Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 1 › Seite 10
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 7. Januar 1913, Seite 10
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hatte er Kiemen und atmete durch diese aus und ein. Ein Teil
dieser alten Atmungsorgane ist noch erhalten, und wenn sie geübt
werden, können sie mit großem Nutzen gebraucht werden. Sie
sind nur jahrtausendelang nicht gebraucht worden. Um sie in
gebrauchsfähigen Zustand zu setzen, müssen sie geübt werden.
Ich würde Müttern raten, ihre Kinder in dieser neuen Weise zu
unterrichten. Nach einiger übung lernt das Kind, die Muskeln
seiner Kiemen zu kontrollieren. Ursprünglich wurde die Nase
bloß zum Riechen gebraucht. Aber da fing der Mensch an, lange
und angenehme Gerüche durch die Nase zu ziehen, und entwickelte
so nach und nach aus seinem Riechorgan ein Atmungsorgan auf
Kosten seiner Kiemen.“ — Das soll nicht etwa ein schlechter Witz
sein, sondern wird als neueste Errungenschaft der Wissenschaft an
den höchsten Schulen ausgekramt und angestaunt. Ja, diese Ent—
wicklung! Als der Mensch ein Fisch war!
wesen sein mag? Daß der Mensch sich aus dem Affen entwickelt
habe, ist ja nichts Neues mehr. Und manche scheinen in der
Entwicklung stehen geblieben zu sein; denn sie sind immer noch —
Affen. Gottes Wort zu glauben, darüber ist man hinaus; aber
man nimmt irgendwelchen Unsinn an, wenn er nur „Wissenschaft“
genannt wird. „Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren
worden“, Röm. 1, 22. E. P.
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Aufgetane Augen.
Die Tochter des Kammerherrn v. K. kehrte von einem Hof—
fest zurück, ein blühendes Mädchen von einigen zwanzig Jahren.
Sie will sich zur Ruhe begeben, als ihr Kleid plötzlich von der
Flamme des Lichts erfaßt wird. Sie will die Flamme selbst
löschen; als das vergeblich ist, versagt ihr für einige Augenblicke
vor Schreck die Stimme, und als endlich ihr Jammergeschrei
Mutter und Schwester herbeiruft, finden diese sie schon in hellen
Flammen stehend. Beide werfen sich über sie und löschen mit
eigener Lebensgefahr den Brand und retten so, wiewohl selbst
mit Wunden bedeckt, ihr Leben, aber nur für sechs Wochen der
Qual, nach denen sie ihrem Leiden erlag.
Ein jammervolles Ende! so urteilt die Welt. Und doch
trat kein anderer durch diese Leiden an sie heran als IEsus und
tat ihre Augen auf. Dafür legen Zeugnis ab die Briefe ihres
Bruders. „Der SeErr hat sich ihr“, so schreibt er, „unter ihren
Leiden ganz wunderbar geoffenbart. Sie hat ihren Erlöser in
den wenigen Wochen so ganz und gar gefunden, wie manche andere
jahrelang nicht. Ich kann nicht sagen, wie selig mich dies Be⸗
wußtsein macht, da gerade um dieser Schwester Seele mir manch—
mal bange war. Doch der HErr wirkt Unglaubliches im Augen—
blick. Das Kranken- und Siechbett ist ihr auch ein Siegesbett
geworden und wird mir trotz all der fürchterlichen Qualen des
armen Kindes doch die süßeste Erinnerung des Lebens bleiben.
Diese sonst so verschlossene Seele war plötzlich aufgetan und ließ
die lieblichsten Blumen eines jungen, aber schnell im Feuer ge—
reiften Glaubens hervorsprossen. Lanter Dank und Lob gegen
den HErrn, der sie geschlagen hatte, und die friedsame Frucht
der Gerechtigkeit war schon unter der so lange dauernden Züch—
ligung gereift.“ In einem andern Briefe: „Das arme Kind
leidet unsägliche Schmerzen, doch sagte sie mir neulich, als ich an
ihrem Bette saß, mit ihrer schwachen, atemlosen Stimme: „‚Wenn
ich — daran denke —, daß ich nun auch — meinen Heiland —
gefunden habe —, so fühle ich kaum — meine Schmerzen. Sie
hat eine hohe innerliche Freude, daß Gott, wenn auch durch Ver—
wundung des Leibes bis zum Tode, ihre Seele geheilt hat und
ihr eine Befriedigung gewährt, von der sie früher keine Ahnung
hatte und die sie deshalb auch an andern (wo sie dergleichen
gewahrte) nicht wohl verstehen konnte. Ihr vergangenes Leben,
Wann das wohl ge⸗
10 SDer „TuthieranedS
obgleich nach menschlichen Begriffen in hohem Grade schuldlos,
erscheint ihr jetzt als höchst verdammungswürdig, im Dienst der
Eitelkeit verbracht. Sie weinte bitterlich, als sie mir sagte:
„Aber ach, wenn ich nun wieder unter die andern komme!“ Ich
erwiderte, daß auch ihre Genossinnen, wie überhaupt unser Kreis,
durch diesen Schreckenssall zur Buße gemahnt und sehr ernst ge⸗
worden wären.“ In dem Briefe endlich, der die Todesnachricht
brachte, heißt es: „Gestern früh 4 Uhr (es war der 17. November
1862) ist sie ganz sanft zu ihrem HErrn heimgegangen. Kein
Vorwurf gegen den, der sie geschlagen hatte, ist über ihre Lippen
gekommen, sondern immer nur Lob und Dank für seine heilsame
Züchtigung. Eine Freudigkeit und Lieblichkeit durchstrahlte ihr
ganzes Wesen, denen man anfühlte, sie kamen von einem gött—
lichen Feuer in ihrem Herzen.“ —
Vorstehende Geschichte, die man im Jahre 1862 im „Deut—
schen Volksboten an der Sieg und Agger“ las, veröffentlichte kürz⸗
lich wieder ein Pastor im „Breslauer Kirchenblatt“ und fügte ihr
folgende Bemerkung hinzu:
„Das geschah vor einem halben Jahrhundert; auch heute
noch? Sicherlich, aber wohl seltener wegen hochmütigen Wider—
strebens. Wir loben nicht die alte Zeit auf Kosten der neuen;
haben doch im irdischen Leben die Menschen sich in mancher Hin—
sicht besser einzurichten gelernt. Aber ist das geistliche Leben
nicht zurückgegangen? Ein harter Schlaf hält vieler Augen ge—⸗
schlossen und sie träumen, daß ihnen nichts fehle; sie seien ja
vortreffliche Leute! Da ist es nötig, den HErrn anzurufen:
Rühre unsere Augen an, daß wir unser Verderben und deine
Herrlichkeit sehen in deinem Wort, ehe die Flammen deines Ge—
richts über Volk und Kirche zusammenschlagen!“
Einst und jetzt.
Missionar E. R. Houng, der lange Zeit unter den Indianern
Canadas arbeitete, erzählt in seinem Buche „Unter den India⸗
nern“ folgendes, was uns so recht vor Augen hält, von welchem
Segen die Missionsarbeit unter den Heiden ist:
In handgreiflicher Weise hat bei den Indianern das weib⸗
liche Geschlecht den Segen der christlichen Religion zu spüren
bekommen. Während der Zeiten des Heidentums tat sich die Ver⸗
achtung der Frauen oft genug in einer unglaublich rohen, un⸗
menschlichen Behandlung derselben kund. Von so manchem der—
artigen Vorgang war ich Zeuge. Einst sah ich einen hünenhaften
Indianer ins Lager schreiten, die Flinte über der Schulter. Er
erblickte sein Weib, sie spaltete gerade Holz. „Steh auf, du
Hund von einem Weib“, herrschte er sie an, „geh der Spur nach
und du wirst einen Hirsch finden, den ich geschossen habe. Bring
ihn heim und bereite mir davon zu essen.“ Um seinem Befehl
desto mehr Nachdruck zu verleihen, warf er mit solcher Wucht
eine Keule nach ihr, daß ihr Gehirn zerschmettert wäre, wäre
sie nicht ausgewichen. Sie ging fort und wankte nach einiger
Zeit mit dem großen Hirsch auf dem Rücken heim. Dann nahm
sie ihr Skalpiermesser und machte sich daran, den Hirsch abzu—⸗
häuten, ein Stück Fleisch abzuschneiden, es zu kochen und ihremn
Manne vorzusetzen. Der lud ein halbes Dutzend seiner Freunde
ein. Sie setzten sich nieder, nahmen ihre Messer vor und schmau⸗
sten. Das Weib saß abseits bei den Kindern. Nachdem sich die
Männer mit Fleisch gesättigt hatten, nahmen sie die Knochen⸗
stücke, nagten auch davon das Beste ab und warfen sie dann den
Frauen zu; dabei wollten sie sich tot lachen, wie sich die Frauen
mit den Hunden um diese Knochen stritten. Das war das Hei⸗
dentum, das ich zuerst sah. O wie oft habe ich meine Lippen fest
zusammengebissen und meine Zunge im Zaum gehalten und ge—
dacht: „HErr, gib mir Geduld, jetzt zu schweigen und das rechte
Wort zu sprechen, wenn die Zeit dazu da ist!“
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