Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 1 › Seite 2
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Januar 1914, Seite 2
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Tage mündlich und schriftlich predigen“. Das ist noch heute
der Zweck, dem unser „Lutheraner“ vor allem dient. Im
Vorwort zum vierten Jahrgang schrieb D. Walther, daß die
Synode mit der Uebernahme des „Lutheraner“ als Synodal⸗
organs die „heilige Pflicht übernehme, darüber zu wachen, daß
in diesem Blatte auch in Zukunft keine andere Lehre vorge⸗
tragen und durch dasselbe verbreitet und verteidigt werde als
die reine und lautere Lehre der Heiligen Schrift, wie dieselbe
in den kirchlichen Bekenntnisschriften klar dargelegt ist“, sowie
daß in demselben „die reine Lehre gegen Verfälschung und
Angriffe der Ungläubigen, Falschgläubigen und Schwärmer
verteidigt“ werde. Das hat unsere Synode bis auf diesen Tag
als ihre heilige Pflicht erkannt.
Siebzig Jahre —
Wenn ein Mensch zum siebzigstenmal Geburtstag feiert,
dann steht er in den Greisenjahren. Mögen sich bei manchen
die Gebrechen schon eher eingestellt haben, die das Greisenalter
kennzeichnen, mögen andere noch ein Jahrzehnt länger rüstig
einhertreten und noch ein tüchtiges Tagewerk verrichten, ein
gewisses Maß der Tage ist voll; des Menschen Leben „währet
siebzig Jahr', und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahr'“.
Die Greisenjahre sind da, in denen der Mensch besser versteht,
als er es vorher verstehen konnte: „Wenn's köstlich gewesen
ist, so ist's Mühe und Arbeit gewesen“, und mit größerem
Ernste jenes andere Wort aus demselben Psalm beten lernt:
„Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen!“
Wie nun? Auf siebzig Jahre hat es unser „Lutheraner“
jetzt gebracht; sollten sich nicht auch bei ihm die Mängel
und Gebrechen einstellen, die das Greisenalter bei den Kindern
Adams mit sich bringt: daß sein Auge blöde wird, daß seiner
Stimme die Kraft gebricht, seiner Gestalt die feste Haltung?
Wir haben doch gesehen, daß andere Blätter nur am Leben
bleiben, indem sie sich der Mitwelt anbequemen und immer
diejenigen Ansichten vortragen, die dem Geschmacke der Zeit
behagen. Demgemäß sollte unser Blatt schon längst sein Recht
auf weiteres Fortbestehen verloren haben, denn es hat sich ja
grundsätzlich nie nach der Laune des allgemeinen Publikums
gerichtet und sich nie in die großen „Bewegungen“, die sich in
den amerikanischen Kirchen zuzeiten entwickeln, hineinziehen
lassen, sondern hat Stellung gegen alles Verwerfliche genom⸗
men, das diesen Bewegungen und den Zeitströmungen über⸗
haupt anhaftet. Da sollte eigentlich unser Blatt zu denen ge⸗
hören, die in absehbarer Zeit eingehen müssen, weil sie es nicht
verstanden haben, sich den Verhältnissen der Zeit anzupassen.
Und doch kann gerade von unserm „Lutheraner“ gesagt
werden, daß er trotz seines unverbrüchlichen Festhaltens an der
Stellung seiner Gründer zur Schriftlehre, ja gerade wegen
dieser ungebrochenen Stellung zu den allermodernsten
Zeitschriften des Landes gehört, auf der vollen Höhe
der Zeit steht! Der „Lutheraner“ hält noch heute fest an
der Wahrheit des alten Evangeliums, weil dieses Evangelium
eben noch heute das einzige Mittel ist, das Men⸗
schen selig machen kann. Er verurteilt noch heute alle
Irrlehre und alles Weltwesen, weil die Worte der Schrift, die
den Zorn Gottes über alle Ungerechtigkeit der Menschen ver⸗
kündigen, noch heute feststehen wie vor siebzig, wie vor
neunzehnhundert Jahren. Walther bezeichnete seine Zeit als
eine Zeit des Indifferentismus, der religiösen Gleichgültigkeit;
in wieviel höherem Maße gilt das aber von unserer Zeit!
Er klagte im Vorwort zum ersten Jahrgang über die vielen
im Schwange gehenden, verführerischen Irrlehren; aber wie
ungeheuer hat sich nicht der Schwarm der falschen Propheten
seitdem vermehrt, so daß jetzt noch viel mehr als damals vor
ihnen gewarnt werden muß! Ja, die Übel, die sich damals im
Keime zeigten, sind seitdem erst ausgewachsen, groß und mächtig
geworden, wie zum Beispiel das Logenwesen, so daß, wo mög⸗
lich, mit noch größerem Nachdruck als je zuvor gegen dieselben
Zeugnis abgelegt werden muß. Weit davon, hinter der Zeit
zurück zu sein, ist unser Blatt fortwährend mit der
Zeit vorangeschritten, indem es immer diejenigen
Lehren recht trieb, die zurzeit von falschen Lehrern angegriffen
wurden, und den Zeitsünden, sowie sie ihr Haupt erhoben, mit
dem Schwerte des Geistes entgegentrat.
Altern kann ein solches Blatt wie das unsere eigentlich
gar nicht. Wie D. Walther vor siebzig Jahren in seinem
Vorwort schrieb, es dient der Kirche, die „nicht in den Reihen
der Sekten steht und nicht eine neue, sondern die alte Kirche
Christi auf Erden ist, die daher noch keineswegs
ausgestorben ist, ja nicht aussterben kann nach
Christi Verheißung: „Siehe, ich bin bei euch
alle Tage, bis an der Welt Ende.““ So gewiß der
Kirche Gottes der Geist Christi innewohnt und ihr durch seine
allmächtige Wirkung einen ewigen Bestand zusichert, so gewiß
kann das erleuchtete Auge ihres Verständnisses niemals „dunkel
werden, noch ihre Gestalt verfallen“, sondern muß sich das
Wunder des alten und doch nie gealterten Moses immerdar
an ihr wiederholen. Auch dem Volke Gottes in großer Er⸗
niedrigung galt einst die Aufforderung des Propheten: „Jeru⸗
salem, du Predigerin, hebe deine Stimme auf mit Macht, hebe
auf und fürchte dich nicht; sage den Städten Judas: Siehe,
da ist euer Gott!“ Ein solcher Ruf aus Zion an die Völker
ist, als Organ einer rechtgläubigen Gemeinschaft von Christen,
auch unser „Lutheraner“. Und was die „große Stimme“ des
Engels in der Offenbarung redete, das verkündigt auch unsere
Kirche durch dies ihr Mundstück denen, die auf Erden sitzen:
„Fürchtet Gott und gebet ihm die Ehre; denn die Zeit seines
Gerichts ist kommen; und betet an den, der gemacht hat Him⸗
mel und Erde und Meer und die Wasserbrunnen!“ G.
— —
Gott erhalte unsere Lehrerseminare!
Mit der Errichtung unsers neuen Schullehrerseminars in
River Forest hat unsere Synode einmal wieder laut die Notwen⸗
digkeit und Herrlichkeit der Gemeindeschule gepredigt.
Unsere Väter, schon die ersten Gründer unserer Synode, haben
die Gemeindeschule als die allersegensreichste Einrichtung zur
gottgefälligen Erziehung unserer Kinder erkannt und haben sie
mit großen Opfern überall eingerichtet, wo es irgend tunlich
war. Die Pastoren haben in schwachen Gemeinden selber Schule
gehalten und, wenn die Gemeinde erstarkt war, ihr geraten,
einen Lehrer anzustellen, obschon sie infolgedessen oft mit einem
kleinen Gehalt sich begnügen mußten. Sie wollten nicht, daß
die Kinder am rechten, christlichen Unterricht Schaden leiden
sollten. Für die Gemeindeschule sind unsere Väter eingetreten.
Indem nun unsere Synode dieses schöne, große Lehrer⸗
seminar errichtet hat, bezeugt sie aufs allerdeutlichste, daß auch
sie für die Gemeindeschule eintritt und immer eintreten will;
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