Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 1 › Seite 6
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Januar 1914, Seite 6
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6 S Der „Wutherane
die ihm anvertrauten Kleinen Christi Lämmer und Bürger im
Gnadenreich des Errn find. Er zeigt ihnen darum den Weg
zu einem Gesang, der Gott gefällt und sich für Christen
geziemt.
Christen dürfen lange nicht alle die Lieder singen, die
Weltkinder und Heiden singen; denn die meisten davon sind
Gott ein wahrer Greuel. Auch im Gesang dürfen sie sich nicht
der Welt gleichstellen und mit den Gottlosen laufen in dasselbe
wüste, unordentliche Wesen. Vielmehr sollen sie sich auch hierin
von der Welt absondern und ihr zeigen, daß sie Gottes Tempel
sind, und der Geist Gottes in ihnen wohnt; denn sie haben
Lieder, die kein Weltmensch oder Ungläubiger singen kann.
Diese Lieder werden den Kindern in einer christlichen Schule
bekannt gemacht und eingeprägt. Darunter stehen an erster
Stelle unsere unübertrefflichen Kirchenlieder, die sich im Ge⸗
sangbuch befinden. Die Verse, die ein Kind dem Gedächtnis
einprägt und deren Inhalt es durch die Erläuterungen des
Lehrers verstehen gelernt hat, soll es auch singen können. Alle
gebräuchlichen Choralmelodien werden in der Schule geübt.
Kinder lernen wohl nach und nach, durch sonntägliches An⸗
hören, manches Kirchenlied singen. Doch sollten sie, anstatt
hier erst Lieder und Melodien kennen zu lernen, durch den
Unterricht in der Schule befähigt sein, sicher mitanzustimmen,
fröhlich mitzusingen und wohl gar, wenn eine unbekannte
Melodie vorkommen sollte, die Gemeinde zu leiten. So hat
denn die Gemeinde einen Segen von der Arbeit in der Schule.
Die Hauptsache ist und bleibt aber, daß die Lieder dem Inhalt
nach bekannt werden. Sie enthalten nicht leere Worte, son⸗
dern Gespräche des Herzens mit Gott und eignen sich für alle
Lagen des Lebens.
Die Schulkinder sind die zukünftigen Väter, Mütter,
Hausherren und Hausfrauen, die Glieder der christlichen Ge⸗
meinde. Können diese aber die Lieder singen und kennen
sie sie auch, so folgt, daß sie sie gerne und darum fleißig ge⸗
brauchen werden, nicht nur in Kirche und Schule und bei be⸗
sonderen Gelegenheiten und Festlichkeiten, sondern auch zu
Haus, in Wald und Feld, bei der Arbeit, bei Spaziergängen
und -fahrten, in Freude und Leid, in Angst und Not. Bei
allen Gelegenheiten und in allen Lagen des Lebens werden sie
dann Gott auch singend anrufen, beten, loben und danken
können. Das gefällt Gott, denn er ermahnt an vielen Stellen
der Heiligen Schrift zum Singen, so auch durch den heiligen
Apostel Paulus: „Redet untereinander von Psalmen und Lob⸗
gesängen und geistlichen Liedern; singet und spielet dem HErrn
in eurem Herzen“, Eph. 5, 19.
Neben den Kirchenliedern werden die Kinder mit guten,
sich für Christen geziemenden Natur⸗ und Volksliedern bekannt
gemacht, damit sie sich nicht vergreifen an dem Unrat, den die
Welt bietet. Ach, was werden in unserer Zeit für elende Melo⸗
dien und viel elendere Texte an den Tag gefördert! Es ist
zum Erbarmen! Die Sänger schwimmen mit Leib und Seele
in diesen Pfützen der Musikwelt. Jeder anständige heidnische
Musiker haßt und verabscheut diese ekligen Ausflüsse gottloser
Dummheit und Fleischeslust, und viele, viele junge und alte
„christliche Lutheraner“ wälzen sich mit den Weltkindern in
diesem Morast, bis sie ihn lieber gewonnen haben als die be⸗
haglichste Flut. Abscheuliche Albernheiten werden mit dem
größten Wohlgefallen abgesungen, von andern gierig ver⸗
schlungen, nachgesungen und von Tausenden wiederholt. Der
neueste Gassenhauer wird von aller Welt so lange geleiert und
traktiert, bis er von jedermann schier bis auf den letzten Trop⸗
fen ausgesogen und abgenutzt ist. Dann ist ein anderer „the
latest“. Diese Lieder richten viel Unheil an. Sie sind ein
tödliches Gift, durch das alles geistliche Leben und alles Wohl⸗
gefallen an christlich erbaulichen Liedern geschädigt, vergiftet
und vernichtet wird. Ja, werden sie von Christen gesungen,
so ist das ein Sich-der⸗Welt⸗Gleichstellen und eine offene Tür
für den Teufel, in die er so schlau eingeht wie durch die schlechte
Literatur. Darum — weg mit diesen Liedern! überhaupt
alle sündlichen, schlüpfrigen, gottlosen Sauf- und Buhlenlieder
— ins Feuer damit! Man bezeichne sie mit einem Totenkopf,
wie man die Giftflaschen bezeichnet! Hingegen lasse man ge⸗
sunde und lautere Lieder erschallen und bedenke das Wort Got⸗
tes: „Singet dem HErrn in eurem Herzen!“
Allerdings, auch gute Lieder werden nicht immer recht
gesungen. Das gilt von manchen Sängern im „Gottesdienst.
Sie warten das Vorspiel ab und singen das angesteckte Lied
mit. Ernsthafte Christen klagen darüber, daß sie doch so wenig
bedenken, was sie fingen. Wie steht es denn mit den gleich⸗
gültigen? Sie singen auch mit, aber warum? Nun, es
muß doch erst gesungen werden, und man will doch nicht, wie
es andere tun, ohne mitzusingen, dasitzen. Sie sehen auf die
herab, die gar nicht mitfingen, und bedenken nicht, daß sie selbst
nur Mund⸗ und Lippenwerk treiben.
Wohl noch mehr schwindet oft die Andacht beim Chor⸗
gesang. Da macht sie der Sorge um das Richtigsingen, dem
Gedanken an den Eindruck auf die Zuhörer wie auch der Freude
an dem Erfolg Raum. Auch solch ein Singen gefällt Gott
nicht. — Genug, wir brauchen nicht weit zu gehen, um zu
sehen, daß das Herz so oft andere Sachen treibt, während der
Mund dem Serrn ein Lied singt. Welch schöne Gelegenheit
bietet sich darum dem Lehrer, durch den Gesangunterricht in
der Schule dahin zu wirken, daß die Christen von Kind auf
bis ins höchste Alter ihre Lieder Gott von Herzensgrund er—
tönen lassen, daß sie in der Schule, im Gottesdienst, beim Chor⸗
gesang, unterm Christbaum, wann oder wo sie singen mögen,
stets bedenken möchten, daß Gott beiderlei Singen, rechtes
und falsches, hört, daß er aber nur andächtiges Singen er⸗
hört und unandächtiges verdammt. Der Gesangunterricht in
unsern Gemeinden durch die Schule ist sehr wichtig und nötig.
Erfüllt eine Schule auch in diesem Fach ihre Pflicht, so bleibt
die Frucht nicht aus, und die Gemeindeschule erweist sich wieder⸗
um als eine wahre Pflanzstätte der Kirche. A. C. St.
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Etwas über die rechtgläubige Gemeinde in der
deutschen Reichshauptstadt Berlin.
Sonntags läuten die Glocken Berlins zum Gottesdienst.
Aber sie läuten nicht für die rechtgläubigen Lutheraner, denn
diese haben keine Kirche. Sie haben einen gemieteten Saal.
Dieser Predigtplatz der treuen Berliner Gemeinde ist in einer
Straße im Zentrum Berlins zu suchen, und zwar im Seiten⸗
gebäude einer Realschule, in der Aula. Kurz vor, 4 Uhr nach—
mittags sind einige Jünglinge eifrig beschäftigt, einen Altar
und eine Kanzel herzurichten. Der Altar besteht aus einem
Tisch, über den ein großes schwarzes Tuch gebreitet wird, um
den Eindruck eines Tisches zu verwischen. Darauf werden
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