Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 1 › Seite 9
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 7. Januar 1913, Seite 9
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S er „Vutheraneds 9
— —
halten. Daß also auf diese Weise der Unzucht mehr Ursache ein⸗
geräumt denn gewehrt wird, und geraten dadurch die oft in Sün⸗
den, die sich, wo ihnen die Gelegenheit und Ursache entgegen wäre,
wohl enthalten würden. Denn Gott hat uns viel andere und
bessere Mittel und Wege, solche Sünde zu verhüten, gewiesen und
geboten, nämlich den Ehestand. Darum soll man solche Obrig⸗
keit, so unzüchtige freie Häuser in Städten duldet, für heidnisch
halten. Denn eine gottesfürchtige Obrigkeit soll Unzucht und
Hurerei keineswegs gestatten, noch öffentliche Freiheit dazu geben,
dieweil auch wider der Obrigkeit Willen und Verbot solches schänd⸗
liche Wesen dennoch gleichwohl seinen Gang hat, noch gänzlich
kann aufgehoben werden.“ (St. L. I, 1231.) E. P.
In München verstarb kürzlich infolge eines Schlaganfalls der
weithin bekannte Professor Geheimer Hofrat Dr. Eversbusch, ein
norddeutscher Pfarrerssohn. Als Forscher und Lehrer genoß er
hohen Ruf. Was wir hier aber besonders hervorheben möchten,
ist dies, daß er bis an sein Ende sich zum alten positiven Christen⸗
glauben bekannte. In einem Nachruf lesen wir darüber: „Ob⸗
wohl der ärztliche Stand es mit den letzten Dingen des Menschen
zu tun hat, steht er ja nicht in dem Rufe, daß Gläubigkeit in
seinen Kreisen eine besondere Verbreitung gefunden hätte. Um
so mehr muß es auch der Andersdenkende anerkennen, wenn ein
Mann den Mut hat, in aller Schlichtheit, wie es Eversbusch ge⸗
tan hat, mit seinen religiösen überzeugungen und Empfindungen
nicht hintanzuhalten. Damit hat er nicht nur manchen seiner
gläubigen Patienten erbaut und in ernsten Stunden zu trösten
gewußt, er hat auch bei seinen Schülern auf die ernsten Seiten
der pflichtgetreuen Auffassung des ärztlichen Berufes hingewiesen
und sie erzogen, im Kranken nicht nur den Fall, sondern den lei⸗
denden Menschen zu sehen, der körperlich und seelisch behandelt
sein will.“ — Ja, christliche Arzte sind ein großer Segen. Und
Gott Lob! die gibt es auch noch. Welch eine klägliche Gestalt ist
dagegen der Arzt, der mit knapper Not Chinin und Kochsalz unter⸗
scheiden kann und dabei sich und andern einredet, es sei zu ge⸗
lehrt, das einfältige Evangelium zu glauben. Bei Arzten wie bei
andern Leuten hat der Unglaube seinen Grund nicht in zu großer
Gelehrsamkeit, sondern in ganz andern Dingen. E. P.
Suffragetten, das heißt, Weiber, die mit Gewalt das Stimm⸗
recht und politische Gleichstellung mit den Männern haben wollen,
wandten sich kürzlich an die deutsche Kaiserin, um sie für sich zu
gewinnen und durch sie dann ihren harten Mann zur Anerken⸗
nung der Frauenrechte zu bekehren. Sie verabscheuten seine „vor⸗
sintflutlichen Ansichten“ über Frauen und verspotteten seine ver⸗
alteten biblischen Anschauungen in der Sache. Die Bittsteller
erhielten aber von der Kaiserin zur Antwort: sie stünde in der
Sache geradeso wie ihr Mann; sie fühle sich ganz glücklich unter
seiner „Tyrannei“ und habe gar nicht im Sinne, sich mit Politik
zu befassen; die überlasse sie den Männern. Sie sei zu beschäftigt
mit ihren häuslichen Pflichten und den Pflichten der Wohltätig⸗
keit, um sich mit dem Treiben unweiblicher Weiber befassen zu
können. Die Kaiserin gibt der Frauenwelt in dieser Hinsicht ein
gutes Beispiel. E. P.
Der Sozialist Viktor Berger hat eine Rede gehalten über
die Frage: „Was wollen die Sozialisten?“ Da kommt er auch
auf das Thema zu sprechen: „Die Religion und die Sozialisten“
und sagt: „Man hat aber behauptet, die bösen Sozialisten woll⸗
ten Gott und die Religion abschaffen. Das ist einfach nicht wahr.
Die Sozialdemokratie in Deutschland hat erklärt, daß Religion
und Gott Privatsache seien. Und die sozialdemokratische Partei
in Amerika sagt dasselbe. Die Partei als solche, der Sozialis⸗
mus als solcher, hätte nichts dagegen, wenn wir alle katho⸗
lisch würden. Es ist das aber nicht zu befürchten. Der Papst
und mit ihm viele andere Seelenhirten befürchten nämlich, daß,
wenn die Religion aufhört, unter dem Schutze des Staates zu
stehen, so werde der liebe Gott abgeschafft werden. Ich frage
aber: Kann man denn das? Kann man denn den lieben Gott
abschaffen? Wenn man das nicht kann, so braucht ja der Papst
nichts zu befürchten. Kann man es aber, nun, dann kann der
Papst dem lieben Gott wahrhaftig nicht helfen. Es ist dabei auch
ganz einerlei, ob die alten Kirchen weiterbestehen oder eingehen.
Sowenig das Christentum in 1900 Jahren eine Erlösung der
unteren Klassen von der Herrschaft der oberen herbeigeführt hat,
so wenig wird es das bloße Freidenkertum tun. Denn über dem
HErrgott im Himmel steht unter dem Zeichen des Kapitalismus
ein anderer, vor dem sich Christ und Jude, Gläubiger und Frei⸗
denker gleich anbetend niederwerfen, und dieser Gott heißt Geld.
Ebensowenig wie das Christentum es erfolgreich vermocht hat,
alles zu verhimmeln, ebensowenig vermag es das Freidenkertum,
alles zu idealisieren. Himmelsnebel oder Erdennebel — Nebel
ist Nebel. Denn der Mensch hat nun einmal einen Magen, der
knurrt, wenn man ihn nicht befriedigt; er hat einen Körper, der
friert, wenn man ihn nicht bedeckt, und der Boden ist zu rauh
für unbeschuhte Füße.“ — In diesen Worten spricht sich die hoch—
mütigste Gleichgültigkeit und Verachtung gegen alle Religion aus
und der erbärmlichste irdische Sinn. Wenn nur der Magen
nicht knurrt! E. P.
Folgende Probe römischer Unduldsamkeit und Schlauheit
berichtet ein deutschländisches Kirchenblatt: In Krummöls, Kreis
Löwenberg in Niederschlesien, lebt eine Bäuerin, Frau Lorenz,
als einzige Protestantin des Dorfes. Eines Tages bekam sie
folgenden Brief: „Du evangelischer Hund, mach' Dich 'raus aus
unserm Dorfe; unsere Rache sollst Du fühlen! Das Ketzernest
wollen wir schon räuchern. Die Mutter Gottes muß weinen;
sogar auf unsern Gottesacker dringt Ihr. Nichts ist Euch heilig.
Doch wir wollen Euch Blauen schon heimleuchten; auf einen
grünen Zweig sollst Du nicht kommen. Also besinne Dich; mach'
Dich fort oder — Du sollst noch etwas erleben, doch dann zu spät.
Neben der Kirche dulden wir Euch Ketzer nicht. Ein eifriger An⸗
hänger der Mutter Gottes!“ Daß bald darauf das ganze Ge—
höft der Frau Lorenz abbrannte, ist der natürliche Abschluß der
Geschichte. Nicht ganz selbstverständlich ist aber, wie sich der
„Greif“, das in Greiffenberg Löwenberger Kreises erscheinende
Zentrumsblatt, zu der Aufdeckung der Geschichte verhält. Er
macht, nachdem er durch einige unhaltbare Behauptungen die
Zeitfolge der Ereignisse und damit den Tatbestand zu verdunkeln
gesucht hat, kurzweg den Versuch, den Spieß umzukehren, das
heißt, Frau Lorenz zu beschuldigen, daß sie den Brief selber ge⸗
schrieben und ihr Gehöft selber angesteckt habe. Daß dergleichen
Dinge vorkommen, ist unleugbar, und so wäre gar nichts dagegen
zu sagen, wenn der ultramontane Verteidigungseifer diesen Ver⸗
dacht offen ausspräche und verträte; dann würde die Frage ge⸗
richtlich zu entscheiden sein. Aber der „Greif“ begnügt sich fest⸗
zustellen, daß auch früher schon in dem Lorenzschen Gehöft ein
Brand ausgebrochen, und daß Frau L. zur Zeit jenes zweiten
Brandes hoch versichert gewesen sei. So entnehmen die gut⸗
gläubigen Leser des Blattes, was dieses meint; die verleumdete
Frau aber kann sich nicht verteidigen gegen Unausgesprochenes.
Und diese Art des „Greif“ ist ebenso echt ultramontan wie jener
Brief selbst, den die Witwe übrigens doch erst nach dem Brand
ihres Gehöftes bekommen haben soll. Dadurch wird die Hand⸗
lungsweise des Schreibers eigentlich noch roher. Im übrigen ist
das Gemeldete auch von klerikaler Seite unbestritten.
Zurück zum Urzustande! Nach Zeitungsberichten hat ein
Professor der Medizin an der Universität von Virginia seinen
Studenten folgende ergötzliche Weisheit vorgetragen: „Schwind—
sucht und Lungenleiden können dadurch vermieden werden, daß
man durch die Ohren atmet. Das ist erst eine recht schwere Sache,
aber nach einiger übung wird es leicht. Der Mensch atmete
ursprünglich durch die Ohren, ehe er anfing, die Nase dafür zu
gebrauchen. In alten Zeiten, als der Mensch ein Fisch war,
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