Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 8 › Seite 122
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 14. April 1914, Seite 122
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Unterſtützungskaſſe · Unterſtützungskaſſe 1 · Sozialismus · Sozialismus
122 Sr Tutheranes
Es ist wahr, daß ein Mensch gläubig und selig wird, ist
nicht des Predigers oder Lehrers Werk; Gott allein ist es, der
da selig macht; wir Diener am Wort sind nur Gottes Hand⸗
langer und Mithelfer bei dem herrlichen Werk der Rettung der
Seelen. Aber gerade weil das Werk der Seligmachung ein so
unbezahlbares Werk ist, darum ist diese Arbeit unendlich mehr
wert als irgendein irdisches Werk. Darum sagt der Apostel,
wenn auch die Christen die Diener am Wort reichlich versorgen,
so ist dies doch ein geringer Lohn, ist etwas Geringes gegen
den Dienst, der ihnen durch die Diener am Wort geleistet wird.
Um dies noch zu bekräftigen, weist der Apostel auf das
Priestertum des Alten Testaments hin: „Wisset ihr nicht, daß,
die da opfern, essen vom Opfer, und die des Altars pflegen, ge⸗
nießen des Altars?“ Gott hatte im Alten Testament verordnet,
daß die Priester und Leviten, die ausschließlich am Heiligtum
dienten, auch von diesem Dienst ihren Lebensunterhalt beziehen
sollten, und zwar einen reichlichen Lebensunterhalt. Lies
einmal, mein lieber Leser, 4 Mos. 18 nach, dann wirst du sehen,
daß Gott für die Priester und Leviten so gesorgt hatte, daß sie
reichlich zu leben hatten.
Diese einzelnen Bestimmungen gelten ja nun freilich nicht
für die Diener der Kirche im Neuen Testament, aber der Grund⸗
satz, der diesen Bestimmungen zugrunde lag, bleibt der selbe, wie
ihn der Apostel ausspricht in den Worten: „Also hat auch der
HErr befohlen, daß, die das Evangelium verkündigen, sollen
sich vom Evangelium nähren.“ Das hat der SErr zum Bei⸗
spiel in den Worten befohlen: „Esset und trinket, was sie haben;
denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.“ Klar und unmiß⸗
verständlich wird hier die Versorgung der berufenen Diener
Christi denen auferlegt, denen sie das Evangelium predigen.
Darum ermahnt ja auch Paulus seinen Schüler Timotheus
ernstlich, sich nicht in Händel der Nahrung zu verflechten. Ja,
diese Pflicht der Versorgung der Diener der Kirche stellt Gott
über alle andern Pflichten der Kirche gegen Menschen. 2 Tim. 2
heißt es: „Es soll aber der Ackermann, der den Acker bauet,
der Früchte am ersten genießen.“ Und nachdrücklich fügt
der Apostel hinzu: „Merke, was ich sage!“ Damit will der
Apostel betonen, daß dies Gottes Ordnung und Wille ist; und
wie ernstlich Gott auf die treuliche Ausübung dieser Pflicht
sehen will, sehen wir aus Gal. 6; da hält der Apostel den
Christen in Galatien diese Pflicht vor mit den Worten: „Der
unterrichtet wird mit dem Wort, der teile mit allerlei Gutes
dem, der ihn unterrichtet“, und fügt die so ernsten Worte
hinzu: „Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten! Denn
was der Mensch säet, das wird er ernten. Wer auf sein
Fleisch säet, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten.“
O welch ein ernstes Wort: die Diener am Wort nicht in genü⸗
gender Weise, sondern nur kärglich versorgen, ist ein Spotten
Gottes, das nicht ungestraft bleibt!
Doch, möchte mancher sagen, das alles bestreitet ja
niemand, das ist unter uns ja selbstverständlich, daß die Kirche,
daß jede Gemeinde die Pflicht hat, ihre Diener zu versorgen.
Ganz recht, mein Lieber, aber geschieht es auch überall
so, wie es geschehen sollte? Ich glaube, mein lieber Leser,
wenn du über diese Frage ein wenig nachdenkst, wirst du zu⸗
geben, daß die in diesen Zeilen versuchte Belehrung und Er⸗
munterung wohl am Platze ist. Und wenn diese Worte offene
Herzen finden und gesegnete Frucht bringen, so ist ihr Zweck
erreicht.
Freilich, der Hauptpunkt oder, besser gesagt, der wunde
Punkt in dieser Sache ist nicht sowohl die Versorgung der in
der Arbeit stehenden Diener der Kirche, sondern die Versor.
gung der arbeitsunfähigen, ausgedienten Diener
Darüber, will's
der Kirche oder deren Witwen und Waisen.
Gott, in nächster Nummer einige Worte.
C. Eißfeldt.
Der Sozialismus verwirft das göttliche Sittengeset
und macht sich ein eigenes.
Es gibt ein Sittengesetz oder Naturgesetz. Dies ist von
Gott. „Er hat es schon bei der Schöpfung den Menschen ins
Herz geschrieben, nachher aber auf zwei Tafeln in zehn Gebote
gefaßt und durch Moses verkündigen lassen.“ In diesem Ge⸗
setze offenbart uns Gott seinen heiligen Willen und sagt uns,
wie wir sein und was wir tun oder lassen sollen. Jedem Men⸗
schen ist daher auch ein Gewissen anerschaffen, eine Stimme in
seinem Innern, die ihm Zeugnis gibt, ihm Gericht spricht über
das, was er tut und läßt, ob es gut oder böse ist. Zwar ist
die göttliche Gesetzesschrift auf der Tafel des Herzens durch das
beständige sündliche Leben, ja schon durch das angeborne sünd⸗
liche Verderben vielfach verfinstert und verwischt, so daß das
Gewissen oft schläft und schweigt; die feinen Sünden, Lüste und
Begierden erkennt der Mensch nicht mehr recht aus sich selbst;
er gibt sich keine Mühe, sie zu erkennen, im Gegenteil, er sucht
seine bösen Triebe und Neigungen, sogar auch seine offenbaren
und groben Vergehen zu beschönigen und zu rechtfertigen. Aber
gänzlich kann er die Gesetzesschrift in seinem Herzen nicht aus⸗
löschen, noch sein Gewissen völlig und auf immer einschläfern.
(Röm. 2, 14. 15.)
Was sagt nun aber der Sozialismus hierzu? In vorigen
Artikeln ist schon wiederholt darauf hingewiesen worden, aber
zur rechten Klarstellung wird es noch einer, wenn auch nur kur⸗
zen, Ausführung und Erhärtung bedürfen. ö
Der Sozialismus verwirft das göttliche Sittengesetz und
macht sich ein eigenes. Er leugnet Gott den Schöpfer, so kann
ja für ihn auch kein göttlicher Gesetzgeber sein. Er führt alles
zurück auf seine „Wissenschaft“, auf die materialistische Entwick⸗
lungslehre. Er sagt: Wie sich alle Dinge entwickelt haben, so
auch die Sittenlehren oder die Regeln der Moral. Sie kommen
nicht aus himmlischen Höhen, sie entstammen keinem göttlichen
Funken, sondern sie sind entstanden nach und nach aus den mate⸗
riellen Verhältnissen, unter denen die Menschen lebten; sie sind
eine Frucht des Eigentumsrechts, des Kapitalismus. Die regie⸗
rende, das ist, die besitzende, die kapitalistische Klasse, hat die
Gebote der Moral erfunden, um die Besitzlosen, die Arbeiter,
die Lohnsklaven unter dem Joche zu halten. Alles, was man
jetzt Sittengesetz oder Moral nennt, dient einzig und allein dem
Zweck, die Arbeiterklasse zu unterdrücken. Auch hier wird daher
der Sozialismus Wandel schaffen durch den Sturz des Kapita⸗
lismus. Der Sozialismus richtet ein neues Sittengesetz auf;
dies besteht wesentlich darin, daß jeder dem Triebe gemäß, der
den Tieren innewohnt, nach dem trachten soll, was der Gesell⸗
schaft und also auch ihm nütze ist. Was gut ist für die Arbeiter,
das ist recht; was aber schädlich für die Arbeiter ist, das ist
unrecht. Das ist das höchste Gesetz, die Summa aller rechten
Moral in der Zukunft.
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