Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 1 › Seite 2
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 7. Januar 1913, Seite 2
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Da bittet Moses: „Wo nicht dein Angesicht gehet, so führe
uns nicht von dannen hinauf.“ Moses weiß, sie sind verloren,
wenn der HErr nicht mit ihnen ist. Sie sind noch lange nicht
am Ziel, noch lange nicht im Besitz des Gelobten Landes. Es
liegt vor ihnen noch ein gut Stück Wanderung durch unbekannte
Wüsten. Sie kennen das Land Kanaan gar nicht. Sie wissen,
das ist kein unbewohntes Land, sondern da wohnen mächtige
Völker. Ja die Kundschafter kamen wieder und sagten sogar:
„Wir sahen auch Enakskinder daselbst“, Riesen, große Leute;
wir waren wie Heuschrecken gegen sie. Ihre Städte sind ver—
mauert und befestigt. Was soll aus uns werden, wenn nun
gar der HErr auch noch sich von uns zurückzieht? Da tut Moses
Fürbitte für sein böses Volk. Er erinnert Gott daran, daß
es ja doch sein Volk sei. Er wendet sich an Gottes Gnade, daß
er doch mit dem Volk nicht handle nach seiner Sünde und ihm
nicht vergelte nach seiner Missetat. Tue es um meinetwillen;
denn du hast mir gesagt: „Ich kenne dich mit Namen, und du
hast Gnade vor meinen Augen funden.“ Tue es um deines
großen Namens willen! —
Und so bitten wir auch zum neuen Jahre: „Wo nicht dein
Angesicht gehet, so führe uns nicht von dannen hinauf.“ Wir
sind auch auf der Wanderung. Wir sind entflohen dem Agyp-—
ten der Sünde, der bösen Welt, der Herrschaft des Satans. Das
ist eine Knechtschaft, gegen die Israels Knechtschaft in Agypten
eine wahre Kleinigkeit war. Der Satan, unter dessen Regiment
wir durch die Sünde lagen, ist ein Tyrann, gegen den Pharao
gar nichts war. Da hat Gott uns durch den, der größer ist
als Moses, durch unsern Heiland IEsum Christum, erworben
und gewonnen, uns das Land der Verheißung erworben und
im Glauben geschenkt, das Jerusalem, das droben ist. Und
so wandern wir im Glauben durch diese Welt dem Himmel zu.
„Wir gehn dahin und wandern von einem Jahr zum andern.“
Wir sind hier Fremdlinge und Pilgrime. Jedes Jahr ist ein
Meilenstein unserer Wanderung. Wir haben auch schon einen
mehr oder weniger beträchtlichen Teil unsers Weges zurück—
gelegt. Wir haben schon viele Wohltaten erfahren. Er hat
uns mit Manna gespeist und mit Wollust getränkt. Er hat
uns geführt und geleitet und getragen. Wir haben auch schon
viel Mühsal der Pilgrimschaft durchgemacht, schon manches
Kreuz getragen. Wir haben aber auch viele Sünden gehäuft,
und es geschähe uns gar nicht unrecht, wenn Gott uns zum
neuen Jahre sagen ließe: Ich gehe nicht mehr mit euch; ich
müßte euch unterwegs auffressen.
Aber was soll dann aus uns werden? Dann sind wir ver—
loren und erreichen das Ziel nicht. Der Teufel stellt uns nach,
und die Enakskinder dieser Welt sind uns zu viel und zu mächtig.
Ohne dich, herzliebster IEsu,
Kommt man nicht durch diese Welt;
Sie hat fast auf allen Wegen
Unsern Füßen Netz' gestellt.
Da bittet unser Moses, unser Mittler, der HErr JEsus,
für uns. „Wir haben einen Fürsprecher bei dem Vater, IEsum
Christum, der gerecht ist.“ Der stellt sich zwischen unsere Sünde
und des Vaters Zorn und sagt: „Sei gnädig um meinetwillen!
Ich habe doch Gnade vor deinen Augen gefunden. Gedenke
daran, daß es doch dein Volk ist!“ Und nun, als durch Chri—
stum versöhnte Kinder Gottes, verbinden wir mit der Fürbitte
Christi unser Gebet, das auch dem Vater im Himmel angenehm
und erhört ist, und schreien: „Wo nicht dein Angesicht gehet,
so führe uns nicht von dannen hinauf!“ Verlaß uns nicht und
zieh die Hand nicht von uns ab! Bleibe bei uns auch im neuen
ich brech' die Bahn, bin alles in dem Streite“.
Jahre mit deiner Gnade und deinem Segen! Wir sind es ja
nicht wert, aber tue es aus Gnaden um Christi willen!
Und wie lautet die göttliche Gnadenantwbort? „Was du
jetzt geredet hast, will ich auch tun; denn du hast Gnade vor
meinen Augen funden, und ich kenne dich mit Namen.“ Und
so geschah es damals. Gott ließ seinen Zorn fahren. Er zog
mit ihnen und führte sie des Wegs. Er gab, wenn es nötig
war, Manna vom Himmel und Wasser aus dem Felsen. Er
kämpfte ihre Kriege. Durch ihr Schwert und oft auch ohne
ihr Schwert schlug er ihre Feinde. Und als er seinen treuen
Knecht Mose ausgespannt hatte, ließ er durch Josua das Land
den Stämmen Israel zuteilen.
Wenn wir heute bußfertig und gläubig im Namen unsers
Heilandes so bitten, dann gibt Gott uns um Christi willen auch
die Zusage für das neue Jahr: „Mein Angesicht soll gehen;
damit will ich dich leiten“, V. 14. Ich bin bei dir, ich will dich
nicht verlassen noch versäumen; ich will mein Angesicht über
dir leuchten lassen und dir gnädig sein; ich will dich mit mei—
nen Augen leiten. Ich will dich führen auf rechter Straße um
meines Namens willen; ich halte dich bei deiner rechten Hand
und führe dich nach meinem Rat. Deinen Leib will ich ver—
sorgen mit allem, was zur Leibesnahrung und Notdurft ge—
hört; ich habe ihn ja erschaffen und weiß, daß er des alles
bedarf. Ich will deine Seele erquicken mit meinem Wort und
Sakrament. Meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der
Bund meines Friedens soll nicht hinfallen. Ich will dir deine
Sünde täglich reichlich vergeben. Ich will deine Gebete er—
hören. Ich will dich stärken im Streit, ja „ich kämpfe selbst,
Das gute Werk,
das ich in dir angefangen habe, will ich auch in dir vollführen
bis auf den Tag IJEsu Christi. Und wann ich damit komme
oder mit deinem Stündlein, ob in diesem Jahre noch, das
überlaß nur getrost mir und traue dich meinem Leiten an.
Noch eins bittet Moses für sich: „So laß mich deine Herr—
lichkeit sehen“, V. 18. Das wird ihm nicht gewährt. „Mein
Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben,
der mich siehet.“ Aber eins will ich tun: „Ich will vor dei—
nem Angesicht her alle meine Güte gehen lassen und will lassen
predigen des HErrn Namen vor dir. . . . Und wenn ich meine
Hand von dir tue, wirst du mir hinten nachsehen; aber mein
Angesicht kann man nicht sehen.“
So sollen auch wir nicht vergessen: auch das neue Jahr
wird ein Jahr Erdenlebens sein, ein Leben im Glauben, noch
nicht im Schauen. Vielleicht führt Gott uns da dunkle und
rauhe Wege, vielleicht in Not und Tod hinein. Da regen sich
dann in unserm armen, verzagten Herzen die bangen Fragen:
SErr, warum hast du uns das getan? Warum dies Kreuz?
Warum so schwer und so lange? Da bitten wir denn auch
wohl: „Laß mich deine Herrlichkeit sehen!“ Aber da wird
uns auch der Bescheid: Mein Angesicht kann man nicht sehen.
Hinten nachsehen sollst du mir. „Was ich tue, weißest du jetzt
nicht; du wirst's aber hernach erfahren.“ Ich will alle meine
Güte vor deinem Angesicht gehen lassen und will lassen pre⸗
digen des HErrn Namen vor dir. „Laß dir an meiner Gnade
genügen!“ Da wollen wir denn auch wissen und sagen:
Wie Gott mich führt, so will ich gehn,
Es geh' durch Dorn' und Hecken.
Von vornen läßt sich Gott nicht sehn,
Doch letzt wird er's aufdecken,
Wie er nach seinem Vaterrat
Mich treu und wohl geführet hat.
Das sei mein Glaubensanker.
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