Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 16 › Seite 302
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 3. August 1915, Seite 302
Scan: from a 2009 DVD; the same scans are on the Internet Archive as DerLutheraner71_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
302
Der Lebensunterhalt ist in Brasilien teuer, wohl mehr
als doppelt so teuer als in Nordamerika. Sehr teuer sind
Kleider und Schuhe. Sehr teuer sind ferner Mehl und Petro—
leum. Die Gallone Petroleum kostet zum Beispiel in gewöhn⸗
lichen Zeiten 40 Cents, das Pfund Roggenmehl 7 Cents. Teuer
sind auch Konserven aller Art.
Als ein schwerer Druck wird im Lande die Mißwirtschaft
der Regierung empfunden. Die Unfähigkeit und Untreue der
Beamtenwelt ist sprichwörtlich. Die Verwaltung aller Bundes⸗
ämter, wie Post, Telegraph und Zoll, gibt immerfort zu vielen
Klagen Anlaß. Die Veruntreuung von Staatsgeldern ist an
der Tagesordnung. Eine schwere Steuerlast liegt auf dem
arbeitenden Volk. (Wir mußten in Porto Alegre jahrelang
selbst für unsere Schule eine beträchtliche Steuer zahlen.) Ein
Heer von unnützen Beamten wird aus politischen und andern
Gründen von der Regierung ernährt. Jeder einigermaßen
einflußreiche Politiker hat einen zahlreichen Anhang von
Freunden und Vettern, die er versorgen muß. Wenn da die
Amter nicht ausreichen, müssen neue geschaffen werden. Die
herrschende politische Partei läßt keine Opposition im Lande
aufkommen. Der Willkü
ist das Volk machtlos. Die Politik beherrscht auch das Gerichts⸗—
wesen. So wird das Recht oft gebeugt. Hier muß der Hebel
angesetzt werden, um das Land aus der Rückständigkeit heraus⸗
zuheben und zu wahrem Fortschritt zu führen. Hier muß zuerst
Ordnung geschafft werden. Aber die Aussichten für Her⸗
stellung der Ordnung auf dem Gebiete der Verwaltung des
Landes sind vorläufig noch gering.
Erwähnt sei noch, daß auch das öffentliche Schulwesen
sehr im Argen liegt. Die Lehrerschaft ist eben auch zu sehr
mit der Politik verquickt. Neben vereinzelter Tüchtigkeit finden
sich Berge von Unfähigkeit, größer als die natürlichen Berge
der Serra do Mar.
Auch die finanziellen Verhältnisse des Landes müssen wir
wenigstens streifen, weil sie sich auch in unserer Mission bemerk⸗
bar machen. Brasilien hat keinen festen Geldkurs. Seine
Schwankungen sind ganz bedeutend. Wir können auf die Ur—
sachen hier nicht eingehen. Der Stand des brasilianischen Geld—
kurses wird am englischen Gelde gemessen. Wir dürften eher
verstanden werden, wenn wir das amerikanische Geld als Maß⸗
stab benutzen. Die Einheit des brasilianischen Geldes ist der Mil—
reis zu 1000 Reis. Die kleinste Münze sind 10 Reis. Wieviel
ist das nun nach amerikanischem Gelde? Ja, das läßt sich so
einfach nicht sagen. Das kommt ganz auf den Kurs an. Als
wir ins Land kamen, galt der Dollar etwa 5 Milreis. Vor
denn Ausbruch des Krieges stand der Dollar auf 3 Milreis.
In den vierzehn Jahren hat nun der brasilianische Kurs alle
Zwischenstufen zwischen 5 und 3 Milreis ungezählte Male durch—
wandert. Von einem Tag zum andern, bald aufwärts, bald
abwärts, bewegte sich der Kurs. Daher kam es, daß unsere
Missionare früher nie mit einem festen Gehalt rechnen konnten,
weil der Gehalt wohl in nordamerikanischeni Gelde berechnet,
aber in brasilianischem Gelde ausbezahlt wurde. Der Ausfall
durch das Steigen des brasilianischen Kurses war oft ganz be—
deutend. Zur Beruhigung unserer Missionsfreunde sei aber
gesagt, daß unsere Allgemeine Kommission einen Ausweg ge⸗
funden hat. Es ist ein fester brasilianischer Kurs angenommen
worden. Ein durch Steigen des Kurses verursachter Verlust
an Gehalt wird von der Kommission ersetzt.
M.
Nachrichten aus unsern Missionen.
Innere Mission. Canada. Am 20. September 1899
wurde von P. E. Eberhardt in Stony Plain, Alberta, in der
Nähe von Pincher Creek, im südlichen Teile Albertas, ein Pre⸗
digtplatz gegründet, der seitdem zu einer blühenden Gemeinde
herangewachsen ist. Auf Bitte einiger Lutheraner in dieser
Gegend unternahm P. Eberhardt die Reise dahin. Der erste
Gottesdienst wurde in einer Privatwohnung abgehalten. Er
bediente die Leute dann, so gut er konnte. Im folgenden Jahr
schickten diese Leute genieinschaftlich mit. Calgary einen Beruf
an die Missionskommission und baten um einen Kandidaten.
Aber der Kandidat, der für dieses Feld bestimmt wurde, nahm
den Beruf nicht an. Infolgedessen mußten die Leute sich noch
ein Jahr gedulden. P. G. Mertz von Missoula, Mont., wurde
dann von der Missionskommission beauftragt, Pincher Creek
zeitweilig zu bedienen, konnte aber wegen der großen Ent⸗—
fernung dieses nur spärlich tun. Im Jahre 1901 erhielt Kan⸗
didat E. A. Treu den Beruf dorthin und nahm ihn auch an.
Seinen eigentlichen Wohnsitz hatte er in Calgary, von wo aus
er auch Pincher Creek bedienen sollte. Am 20. Oktober 1901
verlas P. Treu eine Gemeindeordnung, die auch angenommen
wurde. P. Treu bediente die Gemeinde beinahe zwei Jahre
lang. über ein Jahr konnte die Gemeinde dann nur spärlich
bedient werden. Im Jahre 1904 folgte Kandidat H. Weh—
meyer dem Beruf hierhin. Er versorgte zugleich auch Granum
und Claresholm, zwei neue Predigtplätze. Diese haben jetzt
ihren eigenen Seelsorger. Im Jahre 1903, als die Gemeinde
in Pincher Creck noch ohne einen Hirten war, beschloß sie, eine
Kirche zu bauen. Bis dahin war der Gottesdienst in einem
Landschulhause abgehalten worden. Als P. Wehmeyer sein
Amt antrat, stand die Kirche schon unter Dach, und am 27. No⸗
vember 1904 wurde sie dem Dienste des dreieinigen Gottes
geweiht. Während des folgenden Sommers baute die Ge⸗
meinde auch ein schönes Pfarrhaus nebst Stall. So besitzt die
kleine Gemeinde jetzt ein schönes, schuldenfreies Eigentum.
Fünf Jahre lang bediente P. Wehmeyer die Gemeinde.
Der SErr krönte auch seine Arbeit mit seinem Segen, so daß
das kleine Häuflein trotz so mancher Schwierigkeiten zur
blühenden Gemeinde heranwuchs. Im Jahre 1909 folgte er
einem Beruf nach Decatur, Ind. Nun war die Gemeinde
wieder über ein halbes Jahr lang ohne Seelsorger. P. Weh—
meyers Nachfolger war Kandidat A. Rehwinkel. P. Rehwinkel
stand vier Jahre dieser Gemeinde vor. Im Frühjahr 1914
folgte er einem Beruf nach Ednionton, Alberta. Im Mai des⸗
selben Jahres wurde Kandidat O. Schnieckenbecher von der Ver—
teilungskommission für diese Gemeinde bestinimt. Er nahm
den Beruf auch an, wollte aber erst nach Deutschland reisen,
uni seine Braut zu holen. Während er sich dort noch aufhielt, be⸗
gann der europäische Krieg, und er mußte in Deutschland bleiben.
Gerade ein Jahr war die Gemeinde wieder ohne eigent-
lichen Pastor. Da folgte der Unterzeichnete dem Beruf der
Gemeinde. Am 18. April 1915 wurde der neuberufene Pastor
von P. J. H. C. Meyer unter Assistenz P. H. Ellings dort ein⸗
geführt.
Während der letzten fünfzehn Jahre wurden die Seel⸗
sorger dieser Gemeinde mehr oder weniger aus der Missions—
kasse erhalten. Auf Anfrage dieser Kasse beschloß die Ge⸗
meinde, mit Antritt des neuen Pastors einen kräftigen Versuch
English translation
Not yet translated.