Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 16 › Seite 305

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 3. August 1915, Seite 305

297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 308

Scan: from a 2009 DVD; the same scans are on the Internet Archive as DerLutheraner71_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Temperänz 12

⤓ Download .txt · copy text

+———

305

Und doch ist das ganz falsch. Man wird finden, daß man die

Ungläubigen und Gleichgültigen wohl zu entertainments und
suppers herbeiziehen kann, aber wenn dann Gottesdienst gehalten
wird, fehlen sie wieder. Wenn die Kirche den Leuten Vergnügen

(kun) bietet, so werden sie sich des Vergnügens wegen einfinden;

aber der Erfolg, der durch solche Mittel erzielt wird, ist nur ein
äußerer.“ Das ist ein sehr zeitgemäßer Ausspruch, und was
folgt, ist noch besser. Es heißt da wörtlich: „Ein anderer Irr-
tum ist es, wenn Leute glauben, daß eine Kirche, die ernstliche
Arbeit — mit geistlichen Zielen — zu tun bemüht ist, nicht vor—
wärtskoninen kann. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt.
Die einzigen Kirchen, die je ein Erfolg (Success) gewesen sind,
haben Prediger gehabt, die sich ihrer geistlichen Aufgaben bewußt
waren und nicht durch weltliche Mittel Erfolge zu erzielen hofften.
In einer Stadt hat ein deutscher Pastor dreißig Jahre gearbeitet
und eine Gemeinde von nahezu tausend Seelen gesammelt, ohne
je nach dem Grundsatz zu handeln: Man muß den Leuten bieten,
was sie haben wollen. In seiner Nachbarschaft ist eine Kirche
andern Bekenntmisses, die allerlei weltliche Mittel und Wege be—
nutzt und dazwischen manchmal ein wildes revival abhält; ihre
Gliederzahl beträgt zuweilen dreihundert, zuweilen auch nur zwei—
hundert, und die müssen jedes Jahr ‚überbearbeitet“ werden. . . .
Unsere protestantischen Kirchen protestieren zwar gegen Rom, aber
haben großenteils den römischen Grundsatz angenommen: Der
Zweck heiligt das Mittel. Und während die römische Kirche ihren
Gliedern wenigstens noch äußere Achtung vor dem Heiligtum der
Kirche beibringt, macht dieser gefälschte Protestantismus seine
Kirchen einem Theater ähnlich und führt darin komische Stücke
in den Gottesdiensten auf.“ Es ist ja klar, auf was für Er—
scheinungen im reformierten Kirchenleben sich der Lutneran be—
zieht. Mit „weltlichen Mitteln“ will er nicht die Veranstaltungen
von gemütlichen Abenden oder von Unterhaltungen und Konzerten
(etwa durch Vereine innerhalb der Gemeinde) getadelt, noch viel
weniger die Anwendung äußerer Mittel, durch die man in der
kirchlichen Arbeit die so nötige Ordnung schafft, verurteilt haben.
Der Artikel bezieht sich vielmehr auf die Sensationslust
mancher Prediger, die sich nicht mehr an der einfachen Wortver—
kündigung begnügen, sondern glauben, durch allerlei Vorstellungen
im Gottesdienst das Interesse an der Kirche wachhalten zu müssen.
Das letzte Beispiel dieser Art wird aus St. Paul, Minn., ge—
meldet, wo ein Pastor im Gottesdienst einige der modernen Tänze
aufführen lassen wollte, um das diesen anhaftende Unsittliche zu
illustrieren. Die Personen, die diese Tänze darstellen sollten,
machten ihr Erscheinen nicht, und so führte der Pastor die Tänze
selber vor! In Los Angeles brachte kürzlich ein Pastor ein
Automobil auf die Bühne, die ja in vielen reformierten Kirchen
statt der Kanzel Dienste tun muß, und machte nun an dieser
Maschine seinen Leuten klar, was man daraus für geistliche
Lektionen ziehen kann. Vor allem zeigt sich diese Sensationslust
auch in der Wahl der Predigtgegenstände. In Philadelphia zeigte
ein Pastor diesen Sommer an, er biete in seinen Gottesdiensten
an den Sonntagabenden Ansprachen über folgende Gegenstände:
„The Girl Whom Everybody Loves“, „Choosing Mates and
Building Nests“', Marriage and After Marriage“ und macht
darauf aufmerksam, daß während dieser Gottesdienste (2) die
Kirche dunkel sein werde, während angenehme Musik gespielt
wird. Ein Pastor einer Kirche in Cincinnati ist noch einen Schritt
weiter gegangen und hat für die jungen Leute „Courting parlors“
eingerichtet. In Chicago zeigt ein Pastor an, er habe eine „all-
night church“, sei auch bereit, zu irgendeiner Stunde der Nacht
Trauungen zu vollziehen. Kann die Welt noch Achtung haben
vor einem Christentum, das zu solchen Mitteln greifen muß, um
sich die Aufmerksamkeit der Massen zu bewahren? Aber man hat
eben in so vielen Kirchen, die noch den christlichen Namen tragen,

auch schon die Hauptstücke des christlichen Glaubens (die Gottheit
Christi, seinen Opfertod, die Rechtfertigung durch den Glauben)
fahren lassen und greift nun zu solch verzweifelten Mitteln, nach—
dem man gelernt hat, daß sich durch die moralischen Vorträge,
die vor einigen Jahrzehnten Mode waren, keine Gemeinden bauen
lassen. Was für Toren wären wir Lutheraner, wenn wir in
diesen Stücken den reformierten Sekten nachäffen wollten!
G.

Bei dem Begräbnis eines Freimaunrers hielt ein englischer
Episkopalprediger, Nev. Pattison, eine Ansprache, aus der wir
im Australian Lutheran folgende Sätze angezogen finden: „Da—
durch, daß er sich bemühte, sein Leben nach den göttlichen Geboten
zu richten, hat unser Großmeister jetzt die Treppe erklommen, die
zu der Großloge droben führt. Er ist vorangeschritten, hinein
in die Gegenwart dessen, von dem alle Lichter des Freimaurer⸗
tums herstammen, von dem alles Licht und alles Gute ausfließt.
Ich habe eine Stimme vom Himmel gehört, die sagte: „Selig sind
die Toten, die in dem HErrn sterben, von nun an; ja, der Geist
spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit.““ Jeder Freimaurer,
der nach den Grundsätzen der Loge gelebt hat, stirbt „in dem
HErrn“ und gelangt in die „Großloge droben“. Das ist Frei⸗
maurerlehre. Jeder rechte Freimaurer kommt in den Himmel;
denn er hat sein Leben nach dem göttlichen Gesetz eingerichtet und
die Tugenden geübt, die durch die freimaurerischen Symbole ab⸗—
gebildet werden. Was sagt die Schrift? „Daß kein Fleisch durch
des Gesetzes Werke vor ihm gerecht sein mag“, Röm. 3, 20.
Was der Episkopalprediger da in seiner Rede gesagt hat, ist die—
jenige Lehre des Freimaurertums, die es jedem Christen zur Pflicht
macht, diesem Orden fernzubleiben. Das „Licht“ der Loge ist
die Lehre, daß der Mensch durch gute Werke selig werden kann.

G.

über die Prohibition findet man so selten ein gerechtes Urteil
in reformierten Zeitschriften, daß es sich wohl verlohnt, folgenden
Abschnitt aus einem Artikel in der „Reformierten Kirchenzeitung“
wiederzugeben. Der Artikel hat den bekannten deutschen Schrift—
steller Dr. F. Bettex zum Verfasser und lautet in dem Teile, der
sich mit der Prohibitionsfrage beschäftigt, wie folgt: „Abstinenz!
Welcher Christ trauerte nicht über das materielle und geistige
Elend, welches der Alkoholismus über die Völker bringt? Wem
wäre nicht die Arbeit gegen die Trunksucht sympathisch und er⸗
wünscht? Doch schreibt über diese Arbeit einer ihrer ersten
Vorkämpfer, W. Göbel: „Die Enthaltsamkeitsbewegung ist eine
Reaktion gegen den verseuchenden Alkoholismus. Aber wie Re⸗
aktionen gegen Schäden, Mißbräuche und falsche Lehren besonders
der Gefahr ausgesetzt sind, in übertreibungen zu fallen, so auch
hier. Eine übertreibung ist es, wenn von radikalen Führern
und Führerinnen behaͤuptet wird, der Alkohol sei das größte
Erdenübel, sei die Sünde und die Quelle, aus der alles Laster,
Leid und Weh, alle Krankheit und Not entspringe. Es ist un⸗
biblische Phantasterei, wenn man ausmalt, wie die Erde ohne
Alkohol ein Paradies sein würde; dennoch bliebe sie mit dem
Fluche Gottes ob ihrer Sünde beladen. So zeigt die Weltge⸗
schichte, wie jahrhundertelang abstinente Völker, Türken, Mauren,
Araber, um nichts weniger grausam, sinnlich, habsüchtig, räu⸗
berisch sind als weintrinkende. Direkter Unverstand ist es aber,
zu behaupten, daß der Wein, den IEsus zu Kana gemacht, und
den er beim Abendmahl mit seinen Jüngern getrunken hat, und
den Paulus seinem Timotheus empfiehlt, unbedingt alkoholfrei
gewesen sei. Mit solchen Torheiten schadet man nur der guten
Sache der Enthaltsamkeit.“ Abstinenz zum Mittelpunkt seines
Christentums machen, sie als absolute Pflicht jedes Pfarrers und
Predigers, ja jedes Christen hinstellen und nur Abstinenten als
vollgültige Christen anerkennen, heißt dem Geist der Lehre und
dem Beispiel Christi widersprechen. Auch darin wird ein Christ

English translation

Not yet translated.