Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 1 › Seite 9
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Januar 1914, Seite 9
Scan: from a 2009 DVD; the same scans are on the Internet Archive as DerLutheraner70_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Sozialismus 4
unsern Gemeindeschulen.
8 Vuthieransd 9
ein Volk, das zur Gesetzlosigkeit und zum Aufruhr geneigt ist.“
Prof. W. H. P. Faunce, ein bedeutender Schulmann, machte
kürzlich in einer Rede auf „unsere nationale Gefahr“ aufmerk⸗
sam, daß nämlich „die wichtigste Aufgabe unserer Generation un⸗
erfüllt bleibt, weil der Staat und auch die Kirche sich nicht darum
kümmern; daß die Kirche nämlich sagt: Erziehung ist nicht
mehr in unsern Händen“, und der Staat: „In religiösen Dingen
schweigen wir.“ So wachsen Millionen in unserm Lande heran
ohne eigentlichen religiösen Unterricht. Es ist Zeit, daß Kirche
und Schule zusammenwirken, um das Land zu retten.“ Dazu
sagen wir: Wenn der Staat spricht: „In religiösen Dingen
schweige ich“, so tut er wohl daran; denn der Staat hat aller⸗
dings in religiösen Dingen nicht zu reden. Und das „Zusammen⸗
wirken von Kirche und Schule“ haben wir Lutheraner in
Nur so läßt sich die Sache machen.
Denn wollte die Kirche mit den Staatsschulen behufs christ⸗
licher Erziehung „zusammenwirken“, so hätte das so viel Aus⸗
sicht auf Erfolg, als wenn man ein Pferd zusammen mit einem
Sägebock vor einen Wagen spannen wollte. Es geht nur so, daß
die Kirche ihre eigenen Schulen errichtet und erhält. Nicht
nur sorgt sie so in rechter Weise für das Heil ihrer Kinder, son⸗
dern auch für unser Land und Volk gehen aus diesen unsern
Schulen Ströme des Segens hervor.
Große Rührigkeit legen die Katholiken in der Bundeshaupt⸗
stadt an den Tag. Einem Berichte im Lutherun Observer zu⸗
folge besuchen täglich fünf bis acht Priester den Sekretär des
Präsidenten, Tumulty, der ja Katholik ist. In der großen
Regierungsdruckerei ist eine große Anzahl von Bureauchefs (heads
of divisions) entlassen worden, und fast in jedem Falle wurde
die vakante Stelle mit einem Katholiken besetzt. Die Angestellten
im Kapitol sowie die Polizei der Stadt Washington ist bis zu
90 Prozent katholisch. Die Post, eine Washingtoner Tages⸗
zeitung, berichtete letzten Sommer die Flucht eines Mädchens
aus dem katholischen Home of the Good Shepherd; das Mäd⸗
chen ließ sich mittels eines Bettuches aus dem Fenster herab,
fiel aber und kam ums Leben. Die Post berichtete den Unfall
ganz kurz. Doch war auch das den Römlingen zu viel. Sie
hielten eine Protestversammlung ab, und es verlautet, daß die
Post 3000 Abonnenten verloren habe. G.
Ein spanischer Geistlicher gab im Jahre 1901 folgendes
Urteil ab: „Spanien ist das unglücklichste Land der Erde, weil
in ihm der Jesuitismus herrscht — ein Volk ohne Glauben und
Vertrauen, ohne Männlichkeit, ohne Kraft, ohne Gesetz, ohne
Wissenschaft, ja ohne Ehrgefühl. Das Höchste, was es tun kann,
ist, zu wünschen, daß die andern Völker zusehen, ob es einen
Schmerz gibt wie diesen Schmerz, und zu hoffen, daß der Geier
des Jesuitismus endlich aufhöre, die Knochen eines stinkenden
Kadavers zu entfleischen. Aber schon bereitet sich, wie es scheint,
ein Rückschlag vor: furchtbar ist der Zorn eines Volkes, das sich
dafür rächt, daß man ihm moralisch und materiell das Vaterland
gemordet hat.“ Bald darauf kam die Revolution. G.
—————5‚
Schätzt die christliche Gemeindeschule hoch!
Vor nun bald vierzig Jahren kam ein Katholik, der Witwer
war und fünf Kinder hatte, zu mir und fragte, ob er seine Kinder
nicht in unsere Schule schicken dürfe. Weil ich dachte, diesem
Manne sei wohl nur daran gelegen, daß seine Kinder auch
Deutsch lesen und schreiben lernten, sagte ich: „Wir nehmen
Ihre Kinder mit Freuden in unsere Schule auf, aber sie müssen
auch, wie unsere eigenen Kinder, den lutherischen Katechismus
lernen.“ Darauf erwiderte er: „Wenn ich nicht wollte, daß
meine Kinder Religion lernen sollten, dann würde ich sie wie bis⸗
her in die Staatsschule schicken, die für meine Kinder viel näher
und bequemer wäre. Ich bin zwar katholisch — oder, besser ge⸗
sagt, ich bin ungläubig. Ich gehe weder in eine katholische noch in
eine andere Kirche. Aber in meinem Unglauben bin ich nicht glück⸗
lich. Ich bin ganz unglücklich. Ich fühle es: ein Leben ohne Reli⸗
gion ist ein verlornes Leben. Ich habe auf dieser Welt nichts mehr
als meine Kinder. Ich liebe meine Kinder und möchte sie davor
bewahren, daß sie so unglücklich werden, wie ich es bin. Meine
Kinder sollen Religion lernen. Aus diesem Grunde möchte ich
sie in eine christliche Schule schicken. Ich wollte, ich könnte mein
Leben noch einmal von vorn anfangen, dann sollte es anders
werden, als es jetzt ist.“ Ich sagte ihm: „Sie erkennen es, daß
Ihre Kinder noch in der Gnadenzeit leben, und Sie wollen —
und das ist löblich von Ihnen —, daß Ihre Kinder die von Gott
geschenkte Gnadenzeit recht gebrauchen, damit sie die wahre Glück⸗
seligkeit, das ewige Leben, erlangen. Aber daß auch Sie noch in
der Gnadenzeit leben und noch aus Ihrem unseligen Zustande
errettet werden können, das scheinen Sie nicht zu erkennen. Durch
den Glauben an den HErrn IEsum können auch Sie noch wahr⸗
haft glücklich, ein Kind Gottes und ein Erbe des ewigen Lebens
werden.“ Darauf erwiderte er: „Ich kann nicht mehr glauben.
Für mich ist es zu spät!“ Hierauf sagte ich ihm: „Ja, mein
Lieber, Sie haben recht, Sie können nicht glauben. Ich und alle
Menschen können auch nicht glauben, nämlich aus eigener Ver⸗
nunft noch Kraft. Nur der kann glauben, dem Gott den Glau⸗
ben gibt, wie die Schrift sagt: „der Glaube, den Gott wirket“.“
Da fragte er: „Wie kann ich zum Glauben kommen?“ „Wie
Ihre Kinder“, sagte ich. „Sie schicken sie in eine christliche Schule;
da sollen sie Gottes Wort lernen. Nun sagt aber die Heilige
Schrift: „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen
aber durch das Wort Gottes. Brauchen Sie auch für Ihre Seele
das von Gott geordnete Mittel. Fangen Sie an, Gottes Wort
fleißig zu hören, dann werden Sie es bald erfahren, daß es das
Wort ist, das unsere Seelen selig machen kann.“
Die Kinder kamen von da an in unsere Schule. Des Sonn⸗
tags aber kam der Vater mit den Kindern zur Kirche, und man
konnte sehen, daß er mit großer' Aufmerksamkeit dem Wor te zu⸗
hörte. So ging es etliche Wochen. Da kam eines Morgens
seine älteste Tochter weinend zu mir und sagte: „Unser Vater
ist heute nacht gestorben.“ Ein Schlagfluß hatte seinem Leben
ein unvermutet schnelles Ende gemacht.
Nach seiner Beerdigung teilte ich den Kindern mit, was ihr
Vater mir gesagt hatte. Ich sagte: „Es war eures Vaters letzter
Wille, daß ihr Gottes Wort lernen und durch das Wort zum
Glauben an den HErrn IEsum kommen sollt, damit ihr durch
den Glauben hier glücklich und dort ewig selig werdet. Wollt
ihr eures Vaters letzten Willen tun?“ Sie sagten: „Ja.“
Familien aus unserer Gemeinde nahmen die Kinder auf und
schickten sie in die Schule. Die älteste Tochter, von der der Vater
gesagt hatte, sie sei bereits über die Schuljahre hinaus, wurde
privatim unterrichtet und legte nach fleißigem Lernen öffentlich
in der Kirche ein feines Bekenntnis ihres Glaubens ab. Die
andern Kinder wurden später auch alle konfirmiert. Ihren Glau⸗
ben haben sie mit einem gottseligen Wandel geziert.
Wird ein solcher Mann, der, selbst im Unglauben stehend,
für seine Kinder eine christliche Schule gesucht hat, damit sie
gläubige Kinder Gottes werden, nicht an jenem Tage auftreten
und solche verdammen, die eine christliche Gemeindeschule hatten,
sie aber nicht achteten, wohl gar ihre Kinder derselben entzogen
oder die wohl eine christliche Gemeindeschule hätten errichten
können, aber nicht bereit waren, Opfer dafür zu bringen? O daß
doch alle Eltern solche Liebe zu ihren Kindern hätten!
Ein Hungriger weiß die Speise zu schätzen, die ein Satter
oder ein Kranker verschmäht. Thos. S.
English translation
Not yet translated.