Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 13 › Seite 206

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 24. Juni 1913, Seite 206

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206

S Ver 2„Tuthieranede

hat Ihnen weder Kirche noch Schule etwas zu befehlen. Solte
daher Ihren Kinde etwas zum Lernen aufgegeben worden sein,
was zum Vortrag für Palmsonntag bestimmt ist, so können Sie
selbiges ruhig den Herrn Pastor selbst überlassen. Wir meinen
wenn ein Kind 8 Jahre mit Religiößen Dingen vollgestopft wor⸗
den ist, für dessen Behauptung nicht einmal Beweiße beigebracht
werden können, so genügt das vollkommen, und man braucht nicht
auch noch den Palmsonntag dazu zubenutzen. Wir ersuchen Sie
höflichst mit Ihrer Konfirmantinen sowie Angehörigen recht zahl—
reich zu erscheinen, da es gleichzeitig gilt die Jugend aus den
Händen der Religiößen und Kapitalistischem Gesellschaftsordnung
zu entreißen, und der Arbeiterjugend zuzuführen. In der Hoff⸗
nung das Sie unßerer Einladung recht zahlreich volgeleisten und
dieser Tag ein Gedenktag bei Ihnen bleiben möge zeichnet mit
freundlichem Gruß die Ortsverwaltung R. des Socialdemokrati⸗
schen Vereins für R. j. L.“ (E. K. Z.)

—

Der HErr kommt oft spät.

Da stand in meiner Wohnstube, so erzählt ein Prediger, eine
Matratze nach neuester Art, sauber und einladend, mit grauen
und roten Streifen. Ein befannter Sattler, der gern oͤen Armen
Gutes tat, hatte sie einfach bei uns abgeladen, wie er es öfter
machte, mit dem Hinweis, wir würden sie schon unterbringen.
Es war gerade 3 Uhr nachmittags; wie sollte ich nun bis zum
Abend erfahren, wer eine Matratze nötig hatte? Unmöglich
konnte sie ein paar Tage stehen bleiben; ein Schmuck für mein
Wohnzimmer war sie gerade nicht. Wenn mir Gott aber eine
Matratze ins Haus schickte, mußte ich jedenfalls auch geduldig
sein, bis er sie wieder abholen ließ. Vorerst nahm ich ein Stück
Papier und notierte darauf allerlei Familien und Personen, von
denen ich dachte, daß die Matratze vielleicht da am rechten Platze
sei. Dann ging ich aus, um zu sehen, wo dieses Möbel am
nötigsten ware.

Mein Weg führte mich am Hause des Schneidermeisters Fr.
vorbei. Es waren brave Leute mit sechs Kindern und knappem
Verdienst.
auch gingen die Kinder immer nett gekleidet. Der Mann hatte
für uns gearbeitet, und nun konnte ich da gerade etwas bestellen.
Weil es liebe Christen waren, ging ich sehr gern hin. Ich traf
beide Eheleute ziemlich niedergeschlagen, weil ihnen fünf Mark
abhanden gekommen waren, die sie sehr nötig brauchten. Ver⸗
schiedenes aus meinem eigenen Leben erquickte die Herzen der
Bekümmerten, weil sie meinten, sie müßten allein so durchs Tal
der Not und Sorge gehen. „Meine liebe Mutter gibt uns die
Kleidung für die zwei ältesten Mädchen“, sagte die Schneiders⸗—
frau, und ihr Mann erzählte, wie er für die Knaben sorge, indem
er abgelegte Kleider für sie zurechtmache. „Aber die Ausgaben
sind zu groß“, meinte er, „als daß sich eine größere Anschaffung
machen ließe; immer muß der HErr uns aus allerlei Not helfen.
Gerade jetzt beten wir um eine Matratze für das Bett unserer
jüngsten Kinder. Der Strohsack ist sehr schlecht geworden; man
kann ihn nicht mehr füllen, und was jetzt noch drin ist, sind lauter
Stoppeln. Fühlen Sie selbst, wie hart diese sind!“ Er zog
meine Hand heran, und ich fühlte treulich nach, wie wahr seine
Schilderung sei. „Jetzt können wir nicht mehr warten, einige
Wochen haben wir es schon anstehen lassen und um Abhilfe ge⸗
beten“, meinte er. „Meine Frau sagte heute morgen, daß sie
unsere Martha zum Polsterer schicken wolle, um eine Matratze
zu beslellen; vielleicht kaͤnn ich sie abverdienen. — Frau, ist
Martha wegen der Matratze schon weggewesen?“ rief er in das
Nebenzimmer, wo eben das Kleinste schrie und von der Mutter
beruhigt wurde. „Nein, sie soll gleich hingehen“, kam die Ant⸗
wort zurück. ö

Gleichwohl sah es ziemlich wohnlich bei ihnen aus,

Nun ging es wie bei den Emmausjüngern: der HErr JEsus
war da, aber die Schneidersleute erkannten es noch nicht. „Lieb—
ster Meister Fr.“, sagte ich nun, „Ihre Matratze ist schon fertig;
sie steht bei mir daheim in der Stube, und je eher sie abgeholt
wird, je lieber ist es mir.“ Da sind den Schneidersleuten Dank⸗
und Freudentränen über die Wangen geronnen. — Wie wonnig
mögen an diesem Abend die beiden Kleinen ihre Glieder gereckt
haben auf dem weichen Lager. Denn daß die Matratze von den
Schneidersleuten sofort im Triumph auf einem Handwagen ab⸗
geholt wurde, ist selbstverständlich.

2—

Ein wohltätiger „Sonnenstich“.

Ein Universitätsprofessor hierzulande hielt eines Tages einen
Vortrag über die Bibel. Unter anderm sagte er dabei folgendes:

„Wir sind jetzt durch eine bessere Kenntnis der Psychologie be— 4

fähigt, manche Dinge in der Bibel besser zu erklären als früher.
Nehmen wir zum Beispiel die Bekehrung des Paulus. Er war
ein Stadtbewohner und als solcher war er die Hitze auf der offe⸗
nen Landstraße nicht gewohnt. Als er nun nach Damaskus ging.
brannte die Sonne so heiß, daß er einen Sonnenstich bekam.
Dadurch verlor er das Bewußtsein und fiel vom Pferde. Als er
wieder zu sich kam, sah er dies als ein Wunder Gottes an, das
ihm Einhalt gebot in seinem seitherigen Leben. Daraus entstand
die Geschichte von dem großen Licht am hellen Mittag und der
Stimme vom Himmel. Wir wissen jetzt, es war ein bloßes Natur⸗
ereignis, ein gewöhnlicher Sonnenstich.“

Ein Schottländer, der gerade gegenwärtig war, sagte:
Professor, darf ich eine Frage stellen?“

„Gewiß“, sagte der Professor.

„Wenn ich recht verstaänden habe, betrachten Sie die Be—
kehrung des Apostels Paulus einfach als die Folge eines Son-—
nenstichs.“

„Ja, das glaube ich“, antwortete der Professor.

„Gut“, sagte der Schottländer, „wenn aus einem Sonnen—
stich so viel Kraft kommt, daß aus einem wutschnaubenden Chri⸗
stenverfolger Paulus ein eifriger Zeuge Christi, ja einer der
größten Lehrer des Christentums wird, dessen Einfluß auf die
Gedanken und die Zivilisation der Menschheit seit bald zwei⸗
tausend Jahren unvermindert fortdauert, dann möchte ich doch
sehr empfehlen, lieber Herr Professor, daß Sie und Ihre ganze
Psychologie studierende Klasse sich an einem heißen Tag so lange
den Sonnenstrahlen aussetzen möchten, bis Sie alle einen Sonnen-⸗
stich bekämen. Nach Ihrer Psychologie scheint ein Sonnenstich eine
wunderbare Kraft auszuüben.“

„Herr

Gute Werke aus dem Glanuben.

Wohlan, mein Gott hat mir unwürdigen, verdammten Men⸗
schen ohn' alle Verdienst, lauterlich umsonst und aus eitel Barm⸗
herzigkeit gegeben durch und in Christo vollen Reichtum aller
Frömmigkeit und Seligkeit, daß ich hinfort nichts mehr bedarf
denn glauben, es sei also. Ei, so will ich solchem Vater, der
mich mit seinen überschwenglichen Gütern also überschüttet hat,
wiederum frei, fröhlich und umsonst tun, was ihm wohlgefällt,
und gegen meinen Nächsten auch werden ein Christ, wie Christus
mir marden ist. und nichts mehr tun, denn was ich nur sebe ihm
not, nützlich und seliglich sein; dieweil ich doch durch meinen
Glauben alles Dinges in Christo genug habe. Siehe, also fleußt
aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott und aus der Liebe
ein frei, willig, fröhlich Leben, dem Nächsten zu dienen umsonst

(Luther.)

English translation

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