Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 8 › Seite 123
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 14. April 1914, Seite 123
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Sozialismus
utherane
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Soll ich das nun beweisen? Folgende Belege werden ge⸗
nügen. Sie sind genommen aus Büchern, die von echten, an⸗
erkannten Sozialisten geschrieben sind, und gerade zu dem
Zbweck, die Unwissenden in diesem Stück aufzuklären und für den
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Sozialismus zu gewinnen. Diese Bücher werden von dem
„größten sozialistischen Verlagshause in der Welt“, Charles H.
Kerr & Co., 118 W. Kinzie St., Chicago, dringend empfohlen
1 zum Studium und ebenso von der Partei selbst, wie jeder sich
leicht überzeugen kann, wenn er schreibt an The Socialist Party
of America, 111 N. Market St., Chicago, und um ihren Katalog
bittet; er wird umsonst verschickt. Sogleich nach dem Titelblatt
heißt es: „The books listed in the chapter under the heading,
What to Read on Socialism, we recommend.“ Da kann man
doch nicht sagen, daß die Lehre dieser Bücher nur die persönliche
Ansicht der Schreiber sei; die Partei bekennt sich ja ausdrücklich,
wenn auch nicht zu jedem Satz, so doch zu dem eigentlichen
Inhalt, zu der Lehre der Bücher; sie will, daß jedermann die
Lehre lerne und annehme. Darum verbreitet sie so eifrig diese
Schriften.
Karl Kautsky hat ein Buch von 144 Seiten über unsern
Gegenstand geschrieben unter dem Titel: „Ethik und mate⸗
rialistische Geschichtsauffassung.“ Bei der Anzeige der eng⸗
lischen übersetzung dieses Buches schreibt Kerr: „Kautsky ist
heute der leitende sozialistische Schriftsteller in Deutschland, und
seine Schriften werden mehr allgemein von Sozialisten aller
Schattierungen in der ganzen Welt angenommen als die Bücher
irgendeines andern Schreibers. . .. Eine Hauptfrage, welcher
jeder Sozialist ins Angesicht sehen muß, ist unser Standpunkt
zu den kapitalistischen Ideen von dem, was recht und moralisch
ist. . . . Sie (die Kapitalisten) behaupten ihre Herrschaft da⸗
durch, daß sie den Kindern der Arbeiter solche moralische Ideen
aufhalsen, wie sie sie gerne haben, durch die Schulen, die Kirchen
und die Zeitungen. Diese Ideen zu widerlegen, dazu müssen
die Arbeiter ein klares Verständnis erlangen von dem Grunde
der Sittenlehren, und dies Verständnis zu erlangen, wird
Kautskys Buch eine höchst wichtige Hilfe darbieten.“ — Nun
eine kleine Blumenlese aus dem Buche, der deutschen Ausgabe
(Stuttgart 1910, J. H. W. Dietz' Nachf., S. 63. 64): „Ein
tierischer Trieb, nichts anderes, ist das Sittengesetz. .. Weil
. das Sittengesetz ein tierischer Trieb ist, der den Trieben der
Selbsterhaltung und Fortpflanzung ebenbürtig, deshalb seine
Kraft, deshalb sein Drängen, dem wir ohne Überlegen gehor⸗
chen, deshalb unsere rasche Entscheidung in einzelnen Fällen, ob
eine Handlung gut oder böse, tugendhaft oder lasterhaft: des⸗
halb die Entschiedenheit und Energie unsers sittlichen Urteils
und deshalb die Schwierigkeit, es zu begründen, wenn die Ver⸗
nunft anfängt, die Handlungen zu zergliedern und nach ihren
Gründen zu fragen. Dann findet man, daß alles notwendig,
nichts gut und böse ist.“ Seite 139: „Von diesen himmlischen
Höhen wird die Sittlichkeit durch den historischen Materialis⸗
mus auf die Erde herabgezogen. Wir lernen ihren tierischen
Ursprung erkennen und sehen, wie ihre Wandlungen in der
menschlichen Gesellschaft durch die Wandlungen bedingt sind,
welche diese durchmacht, angetrieben durch die technische Ent⸗
wicklung. Und das sittliche Ideal wird uns jetzt enthüllt in sei⸗
nem rein negativen Charakter als Widerspruch gegen die be⸗
stehende sittliche Ordnung, und seine Bedeutung wird erkannt
als Triebkraft des Klassenkampfs, als Mittel, die Kräfte der
revolutionären Klassen zusammenzufassen und anzufeuern.“
Howard H. Caldwell hat ein Heft verfaßt, betitelt: Our
Mental Enslavement.“ Auf dem Deckel steht in Fettschrift, ins
Deutsche übersetzt, folgendes: „Kapitalisten sind nicht stark ge⸗
nug, die Leiber ihrer Lohnarbeiter in Ketten zu legen, aber sie
sind schlau genug, ihren Geist zu knechten. Sittlichkeitsregeln
werden gebraucht, um die Sklaven tun zu machen, was ihre
Herren wünschen.“ Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter
Faden durch die ganze Schrift. In der Urzeit des menschlichen
Geschlechts, so behauptet Caldwell, gab es kein Gesetz betreffs
der Ehe, des Stehlens, des Lügens, des falschen Zeugnisses,
des Begehrens; es war kein Gesetz nötig, „weil es kein Privat⸗
eigentum gab, weil alle Dinge Eigentum der ganzen Herde
waren“. (S. 12. 13.) Als aber das Eigentumsrecht aufkam,
da ersannen die Besitzer solche Gebote der Moral, nicht für sich,
sondern für ihre Untergebenen, für die Frauen, für die Skla⸗
ven, für die Arbeiter, damit sich diese desto williger ausbeuten
ließen. Darum sollen nun durch den Sozialismus die alten
Sittlichkeitsregeln abgetan werden. „Du siehst, daß die Arbei⸗
ter allermeist mit geistigen Ketten geknechtet sind. Wir müssen
uns losreißen von allem Aberglauben, orthodoxen Lehrern und
Sittenregeln einer alten Gesellschaft, ehe wir eine neue gründen
können.“ (S. 44.) „Sie“ (die Nation nämlich) „muß eine
neue Form der Moral errichten, auf Grund des materiellen
Interesses des ganzen Volkes zusammenwirkend in der Er⸗
werbung und Austeilung des Reichtums. Sie muß unsern
Geist freimachen von dem Aberglauben und der Lehre unserer
Vorfahren und gestatten, daß unsere Ideen sich den Lehren der
Evolution anpassen.“ (S. 62. 64.)
„Rev.“ Chas. H. Vail stellt in seiner Broschüre „The
Socialist Movement“' dieselben Behauptungen auf. „Die Mo⸗
rallehre hat also einen Prozeß der Entwicklung durchgemacht;
es hat niemals eine allgemeine und beständige Sittenlehre ge⸗
geben. Die moralischen Formen sind die Frucht wirt⸗
schaftlicher Verhältnisse. In jeder Periode wurden die Formen
für vollkommen gehalten, aber das, was in einer Periode für
moralisch gehalten wurde, wurde unmoralisch in der folgenden,
weil die alten Ideen von Recht, Gerechtigkeit usw. aufhörten,
mit den neuen Verhältnissen, welche durch die industrielle Ent—
wicklung hervorgebracht wurden, übereinzustimmen.“ (S. 24.)
„Unter dem Sozialismus also wird die Moral ihre schließliche
Gestalt gewinnen.“ (S. 28.) „Unter dem Sozialismus wird
die höchste Regel für das menschliche Verhalten, die sittliche
Vollendung (ethical sanction), in dem bestehen, was dient
zur Förderung der sozialen Wohlfahrt.“ (S. 29.)
Morris Hillquit, ein Advokat, der als eifriger Vertreter
des Sozialismus und Glied der Partei viel schreibt und viel
gilt, vermeidet sorgfältig Angriffe auf die Religion, weil er
die Christen nicht abstoßen will, aber in diesem Stücke läßt er
doch die Katze aus dem Sack. In seinem Buche „Socialism in
Theory and Practice“ sagt er unter der überschrift The
Ethical Ideal and Socialist Morality“ auch dies: „Ein sitt⸗
liches Ideal schließt nicht den Glauben ein an eine Moral,
die gut wäre für alle Zeiten und alle Orter und unabhängig
von den bestehenden Naturverhältnissen.“ (S. 58.) „Die
gegenwärtige Arbeiterbewegung bildet sich ihre eigenen Regeln
vom rechten und unrechten Verhalten, ihre eigenen sozialen
Ideale und Moral. . . . Die beiden Losungen, welche Karl
Marx und Friedrich Engels den jetzigen Sozialisten gegeben
haben, nämlich: „Die Befreiung der Arbeiter kann nur durch
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