Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 1 › Seite 4
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Januar 1914, Seite 4
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sie entstellt vieles, aber doch ist darin viel Ahnlichkeit mit der
Bibel in der Lehre von der Schöpfung und Erhaltung; auch
die Heiden schreiben dies große Werk Gott zu oder mehreren
Göttern; sie halten, daß ein höchstes Wesen sei, oder mehrere
höhere Wesen, von denen alles herkomme, und durch welche
alles bestehe, von denen auch jeder Mensch abhänge. Darum
ehren sie ihre Götter, tun ihnen Dienst und bringen ihnen
Opfer. Das ist eine Bestätigung des christlichen Glaubens; es
zeigt, daß auch die Vernunft weiß, es sei ein Gott. (Röm. 1.)
Ja, darüber kann ein verständiger Mensch gar nicht streiten;
für jeden Christen und überhaupt für jeden, der noch etwas
Religion glaubt, ist die Schöpfung und Erhaltung aller Dinge
ein Hauptwerk Gottes.
Wenn nun der Sozialismus den Glauben an Gott stehen
läßt, dann muß er auch den Glauben an die Schöpfung und
Erhaltung aller Dinge durch Gott stehen lassen. Wo bleibt
aber dann sein Materialismus, seine Evolution, sein Determi⸗
nismus? Alles zerfällt in nichts! Hat Gott am Anfang die
Welt erschaffen, und zwar fertig und vollkommen, dann ist
es nicht wahr, daß die Welt, wie der Sozialismus be⸗
hauptet, ewig ist, daß sie sich aus einem Urstoff entwickelt hat
und noch fort und fort entwickelt; hat Gott den Menschen er⸗
schaffen, dann ist es nicht wahr, wie der Sozialismus
es doch durchaus haben will, daß auch der Mensch seinen Ur⸗
sprung herleiten muß aus dem Urstoff oder der Urzelle, daß
der Mensch daher auch einmal ein gewöhnliches Tier war, ein
sehr niedriges Tier, daß er dann nach und nach Fortschritte
machte, ein Affe wurde und schließlich ein „denkendes Tier“,
ein Mensch. Erhält und regiert Gott die Welt, hat er auf alles
acht, leitet er die Geschicke der einzelnen Menschen und der
Völker, greift er ein bald hier und bald dort mit seiner All⸗
macht und Allweisheit durch Wohltun oder durch ein Straf⸗
gericht, erhöht und erniedrigt er, wie er will; hängt im letzten
Grunde alles von ihm ab, was er tun oder geschehen lassen
will, dann ist es nicht wahr, was der Sozialismus
behauptet, daß alle Dinge „determiniert“ werden in
der Zeit von den Umständen und Verhältnissen, die herrschend
sind, so daß immer das eine aus dem andern erzwungen
wird, daraus folgen muß, so daß auch sogar die Begriffe
von Recht und Unrecht, von gut und böse bei den Menschen
bestimmt werden durch ihre Umgebung, sonderlich durch die
Art und Weise, wie sie ihre Nahrung erwerben; so daß es
keine göttlichen, keine ewigen, keine unabänderlichen Regeln und
Gesetze gibt; so daß jetzt aus dem Kapitalismus ganz not⸗
wendigerweise der Sozialismus geboren werden muß. Ja,
wenn es wahr ist, daß ein allmächtiger und allwissender Gott
lebt, der alles in allem ist, der von seinem festen Thron im
Himmel auf alle Menschenkinder sieht, auf alle ihre Wege, der
jedem Leben und Odem gegeben hat und erhält, wie er will,
dann ist es nichts als Schwindel mit dem ganzen Kram der
sozialistischen Wissenschaft. So kann also der Sozialismus
nicht anders, wenn er sich aufrechterhalten will, als den Glau⸗
ben an Gott bestreiten, er hat für diesen Glauben durchaus
keinen Raum. Der Glaube an Gott ist dem Sozialismus
überall im Wege, er kann ihn nirgends anbringen oder doch
gewähren lassen. Der Gottesglaube, wo immer er gilt, ist
der Tod des Sozialismus. Jeder *Clear-headed Socialist““,
wie Kerr so oft sagt, jeder, der den Sozialismus gründlich
kennt, weiß es, sobald der Sozialismus zugeben würde, es sei
ein Gott, ein Schöpfer und Lenker aller Dinge, so würde sein
ganzes System zusammenfallen wie ein Kartenhaus von einem
Luftzuge.
Die „großen“ Väter und Leiter des Sozialismus machen
denn auch gar kein Hehl aus ihrer Gottesleugnung, sie rühmen
sich vielmehr derselben; und das tun sie in ihren sozialistischen
Schriften. Hören wir nur von etlichen der vornehmsten Häup—
ter kurze Aussprüche.
Marx schreibt: „Wir führen Krieg gegen alle herrschenden
Ideen von Religion, von Staat, von Vaterland, von Patriotis⸗
mus. Die Idee von Gott ist der Eckstein einer verkommenen.
Zivilisation. Sie muß zerstört werden. Die wahre Wurzel
der Freiheit, der Gleichheit, der Bildung ist Atheismus.“ Die
Worte sind angeführt aus „Geheime Gesellschaften der Schweiz“
von De Tunzelmann in seinem Buche „The Superstition called
Socialism“, Seite 150.
Engels sagt: „Aber in unserer heutigen evolutionären
Auffassung des Weltalls ist schlechterdings kein Raum weder
für einen Schöpfer noch für einen Regierer; und zu reden von
einem höchsten Wesen, das ausgeschlossen ist von der ganzen
bestehenden Welt, ist ein Widerspruch in sich selbst und, wie mir
scheint, eine grundlose Beleidigung der Gefühle religiöser Leute.“
Zu lesen in „Socialism, Utopian and Scientificꝰ, Seite 19.
Bebel, „der fähigste, hingebendste und zuverlässigste Füh⸗
rer der klassenbewußten proletarischen Bewegung Deutschlands“,
der am 13. August vorigen Jahres starb, nachdem er soeben
in seinem letzten Briefe an den Vorstand der deutschen sozial⸗
demokratischen Partei geschrieben hatte: „Der Teufel hat mich
wieder an der Kehle“, wird jetzt von den Sozialisten allent⸗
halben gefeiert als „der große Sozialist“ und als „der große
Atheist“, und dabei bekennen sie sich vielfach ausdrücklich zu
seinen Grundsätzen, ohne auch nur eine Ausnahme zu machen,
und geloben, denselben treu zu bleiben. Dieser Bebel hat sich
viel Mühe gegeben, mit dem Glauben an Gott nicht nur bei
sich selbst, sondern auch bei andern gründlich aufzuräumen.
Hier nur etliche Sätze aus seinem Hauptbuche: „Die Frau und
der Sozialismus.“ Seite 445 heißt es: „Es sind nicht die Göt⸗
ter, welche die Menschen erschaffen, es sind die Menschen, die
sich die Götter, Gott, machen. Sich selbst (dem Menschen) zum
Bilde, zum Ebenbilde schuf er ihn (den Gott), nicht umgekehrt.
. . . Die Naturwissenschaft machte die Lehre von der Schöpfung
der Erde in sechs Tagen zur Mythe.“ Auf Seite 445 führt er
einen Ausspruch unsers früheren Präsidenten Grant an, in
welchem dieser sagt, „daß Gott die Welt vorbereite, eine Na⸗
tion zu werden“; dazu setzt Bebel die spöttische Bemerkung:
„Natürlich muß bei einem Vollblut⸗Yankee der liebe Gott die
ausgleichende Rolle spielen, die einzig ein Produkt geschichtlicher
Entwickelung ist.“ Also Gott ist für Bebel weiter nichts als
eine Idee, eine Einbildung, die sich in dem Gehirn des dum—
men Volkes so nach und nach entwickelt hat. Auf Seite 262
weist Bebel auch, wie wir oben bereits von Engels gehört haben,
die Torheit derer ab, welche behaupten, ein Mensch könne die
Evolutionslehre, die man auch nach ihrem Haupterfinder Dar⸗
winismus nennt, annehmen und dabei doch noch an Gott glau⸗
ben, nämlich glauben, Gott habe den Urstoff erschaffen und die
Kraft zur Entwicklung hineingelegt und ihn dann sich so ziem⸗
lich selbst überlassen. Dabei greift er sogar einen andern Hel—
den des Unglaubens, nämlich den bekannten Häckel in Jena,
an. Letzterer hatte dem berühmten Virchow gegenüber be⸗
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