Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 1 › Seite 7

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 7. Januar 1913, Seite 7

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8 Der B„Tutheranst

——

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Meinung nicht die, die Eltern von ihrer Pflicht zu entbinden,
ihre Kinder selbst christlich zu unterweisen. Die Familienbande,
die einst so stark waren, werden jetzt gelockert, weil die Eltern
sich der Verantwortlichkeit für den christlichen Unterricht ihrer
Kinder entziehen. Vater und Mutter, wie sie durchschnittlich jetzt
beschaffen sind, meinen genug getan zu haben, wenn sie über den
Sohn bis zum vierzehnten und über die Tochter bis zum sechzehn⸗
ten Jahre so viel vermögen, daß sie in der Sonntagsschule einen
beschlennigten und oberflächlichen Kursus durch die Schrift ab⸗
solvieren (to take a hop, skip, and jump through the Scrip-
tures).“ Wir haben, Gott sei Dank, nicht bloß Sonntagsschulen,
sondern unsere Gemeindeschulen, in denen ein gründlicher Unter⸗
richt in der christlichen Religion erteilt wird. Aber auch uns ist
die Erinnerung nötig, daß die Gemeindeschulen nicht den Zweck
haben, die Eltern von der Verpflichtung zu entbinden, ihre Kin⸗
der auch selbst täglich christlich zu unterweisen. Wenn sie das
unterlassen, so versäumen sie die vornehmste Pflicht, die sie als
christliche Eltern gegen ihre Kinder haben. Durch den Unterricht
ihrer Kinder wachsen auch die Eltern selbst täglich in der christ⸗
lichen Erkenntnis, was ihnen wahrlich nötig ist, damit auch sie
in diesen gefährlichen Zeiten sich nicht in Irrlehre und Weltwesen
verlieren. Ganz kurze Familienandachten, „die bloß zwei oder
drei Minuten in Anspruch nehmen“, sind ja schon etwas mehr
als gar nichts. Aber besser ist es, es nicht bei einem solchen
hop, skip, and jump through the Scriptures“ bewenden zu
lassen, sondern sich an die „altmodische“ Familienandacht zu ge—
wöhnen mit Schriftverlesung, Nutzanwendung und gemeinschaft—
lichem Gebet, woran sich noch das Aufsagen von einigen Bibel⸗
sprüchen oder eines. Katechismusstückes schließen mag. Dazu
haben wir Zeit, wenn wir auch mit Berufsgeschäften überladen
sind, da wir hier auf Erden doch vor allen Dingen nach dem
Reiche Gottes trachten, und Gottes Wort das einzige Licht auf
dem Wege unserer Wallfahrt ist. F. P.

Was der Staat Luther und der Reformation verdankt, hat
James A. Garfield, Sohn des ermordeten Präsidenten, richtig
erkannt. Von einer Europareise zurückgekehrt, sagte er in einer
politischen Versammlung: „Ich habe da am Grabe Martin
Luthers gestanden, jenes Mönches, dem wir das ganze Gut der
bürgerlichen und religiösen Freiheit, die wir in den Vereinigten
Staaten haben, verdanken.“ — Um zu erkennen, wie wahr das
ist, braucht man nur sich zu vergegenwärtigen, was der erst vor
einigen Jahren an seinen Ort gefahrene Papst Leo XIII. über
diese Freiheit gesagt hat, was alle Päpste bei jeder Gelegenheit
sagen, und was lauter als Worte die Geschichte des Papsttums
sagt. Es ist so, wie der berühmte Schriftsteller Carlyle sagt:
Luthers Erscheinung auf dem Reichstag zu Worms war das
größte Ereignis in der neueren Geschichte Europas, ja der Punkt,
von welchem die ganze folgende Geschichte der Zivilisation ihren
Ursprung nahm. Er sagt: Als da Luthern zugemutet wurde
zu widerrufen, da standen alle modernen Staaten und ihre Frei—
heiten, ja wir selbst alle miteinander gleichsam hinter ihm und
flehten ihn an: Tu's nicht, laß uns nicht im Stich! Und Luther
hat uns nicht im Stich gelassen. Ganz gewiß, ohne daß die Macht
des Papsttums gebrochen wurde, war keine wahre Freiheit mög—
lich. Allermeist hat ja die Reformation die noch viel greulicheren
Bande zerbrochen, die der Papst um die armen Gewissen ge—
schlungen hatte. Aber auch der Staat hat alle Ursache, das An⸗
denken des großen Reformators in Ehren zu halten. E. P.

Wie weit manche Prediger sich vergessen und ihr Amt schän⸗
den können, zeigt eine uns letzten Sommer zugeschickte Nachricht
aus Los Angeles, Cal. Dort hatte die Gesundheitsbehörde die
sehr verständige Anordnung gemacht, daß Hunde während der
heißen Zeit Maulkörbe tragen sollten. Gegen diese Verordnung
agitierten die hundeliebenden Gesellschaftsdamen und andere
Hundefreunde. Dann meldet der Bericht weiter: „Mehrere

Pastoren hielten letzten Sonntag Predigten über diesen Gegen—
stand, und andere kamen in ihren Predigten nebenbei darauf zu
sprechen.“ Predigten über Hundemaulkörbe! Leute kommen doch
zur Kirche oder sollten doch wenigstens kommen — in der Ge—
sinnung, in welcher die Leute in Cornelius' Hause versammelt
waren, die zu Petro sagten: „Nun sind wir alle hie gegenwärtig
vor Gott, zu hören alles, was dir von Gott befohlen ist“, Apost.
10, 33. Und dann bekommen sie etwas darüber zu hören, ob
Hunde mit Maulkörben versehen werden sollten! So etwas ist
weder dem Prediger von Gott befohlen, noch wollen Christen es
von ihm hören. Und dabei kann man sich dann gar nicht denken,
woher das kommt, daß der Predigerstand sein Ansehen und die
Kanzel ihren Einfluß verliert! E. P.

Mißbrauch mit einem Lutherwort trieb der durch seinen
Reichtum bekannte Andrew Carnegie. Er hat ja kürzlich wieder
viele Millionen verschenkt und will nur §25,000,000 fürs erste
noch behalten. Berichterstattern von Zeitungen gegenüber sagte
er, seine Religion setze sich aus zwei Sätzen zusammen. Der eine
sei ein Wort Luthers: „Wir können Gott nicht dienen; er bedarf
unser nicht. Wir können unserm armen Mitmenschen mehr Liebe
erweisen.“ Und der andere sei ein Ausspruch von Konfuzius:
„Die Pflichten dieses Lebens gut erfüllen und sich um ein anderes
Leben nicht kümmern, das ist die Hauptweisheit.“ — So hat
Luther das nicht gemeint, daß man sich um Gott und sein Wort
nicht zu kümmern braucht. Das ist ja richtig, Gott bedarf unser
nicht, auch eines reichen Geldwanstes nicht. Das ist auch einen
Carnegie gesagt: „Wo mich hungerte, wollt' ich dir nicht davon
sagen; denn der Erdboden ist mein und alles, was drinnen ist“,
Ps. 50, 12. Carnegie hätte kein Eisen aus der Erde geholt, oder
vielmehr andere hätten es nicht für ihn herausgeholt, wenn Gott
es nicht zuvor hineingeschaffen hätte. Carnegie ist ein Un—
gläubiger; er glaubt an keinen Gott und kein Gericht, oder
wenigstens sagt er, man könne darüber nichts wissen. Aber auf
sein Wissen und Glauben kommt rein gar nichts an. Gott wird
ihn ins Gericht nehmen und ihm da nebst den bitteren Fragen,
wo er seinen Reichtum her hat und was er damit getan hat, die
noch viel entscheidendere Frage vorlegen, wie er mit dem IEsus
von Nazareth steht. Denn der ist nun einmal für große Junker
und Geldhansen wie für den gemeinen Mann der einzige Weg,
die Wahrheit und das Leben. Es kommt niemand zum Vater
denn durch ihn. E. P.

Die Macht des Gewissens und die Qual eines bösen Ge⸗
wissens zeigten sich wieder, als vor einiger Zeit in Chicago ein
Mann sich der Polizei auslieferte mit den Worten: „Ich habe
vor siebzehn Jahren in St. Louis einen Mann ermordet und ich
will, daß Sie mich einsperren. Ich sehe immer noch die Augen
vor mir. Es waren siebzehn Jahre Höllenqual. Helft mir zum
Tode!“ — Wir sollen uns hüten vor Sünden. Es ist ein furcht—
bares Ding, wenn das Gewissen aufwacht. Aber das einzige, was
das Gewissen zur Ruhe bringt, ist nicht, daß man seine Strafe
hinnimmt oder sich selbst das Leben nimmt, sondern nur das Blut
Christi, der sich selbst ohne allen Wandel durch den Heiligen Geist
Gotte geopfert hat, kann unser Gewissen reinigen, Hebr. 9, 14.

Die falschberühmte CinisrIaN Scirxck hat neulich durch das
Staatsobergericht von Massachusetts eine empfindliche Schlappe
bekommen, da das Gericht den Trustees der „Mutterkirche“ in
Boston das Recht abgesprochen hat, die Hinterlassenschaft der ver⸗
storbenen Fran Mary Baker Eddy im Betrag von zwei Millionen
Dollars zu verwalten. Das wird getan auf Grund eines Staats⸗
gesetzes, wonach religiöse Organisationen Einnahmen aus Ver⸗
mächtnissen nur im Betrag bis zu §2000.00 jährlich empfangen
dürfen. Das Gericht glaubt, daß ein Wohltätigkeitsfonds durch
die Hinterlassenschaft von Mrs. Eddy geschaffen wurde, und daß
neue Trustees zu dessen Verwaltung erwählt werden können.

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