Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 1 › Seite 6
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 7. Januar 1913, Seite 6
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Wiſſenſchaft 12
6 8 Der V„TutheranssS
Wir danken es Präses Vogel, daß er sich einmal „offen
ausgesprochen“ und die Verhältnisse auf dem Missionsfelde in
Brasilien klar dargelegt hat. Es ist auch wahr, daß sich viele
aus Unkenntnis ein ganz verkehrtes Urteil gebildet haben.
Man meinte, unsere dortigen Pastoren drängen nicht darauf,
daß ihre Christen auch zur Erhaltung der Pastoren und Lehrer
beitrügen, oder die Leute ließen sich die Versorgung mit Gottes
Wort wohl gefallen, wollten aber selbst nichts geben. Aus
diesem Schreiben sehen wir, daß beides verkehrt ist. Die Pa—
storen legen auch dort den Spruch aus: „Der unterrichtet wird
mit dem Wort, der teile mit allerlei Gutes dem, der ihn unter—
richtet.“ Und auch dieses Wort Gottes bleibt nicht ohne Frucht.
Ani Schluß seines Briefes gibt Präses Vogel einen Beweis
dafür an. Er schreibt: „Am 29. September wird unser Di⸗
strikt ein Fest feiern, das wir schon seit Jahren ersehnt hatten,
nämlich die Einweihung unsers Seminars. Es ist ein ein⸗
faches Holzgebäude; aller Zierat ist vermieden worden, um
es möglichst billig zu gestalten — schmucklos, aber praktisch;
denn wir mußten uns nach der Decke strecken. Trotzdem war
die Decke noch viel zu kurz. Es fehlen uns zum mindesten
§1500.00 bis §51800.00. Und wir sind nun dabei, diese unter
unsern Gemeinden zu sammeln, und zwar mittelst des Kuvert⸗
systems. Obwohl so etwas in Südamerika „noch nicht dage—
wesen“ ist, scheint die Kollekte über Erwarten gut auszufallen.
Von verschiedenen Seiten habe ich günstige Berichte gehört.
Meine Gemeinde hat bis jetzt §140.00 aufgebracht, ist aber
noch nicht fertig mit Kollektieren. Mit Freuden nehmen wir
wahr, daß unsere Leute jetzt schon für derlei Sachen begeiste—
rungsfähig sind; vor sechs bis sieben Jahren wäre das ein
Ding der Unmöglichkeit gewesen. So geht es auf allen Linien
langsam vorwärts, freilich langsam, aber doch vorwärts.“
Daß aber viele unserer brasiliaͤnischen Brüder beim besten
Willen nichts geben können, zeigt ein Brief P. Kemners. Er
schreibt unter anderem: „Die Leute, unter denen ich arbeite,
sind ausschließlich arme Emigranten, die alle ihr erstes Jahr in
Brasilien verleben. Es herrscht unter diesen Leuten vielfach eine
schreckliche Armut, ganz besonders in dieser Zeit. Die Unter⸗
stützung von der Regierung ist verzehrt. Da alles dichter Wald
ist, konnten die Leute nicht genug säen und pflanzen, und
darum fehlt jetzt das Nötigste. Schlechte Kost, ungenügende
Kleidung und Wohnung hat die Leute in der letzten kalten Zeit
schwer mitgenommen, so daß sich zum Mangel auch noch viel—
fach Krankheit gesellt hat. Wohin man auch kommt, überall
verraten einem gleich die tiefliegenden Augen, die auffallend
blassen Wangen und die bläulichen Lippen, daß diese Leute
schon mit dem Hunger Bekanntschaft gemacht haben. Unter
solchen ärmlichen Verhältnissen ist es selbstverständlich, daß
von Schulgebäuden oder gar Kirchen noch nicht die Rede sein
kann. Und doch wären solche so dringend nötig. In C. sind
iber 30 schulpflichtige Kinder. Wir haben aber bisher unsere
Gottesdienste und auch die Schule bei einem Baptisten halten
müssen, weil alle andern Hütten dem Zweck absolut nicht dienen.
In P., wo ich mich aufhalte, halten wir unsere Gottesdienste
zwar in dem Hause eines unserer Glieder, aber der Raum ist zu
klein. Auf der andern Seite von P. muß ich die Schule vor—
länfig in einer alten, halb verfallenen Brasilianerhütte an—
fangen, obgleich etwa 40 schulpflichtige Kinder da sind.“
Da ist Reichtum und Armut zugleich, Reichtum an un—
sterblichen Seelen, hier 30 schulpflichtige Kinder, dort 40.
Und so geht es fort in den Berichten. Und auch von diesen
Seelen ist nach IEsu Urteil jede einzelne mehr wert als alle
Schätze dieser Welt; eine jede ist teuer erkauft mit dem kost⸗
baren Blute IEsu Christi. Aber Armut ist dort an dem, was
zu dieses Lebens Nahrung und Notdurft gehört.
Was wollt ihr Christen nun tun? „Ihr wisset die Gnade
unsers HErrn JEsu Christi, daß, ob er wohl reich ist, ward
er doch arm um euretwillen, auf daß ihr durch seine Armut
reich würdet“, 2 Kor. 8, 9.
Nun, HErr, du gibst uns reichlich,
Wirst selbst doch arm und schwach:
Du liebest unvergleichlich,
Du jagst den Sündern nach.
Drum wollen wir allein
Die Stimmen hoch erschwingen,
Dir Hofianna singen
Und ewig dankbar sein.
Im Auftrag zweier Konferenzen
—— —
Zur kirchlichen Chronik.
„Alle Religionen sind im letzten Grunde einander gleich.“
Dies ist der Gedanke, der sich durch die üblichen Weihnachts⸗ und
Neujahrsbetrachtungen vieler weltlichen Zeitungen hindurchzieht.
Das ist wahr, wenn man auf die Religionen sieht, die Menschen
ersonnen haben. Sie sind allesamt darin einander gleich, daß
sie die Menschen mit eigenem Tun Gott versöhnen lehren. Nur
eine Religion ist ganz anders als alle übrigen. Das ist die
christliche Religion, welche lehrt: „Christ ist erschienen, uns zu
versühnen.“ „Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit
ihm selber“, 2 Kor. 5, 19. F. P.
„Der wirkliche Grund (the réeal reéason), weshalb die
Männer nicht zur Kirche gehen.“ Dieser Gegenstand wird gegen—
wärtig wieder lebhaft nicht nur in kirchlichen, sondern auch in
weltlichen Zeitungen erörtert. Die einen schieben die Schuld der
Vernachlässigung der Kirche seitens der Männer auf die Prediger,
die andern auf die Männer selbst. Beide haben recht. Wenn
ein Prediger nicht Christum, den Sünderheiland, predigt, son⸗
dern über äußere Moral, Politik und die beste Art und Weise,
wie die Polizei ihr Amt ausrichten könne, so muß das jeden
natürlich verständigen Mann anwidern, und nicht nur die Män⸗
ner, sondern auch die Frauen sollten solchen „Kirchen“ fernbleiben.
Aber die Erfahrung lehrt, daß die Männer auch solchen Kirchen
fernbleiben, wo das Evangelium Christi rein und lauter gepre—
digt wird. Den „wirklichen Grund“ für diesen Fall gibt Chri—
stus klar und deutlich an, wenn er sagt: „Wer von Gott ist, der
höret Gottes Wort; darum höret ihr nicht, denn ihr seid nicht
von Gott“, Joh. 8, 47. Auch ein Christ kann infolge des gott⸗
losen Fleisches, das ihm noch anhängt, wohl lau werden im
Hören des Wortes Gottes, und diese Lauigkeit ist ein gefährlicher
Zustand und soll durch brüderliche Ermahnung beseitigt werden.
Aber wer der Kirche ganz fernbleibt, gibt damit deutlich zu er—
kennen, daß er nicht von Gott, das heißt, kein Christ ist.
F. P.
Der christliche Unterricht der Kinder im Hause. Der erwählte
Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Thomas R. Marshall von
Indiana, hielt kürzlich in einer kirchlichen Versammlung in Chi—
cago einen Vortrag, in dem er scharf die Eltern tadelte, die den
christlichen Unterricht ihrer Kinder zu Hause versäumen und sich
auf die Sonntagsschulen verlassen. Nach dem Bericht der Zei—
tungen sagte Marshall unter anderm: „Als vor mehr als hundert
Jahren Robert Raikes die Sonntagsschulen begann, war seine
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