Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 26 › Seite 412
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 22. Dezember 1914, Seite 412
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E utherane
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.
Krieg in Europa interessiert, und je mehr man liest, desto
reger wird das Interesse. Ein Zeitungsjunge an einer be—
lebten Straßenecke Chicagos sagte mir kürzlich, daß er jeden
Tag gegen 1500 Zeitungen verkaufe. Die Kirche Gottes auf
Erden hat beständig Krieg zu führen mit Fürsten und Ge⸗
waltigen, mit dem Teufel und seinem ganzen Anhang. Unsere
Brüder stehen beständig im Feuer. Und der Ausgang dieses
Kampfes ist viel bedeutungsvoller als der gegenwärtige Krieg.
Wie begierig sollten wir daher alle nach dem „Lutheraner“
greifen, in dem uns berichtet wird, wie es im Felde steht,
welche Feinde auf die Kirche eindringen, welche Mittel zum
Kriegführen nötig sind, und welche Siege der HErr im Streite
beschert!
Der treue Gott, der uns zur Erkenutnis seines lieben
Sohnes, unsers HErrn JEsu Christi, gebracht hat, schenke uns
immer mehr Lust und Freude, das Evangelium auszubreiten,
und bleibe bei uns mit seinem Worte und seiner Gnade!
Mit brüderlichem Gruße
Dein
F. Pfotenhauer.
Chicago, den 15. Dezember 1914.
—— —
Der Papst und die Obrigkeit.
2. Die römische Kirche ist politisch tätig, um den Ansprüchen der
Päpste auf weltliche Macht Anerkennung zu verschaffen.
Schluß.)
K. In Mexiko. Vom Jahre 1520 bis zum Jahre
1821, also drei Jahrhunderte, besaß die römische Kirche abso⸗
lute Gewalt in Mexiko. Als das Land 1821 die spanische
Oberherrschaft abschüttelte, fing das Volk bald an, die politi⸗
schen Vorrechte der katholischen Kirche einzuschränken. Im
Jahre 1833 wurde den Priestern der Eintritt in die Volks⸗
schulen untersagt, 1857 wurden Staat und Kirche getrennt,
1859 die Klöster gesetzlich aufgehoben, öffentliche Prozessionen
verboten und die Zivilehe eingeführt. Warum waren denn
solche Maßregeln nötig geworden? Wie kam es, daß ein durch
und durch katholisches Volk gegen seine eigene Kirche so vor⸗
ging? Den Grund gibt Franz S. Burton an in dem Satz:
„Während der langen Zeit mexikanischer Geschichte hat sich die
römische Kirche als die unerbittliche Feindin der Preßfreiheit,
der Rede⸗ und Denkfreiheit, der öffentlichen Erziehung gezeigt.“
Seitdem das Volk den Anfang gemacht hat, sich die Un⸗
abhängigkeit von der politischen Macht Roms zu erkämpfen,
hat die Priesterschaft unausgesetzt Aufruhr angestiftet, so daß
es während der sechzig Jahre nach 1821 nicht weniger als 260
Revolutionen — sage und schreibe zweihundertundsechzig Revo—
lutionen — in Mexiko gegeben hat!*) Es war hauptsächlich
die unersättliche Geldgier der Priester, besonders auch der
Mönche, die das Volk empörte. Im Jahre 1860 war ein
Drittel des ganzen Nationalbesitzes in der Hand der Kirche.
Der Wert des katholischen Kircheneigentums in Mexiko betrug
zu jener Zeit §750,000,000.
Schon im Jahre 1854 waren Vertreter der katholischen
*) In einem Artikel in Scribner's Maydeine, Juni 1894, wird nach⸗
gewiesen, daß die römische Klerisei für diese haarsträubenden Zustände ver⸗
antwortlich war.
Kirche Mexikos in Paris, London, Wien und Madrid tätig, um
für die Errichtung eines katholischen Kaisertums in
Mexiko Stimmung zu machen. Der französische Kaiser Napo⸗
leon brachte Erzherzog Ferdinand Maximilian von Ssterreich
für diese Würde in Vorschlag. Dem Papst kam es darauf an,
wieder in den Besitz der verlornen mexikanischen Besitztümer
zu gelangen. Schon 1858 sandte er einem klerikalen Politiker,
Zuloaga, der die katholischen Interessen vertrat, seinen aposto⸗
lischen Segen, der aber nicht wirksam war, denn bald darauf
wurden die Klöster aufgehoben und 1860 das gesamte unge⸗
heure Eigentum der Kirche verstaatlicht. Nun sollte Maxi⸗
milian der römischen Kirche in Mexiko wieder zu politischer
Gewalt verhelfen.
krone an, und zwar bestimmte sie, daß die Herrscher Mexikos
hinfort Glieder der römischen Kirche sein müssen. Maximilian
erhielt vor seiner Abfahrt nach Mexiko den Segen des Papstes,
der ihm aber das bedeutsame Wort auf den Weg gab: „Groß
sind die Rechte des Volkes, und die müssen beschützt werden;
größer jedoch und heiliger sind die Rechte der Kirche.“
Daß der Papst hier an die weltliche Macht der Kirche dachte,
geht aus dem Nachfolgenden hervor.
sein Kaisertum angetreten hatte, stellte der Gesandte des Papstes
eine Reihe von Forderungen an ihn, die uns die Ziele erkennen
lassen, die der Papst durch die politische Tätigkeit der katholi⸗
schen Priesterschaft in allen Landen anstrebt.
des Papstes forderte nämlich, 1. daß der Kirche all ihr zu⸗
sammengeraubtes Gut zurückerstattet werde; 2. daß jede Re⸗
ligion außer der römischen aus Mexiko verbannt werde; 3. daß
jeder Bischof in seiner Diözese unumschränkter Fürst sei; 4. die
absolute Kontrolle der Bischöfe über das gesamte Erziehungs⸗—
wesen; 5. die Garantie, daß die Bischöfe und andere Geistliche
vor keinem weltlichen Gerichtshof sich zu verantworten hätten.
Diese Forderungen sind höchst bedeutsam als Beispiel, wie die
römische Kirche ihre politische Macht ausnützt, wo die An⸗
sprüche des Papstes auf weltliche Gewalt zur Geltung gekom—
men sind. In keinem Punkte sind diese Forderungen verschie⸗
den von den Rechten, die die Kirche im finstersten Mittelalter
beanspruchte.
Maximilian erklärte, es sei ihm unmöglich, der Kirche
ihren früheren Besitz an Grundeigentum (im Werte von
5500,000,0001]) zurückzuerstatten, da sich dieser Besitz jetzt in
andern Händen befinde. Was war die Folge? Die Folge war,
daß die klerikale (Priester-) Partei sofort ihre ganze Kraft
daranwandte, das Kaisertum, das sie selber ins Leben gerufen
hatte, zu zertrümmern! Wieder kam es zum Bürger⸗
krieg, der damit endete, daß Maximilian am 18. Juni 1867
„standrechtlich“ erschossen wurde. Seine Gemahlin hatte
persönlich die Hilfe des Papstes erfleht. Was die Antwort
Seiner Heiligkeit war, läßt sich daraus schließen, daß die
Kaiserin im Verlauf der päpstlichen Audienz in Irrsinn verfiel,
von dem sie nie wieder gesundete.
Bedeutsam für unsern Gegenstand sind auch die neuesten
Ereignisse in unserer Schwesterrepublik. Präsident Madero
war liberal gerichtet. Er war zum Beispiel der protestan—
tischen Mission in Mexiko freundlich gesinnt. Als ihm am
8. Januar 1912 von einigen Missionaren eine spanische Bibel
überreicht wurde, erwiderte er: „Ich bin außerordentlich dank⸗
bar für diese Gabe. Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück
zu der Arbeit, die Sie tun, indem sie mitwirken an der mora⸗
Die katholische Partei bot ihm die Kaiser⸗
Als nämlich Maximilian
Der Gesandte
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