Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 16 › Seite 303

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 3. August 1915, Seite 303

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zu machen, selbständig zu werden, da die Missionskasse doch
Schulden habe. Obwohl die Gemeinde nur 25 stimmberech⸗
tigte Glieder, im ganzen 80 Seelen, zählt, also verhältnis—
mäßig klein ist, hat sie sich dennoch entschlossen, selbständig
zu werden.

Der SErr hat diese Gemeinde wunderbarlich manchen
rauhen Weg geführt, aber dennoch muß sie bekennen: „Der
SErr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich.“ Möge
der gnädige Gott auch fernerhin seine schützende und segnende
Hand über Gemeinde und Pastor halten! Die Gemeinde ist
der werten Missionskommission und den lieben Christen in
unserer Synode zu sehr großem Dank verpflichtet für die lieb⸗
reiche Unterstützung, die sie während der letzten fünfzehn Jahre
erhalten hat, und will hiermit ihren herzlichsten Dank abstatten.
Möge der SErr der Ernte die lieben Glaubensgenossen segnen,
daß sie so große Opferfreudigkeit bewiesen haben, und ihnen
reichlich vergelten, was sie an ihren Brüdern und Schwestern
im SErrn im fernen Canada getan haben.

Wm. J. Single.

London. Aus London, schreibt J. M. M. in der „Ev.⸗Luth.
Freikirche“, geht uns über Kopenhagen von einer Witwe, die
mit ihrem Sohn unserer dortigen Gemeinde angehört, folgende
Nachricht zu: „Sie werden wissen, in welcher Sorge und Be—
drängnis wir hier noch leben. Wir werden in Kürze unser Hab
und Gut und alles verlassen müssen. Neunzehn unserer Brüder
von unserer Gemeinde sind ihres Besitzes beraubt — alles demo—
liert; wir leben in fortwährender Angst. Wir können nur
bitten, daß der allmächtige Gott seine schützende Hand über uns
hält.“ — Die Aussichten für das Fortbestehen unserer Gemeinde
in London gestalten sich demnach recht trüb. Gott sei die Sache
befohlen! (Z. u. A.)

Brasilien. Der nachfolgende Brief aus Brasilien wird
gewiß den „Lutheraner“-Lesern von Interesse sein, da er einen
Einblick gewährt in die Leiden und Frenden unserer dortigen
Brüder und uns erweckt, ihrer in ihrer schweren, einsamen
Arbeit fleißig im Vaterunser zu gedenken. F. Pf.

Erechim, den 25. Mai 1915.

Am Sonntag, den 2. Mai, schenkte uns der liebe Gott ein
kleines Söhnlein, und am folgenden Mittwoch nahm er es
bereits wieder von uns. Das Kindlein war gesund und munter
bis zum Mittwochmorgen; da merkten wir, daß es matt wurde.
Ich wollte zum Nachbar, um einen weiteren Taufzeugen zu
rufen, aber in kurzer Zeit stellte sich sehr heftiges Fieber ein,
und so taufte ich es im Familienkreise, und bald darauf war
es eingeschlafen. Wäre ich zum Nachbar gegangen, so wären
wir wohl schwerlich vor dem Tode des Kindleins zurück gewesen.
O welche Freude bei aller Traurigkeit, daß wir es mit Recht
im Taufkleide in den Sarg und ins Grab betten konnten! Das
Begräbnis fand statt am folgenden Tage, um 10 Uhr vor—
mittags, da die Leichen hier bald verwesen. P. Busch von
Erechim hielt die Leichenrede über die Auferweckung des Jüng⸗
lings zu Nain.

Am Sonntag vor Himmelfahrt hatten wir Einweihung in
Capoere. Einen Festprediger von weither kommen zu lassen,
ist nicht möglich, da man es den Taschen der Pastoren nicht
zumuten kann, und die Gemeindeglieder öfters nicht das Salz
zu ihrer Pollente (Maismehl, in Wasser gekocht) haben. So
hielten denn P. Busch und der Ortspastor die Festpredigten

und zeigten, warum gerade ein evangelisch-lutherisches Gottes—
haus Gottes allerliebste Wohnstätte und daher eine Pforte des
Himmels sei. Der Raum für gottesdienstliche Zwecke mißt
22429 Fuß, und an denselben stoßen zwei hübsche Wohn⸗
zimmer, die als Lehrerwohnung dienen sollen. Ohne daß es
beschlossen war, haben die Gemeindeglieder alles hübsch ge⸗
hobelt und gefugt. Die Fenster sind noch nicht fertig. Es
fehlt uns das nötige Geld, die Fensterscheiben zu kaufen. Doch
wollen wir ohne Anleihe fertig werden, und mit Gottes Hilfe
wird es gelingen, sobald die gegenwärtigen schweren Zeiten
vorüber sind. In den ersten zwei Jahren hatten die Leute
guten Verdienst, da sie Häuser bauten für die Juden in der
nahegelegenen Judenkolonie. Das hat aber ein Ende, und
jetzt geht es ihnen um so schlechter, weil viele durch diese Ge—
legenheit, sich so etwas zu verdienen, ihre Kolonien vernach—
lässigt haben, und die im Anfang von der Regierung gewährte
Unterstützung auch verzehrt ist. Sobald sie nun aber ihre
Kolonien besser bebauen, werden sie wohl genügend Maismehl
und Salz und Schweinefleisch haben und sich auch zwei Hemden
und zwei Paar Hosen für Alltag anschaffen können.
Mit herzlichen Grüßen
E. Sprengeler.

Italienische Mission. Vor etlichen Monaten wurde unsern
Lesern bekanntgemacht, daß eine günstige Gelegenheit sich biete,
die Missionsarbeit unter den Italienern unsers Landes in An—
griff zu nehmen.

Im Vertrauen auf Gott haben wir diese Arbeit in West
Hoboken, N. J., angefangen und können berichten, daß das
Werk einen gesegneten Fortgang nimmt. Die Gottesdienste
werden durchschnittlich von 30 bis 35 Zuhörern besucht. In
der Sonntagsschule stellen sich 38 Kinder ein. In einem andern
Stadtteil hat der Missionar noch eine Sonntagsschule eröffnet,
die von 12 Kindern besucht wird.

Besonders erfreulich ist es, daß so viele Männer zu den
Gottesdiensten sich einstellen. Gar nicht selten kommt es vor,
daß von 30 Anwesenden etwa 22 Männer sind. In nächster
Zeit gedenkt der Missionar, einen Versuch zu machen, auch in
der Stadt New York eine Mission zu gründen.

Die Arbeit unter den Italienern ist keineswegs eine leichte.
Es ist wahr, die große Mehrzahl dieser Leute hat der Papst⸗
kirche den Rücken gekehrt und will nichts von ihr wissen. Weil
sie sich aber in ihrer Religion betrogen fühlen, so suchen sie
nicht etwa nach dem Lichte, sondern werden leichtfertig und
kümmern sich überhaupt nicht um Gott und sein Wort. Dazu
komnit noch, daß viele unter ihnen weder lesen noch schreiben
können.

Aber unser Missionar läßt sich seine schwere Arbeit nicht
verdrießen, sondern arbeitet treu und fleißig mit dem Evan—
gelium unter seinen Volksgenossen. Er ist früh und spät unter⸗
wegs, sucht die Leute in ihren Wohnungen auf, hält mit ihnen
Unterredungen über Gottes Wort und zeigt ihnen aus der
Schrift IEsum, den Heiland und Seligmacher, der auch für
sie sein Blut vergossen hat und sie ewig selig machen will.

Daß Gottes Wort eine göttliche Kraft ist, und daß es, wo
es lauter und rein verkündigt wird, nicht leer zurückkommt,
sondern Frucht bringt, zeigt sich schon jetzt nach so kurzer Zeit.
Leute, die anfangs nicht einmal mit sich reden lassen wollten,
stellen sich sonntäglich zu den Gottesdiensten ein und sprechen

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