Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 16 › Seite 306

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 3. August 1915, Seite 306

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nicht der Menschen Knecht; er wahrt sich die Freiheit der Kinder
Gottes und prüft nach bestem Gewissen seine jeweilige Pflicht.
„Seid männlich und seid stark!' ruft uns der Apostel zu. Zu
viele sind heute der Schwächlinge auf allen Gebieten, die bei
allem nach rechts und links Menschen und fromme Blätter fragen,
was sie tun sollen, ohne Verein nicht stehen können, sich bei ihrer
Unselbständigkeit mit vielen Gelübden, pledges und Unterschrif⸗
ten gängeln lassen und stützen müssen, um nicht umzukippen.“
Wozu noch zu bemerken wäre, daß schlimmer noch als die Un⸗
selbständigkeit und übertreibung in dieser Bewegung die Selbst⸗
gerechtigkeit ist, die mit diesem Bestehen auf Abstinenz oft Hand
in Hand geht, und die Vermischung von Kirche und Staat, die in
unserm Lande vielfach in der Prohibitionsbewegung mit unter⸗
läuft. G.

Der Hauptirrtum des Papsttums ist die Lehre, daß der
Priester ein Mittler ist zwischen Gott und den Menschen.
Durch diese Lehre wird Christus, der einige Mittler (1 Tim.
2, 5. 6; Hebr. 9, 14. 15), aus dem Wege geschafft, und der
Werklehre die Bahn bereitet. Alle Bräuche und Einrichtungen
der römischen Kirche führen schließlich auf die Lehre vom Mittler-—
amt der Priester zurück. Solange diese seelenverderbliche Lehre
in der Papstkirche Geltung hat, ist sie die Kirche des Antichristen.
Und diese Lehre wird noch heutigestags in ungeschwächter Schärfe
vorgetragen. In einem katholischen Chicagoer Gemeindeblättchen,
+The Parishoner, lasen wir vor einiger Zeit: „Was sollte aus
uns werden, wenn der Priester nicht bei uns wäre? Jeden Tag
tritt er an den Altar als Mittler zwischen dir und deinem Schöpfer
und erneut das Opfer des Sohnes Gottes auf dem Kreuz zu Gol⸗
gatha. Er ist ganz gewiß die beste Gabe Gottes an die Men—
schen.“ Mit der Erneuung des Opfers auf Golgatha bezieht sich
dieses Blatt auf das Meßopfer, von dem Luther sagt, er könne
nicht verstehen, warum ihn nicht Gott mit einem Blitzstrahl ver—
nichtet habe, als er diese Verunehrung des Opfertodes Christi zum
erstenmal feierte. Gerade aber auf die Macht, die sich der Priester
anmaßt, daß er nämlich durch die Einsetzungsworte das Brot in
Christum verwandeln und diesen dann für die Lebendigen und
die Toten opfern könne, gründet die römische Kirche ihren Lehr—
satz von der Mittlerschaft des Priesters. Zuweilen versteigen sich
die Priester in der Anpreisung ihrer Mittlerstellung zu unglaub⸗
licher Selbstüberhebung. Der „Pfarrbote von Ars a. M.“ schrieb
vor einem Jahre in seiner Juninummer: „Gehe hin und beichte
der heiligen Mutter Gottes oder einem Engel! Können sie dich
lossprechen? Geben sie dir den Leib und das Blut Christi?
Nein, keineswegs! Die allerseligste Jungfrau kann ihrem gött—
lichen Sohne nicht befehlen, daß er in die Hostie herniedersteige.
Und hättest du eine Legion Engel, sie könnten dir keine Los⸗
sprechung erteilen! Ein Priester aber, so arm und schwach er
auch immer sei, kann dich lossprechen! Er darf zu dir sagen:
Gehe hin in Frieden, deine Sünden sind dir vergeben. Welch
eine Macht ist die des Priesters! Erst im Himmel wirst du sie
vollständig begreifen; würdest du auf Erden dieselbe gänzlich
einsehen, du stürbest, zwar nicht vor Furcht und Schrecken, aber
aus Dankbarkeit und Liebe. Was nützen dir alle Wohltaten ohne
den Priester? Ohne den Priester wäre Christi Tod und Leiden
vergeblich. Nach Gott ist der Priester alles; er ist das Werkzeug
Gottes. Gott heiligt den Menschen durch den Priester, und ohne
den Priester kann sich niemand heiligen!“ In Bern sagte ein
Jesuitenpater bei einer Missionsversammlung vor zwei Jahren
ganz ähnlich: „Einen andern Weg zum wahren Glauben gibt es
nicht als durch Papst, Bischof und Priester. Ohne Priester keine
Vergebung der Sünden auf der Welt. Wenn der Sünder zum
lieben Gott kommt, um von ihm Gnade und Verzeihung zu er—
langen, so sagt der liebe Gott: Ich mache deine Sache mit dir
nicht aus; mache du es mit dem Priester aus, dann ist deine

Sache auch mit mir gemacht. Ohne PFriester keine Seligkeit!“
Das ist die geistliche Tyrannei des Papsttums, eine Knechtung,
die weit ärger ist als die weltliche Machtherrschaft des Papstes,
die so viele Städte und Reiche zugrunde gerichtet hat; denn diese
Tyrannei konnte nur die bürgerliche Freiheit und den äußeren
Wohlstand vernichten, während jene geistliche Tyrannei alle, die
in ihren Banden liegen, ins ewige Verderben führt, indem sie
ihnen die Freiheit raubt, womit Christus sie freigemacht hat.
G.
Aus dem deutschen Heere wird manche Klage laut über den
Unglauben der Geistlichen, die als Feldprediger Dienste tun. Ein
oberhessischer Bauer schrieb am Osterfest 1915 einen Brief nach
Hause, den das „Hess. Kirchenblatt“ vom 9. Mai mitteilt: „Es
ist heute der erste Ostertag, aber wie traurig im Vergleich zum
vorigen Jahr! Wie mächtig wird die tiefe Heimatssehnsucht ge⸗
rade an diesem Tage in unsern Leuten wach! Wie schweifen
wieder die Gedanken zurück in die Vergangenheit und sonnen sich
in der Erinnerung einstiger, schönerer, besserer Zeiten. Wohl
spüren auch wir in Feindesland einen Hauch des Osterfriedens,
denn wir sind heute dienstfrei und hatten heute morgen Gottes⸗
dienst in der hiesigen, schön festlich geschmückten Kirche. Aber
wie wenig wird das tiefste, innigste Bedürfnis des Herzens durch
die Predigt manches Pfarrers gestillt! Man muß da Predigten
hören, über die man sich tatsächlich ärgert. Wenn ein Pfarrer
unser Vaterland als Gott hinstellt, das ewige Leben als ein
Leben, das fortlebt in der späteren Generation der Erinnerung;
wenn der Stachel des Todes damit erklärt wird, daß dem Tod
der Stachel genommen wird, wenn man für das Vaterland stirbt,
und die Hölle nur erkennt in unsern Feinden, die wir jetzt be—
kämpfen, so ist dies wenig geeignet, den in manchen Herzen durch
das erlebte Furchtbare angezündeten Glaubensfunken zu kräftigen
und zu stärken. Doch wir wollen uns dadurch nicht beirren lassen,
fortzukämpfen in dem Kampf, der uns verordnet ist, und wollen
festhalten an dem, was wir in unserer Religion haben. Obwohl
noch tiefes Karfreitagsdunkel über der schwergeprüften Mensch⸗
heit liegt, und die Kreatur unter manchem Jammer und Elend
seufzt, so wird doch aus Nacht und Grauen ein schöner, lichter
Ostermorgen der Auferstehung anbrechen. Wie auch die Natur
in dem neuerwachenden Frühling zu neuem Leben und Treiben
erwacht, wie auch unser Heiland nach der langen Nacht schweren,
furchtbaren Leidens zu seiner Herrlichkeit eingehen konnte, so wird
der langen Tränensaat eine herrliche Freudenernte folgen.“
(Ev. Kztg.)

—.5

—

Nach der Schlacht.

(Von einem deutschen Offizier.)

Ein Bild wird mir mein Leben lang vor Augen stehen; ich
kann es nicht vergessen, und wenn ich hundert Jahre alt würde.

Es war nach einer schweren, blutigen Schlacht. So mancher
meiner braven Leute lag draußen auf dem Felde mit gebrochenen
Augen, so manches arme Menschenkind schleppte sich im Elend
seiner Wunden zum Verbandplatze. Die überlebenden lagen frö⸗
stelnd am Rande eines brennenden Dorfes, inmitten verwesender
Franzosenleichen, unter dem prachtvollen Sternenhimmel einer
klaren Augustnacht. In unsern Herzen hämmerten noch die Auf⸗
regungen und Angste des furchtbaren Kampfes. Unsere Augen
starrten empor zu den ruhevollen Sternen, und die Seele eines
jeden wurde von den widerstreitendsten Gefühlen zerrissen. Da
sagte neben mir ein Mann: „Herr Leutnant, aber da lernt man
beten!“ Betroffen von der Schlichtheit dieser Worte, die ich selbst
in meinen Gedanken bewegte, drehte ich mich herum, um den
Sprecher zu sehen. Es war einer meiner Rekruten, ein Durch⸗
schnittsmensch, nicht besser und nicht schlechter als die große Masse

—

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