfen, sondern auch, weil tatsächlich die Kulis, die das Des⸗
infizieren besorgen, die schönen Fußböden und Wände mancher
guten Häuser ruinieren. Zweimal rotteten sie sich gegen die
Maßnahmen des Inspektors zusammen. Einmal kam er zu
mir, um getröstet zu werden. Durch kluges Nachgeben hie und
da hat er sich aber auch die Gunst vieler Mohammedaner ge—
wonnen.

Mit einer Ausnahme konnten wir Sonntag für Sonntag
unsere Gottesdienste halten. Jedesmal dankten wir Gott, daß
uns die Seuche noch nicht hatte berühren dürfen, und baten
inbrünstig, daß er den Würgengel an uns vorübergehen lassen
möchte; doch solle sein Wille geschehen. Allein, ein bitterer
Kelch stand uns noch zu trinken bevor.

Die Frau unsers Arulnaden, der früher auch bedenklich
erkrankt war, aber glücklicherweise die Pest nicht hatte, Njanam⸗
mal, eine meiner besten Christinnen, die Tochter unsers ältesten
Christen Noah und Schwester des Katecheten Jowan, wurde
von der Seuche befallen. Nianammal war 28 Jahre alt; am
9. Februar 1902 hatte sie die heilige Taufe empfangen. Ihr
erster Mann war vom Christentum abgefallen und hatte sie
schnöde verlassen. Durch treue Arbeit als Köchin verdiente sie
sich ihren Lebensunterhalt. Seit beinahe zwei Jahren war sie
wieder verheiratet, und zwar an den eben erst getauften Arul⸗
naden. Gottes Wort wirkte sichtlich an ihrer Seele. Noch in
den letzten zwei Jahren hatte sie aus eigenem Antriebe lesen
gelernt, damit sie in der Kirche mitsingen könne. Frisch und
fröhlich antwortete sie in der Christenlehre. Auch zu geben war
sie bereit. Am Sonntag Invocavit war sie zum letztenmal in
der Kirche. Wir sangen zum Schluß der Christenlehre: „Harre,
meine Seele, harre des HErrn.“ Das war das letzte Lied, das
sie mitgesungen hat. Als sie die Kirche verließ, fragte meine
Frau sie: „Nun, Njanammal, fürchtest du dich nicht vor der
Pest?“ Da hat sie geantwortet: „Nein, in unserm Dorfe ist
sie nicht; ich halte auch mein Haus sauber und habe es mit
frischem Kalk weißen lassen.“

Die kommende Woche hindurch fühlte sie sich auch sehr wohl
bis Freitag gegen 11 Uhr vormittags. Da wurde sie ein wenig
fieberisch; sie setzte sich in die Sonne, um sich zu erwärmen.
Ihr Kopf war benommen. Bald merkte sie auch die Beulen
an ihrem Körper, längliche, stechende Beulen. Da fällt sie auf
die Kniee und betet zu ihrem Heiland, lange und innig, so daß
sich ihre Mutter und Schwester, die schon hinzugeeilt waren,

English translation

Not yet translated.