Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 19 › Seite 363

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 14. September 1915, Seite 363

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V

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Sobald der Missionar kommt, ist er umringt von einer Schar
Menschen, die neugierig sind zu hören, was der weiße Mann auf
dem Markte will. Hier kommen die Leute aus den Dörfern,
die im Umkreis von mehreren Meilen liegen, um ihre Vorräte
zu kaufen oder ihre Ware einzutauschen. Das ist eine schöne
Gelegenheit zur Heidenpredigt; es fehlt nicht an Zuhörern.
Diese Märkte werden alle Wochen an demselben Tage abgehalten.
Zur Mittagszeit beginnt der Markt. Gegen vier Uhr beginnen
die Leute sich schon wieder zu verlaufen. Will darum der Mis⸗—
sionar die Zeit auskaufen, so muß er zur Stelle sein, wenn die
Sonne es noch recht sehr gut meint.

Zuweilen trifft man Bekannte auf dem Markte. Ihr
Gesicht ist uns wohl nicht mehr bekannt, aber der Name ihres
Dorfes, und wir bedauern lebhaft, lange nicht dort gewesen
zu sein. Die Dörfer gehören ja auch mit zum Arbeitsfeld des
Missionars. In Indien gibt es nicht in dem Maße große
Städte wie in Amerika, sondern der größte Teil der Bevölkerung
wohnt in Dörfern. Es gibt kleine Dörfer, die nur wenige
Häuser zählen, aber oft große Namen tragen, wie zum Beispiel
Kalsamuttiram, das heißt, Steinmeer, ein Name, der etwa auf
Chicago passen würde. In so ein kleines Dorf kommt der
Missionar selten, und doch mag sich da mit den Bewohnern ein
religiöses Gespräch anspinnen lassen. Besser geht das in einem
größeren Dorfe, wo man oft eine kleine Gesellschaft schon vor—
findet, etwa beim Tempel oder unter einem schattigen Baume,
wo ein erhöhter Platz mit Steinen eingefaßt ist, oder beim
Brunnen, wo man auch weibliche Zuhörer vorfindet.

Nur selten findet der Missionar Gelegenheit, in die Häuser
selbst zu gehen. Erstlich laden die Leute mit ihren Kastenvor—
urteilen ihn nicht ein, ihr Haus mit seinen Schuhen zu ent—
weihen, und sodann haben die niedrigen, dunkeln, raucherfüllten
Hütten zumeist nichts Anziehendes. Die Leute sitzen selber lieber
vor als in ihrem Hause, das mehr zum Kochen und Essen und
Schlafen als zum Wohnen eingerichtet ist. Haben die Leute
gar keine Zeit, wie sie sagen, dann können wir sie bei ihrer
Arbeit aufsuchen. Wenn die Ochsen es erlauben und nicht etwa
vor dem weißen Manne erschrecken, läßt sich beim Dreschen, wo
die Ochsen auf dem ausgebreiteten Getreide im Kreise herum—
getrieben werden, eine Predigt halten; oder auch beim Wasser—
brunnen, wo das Wasser für die Reisfelder vermittelst großer
Hebebäume von drei Mann herausgehoben wird,‚, kann der Mis—
sionar Posto fassen. Da ist er wenigstens sicher, daß seine
Zuhörer, wenigstens die drei, die das Wasserziehen besorgen,
nicht davonlaufen.

„Was predigt ihr denn den Heiden?“
Pastor in Deutschland.

So fragte mich ein
Er dachte gewiß, daß das, was sie

in deutschen Landeskirchen von den Kanzeln erschallen ließen,

nicht recht für die Heiden passen würde. Und doch soll auch
den Heiden nichts anderes gepredigt werden als Gesetz und
Evangelium. Der SeErr sagt einfach: „Predigt das Evan—
gelium aller Kreatur“, und das ist auch die Hauptsache. Doch
du weißt, lieber Christ, daß das Evangelium in stolzen, un—
gebeugten Herzen keine Statt findet, darum muß erst mit dem
Hammer des Gesetzes angeklopft werden. Wenn die Heiden
auch die zehn Gebote nicht aufsagen können, so sind sie sich doch
selbst ein Gesetz damit, daß sie beweisen, des Gesetzes Werk sei
geschrieben in ihrem Herzen, wie wir Röm. 2 lesen, und darum
wird der Missionar gewöhnlich Zustimmung finden, wenn er
predigt, daß wir nicht huren, morden, stehlen sollen. Aber

er greift tiefer und zeigt ihnen die böse Lust, von der sie nicht
wissen, daß sie Sünde ist, und deckt ihnen ihr erbsündliches
Verderben auf. Er zeigt ihnen, daß ihr ganzer äußerlicher
Gottesdienst Götzendienst und Sünde sei, und macht ihre falsche
Vorstellung von der Seelenwanderung und der endlichen Auf—
lösung der Seele in der Gottheit mit Schriftwahrheiten zunichte.
Der Tod ist der Sünde Sold, und es ist dem Menschen gesetzt,
einmal zu sterben, danach das Gericht. Das alles hält der Mis—
sionar den Heiden vor, und dabei kann er ihnen aus heidnischen
Schriftstellern zeigen, wie des Menschen Gewissen ihn schon
verdammt um seiner Sünde willen.

Selten wird sich ein Heide gegen die Predigt des Gesetzes
auflehnen, wenn er auch meist versäumt, das Gehörte auf sich
selbst zu beziehen. Aber das Evangelium ist ihm eine Torheit,
und oft, wenn der Prediger so weit ist, daß er nun den Weg zum
Himmel zeigen will, laufen ihm seine Zuhörer davon. Wo aber
einige bleiben, da redet er von dem einen, das not tut, von
dem Heiland der Sünder, IEsu, dem Sohne Gottes. Bald
fängt er mit der Geburt im Stelle zu Bethlehem an, bald greift
er eine Geschichte aus dem Leben IEsu heraus und zeigt daran,
wie er ein Herz voll Liebe hat für die Sünder und ihnen auch
helfen kann. Da muß er denn auch reden von dem Leiden und
Sterben des Gottessohnes, und wie durch dies Opfer der himm—
lische Vater versöhnt ist.

Da regen sich natürlich oft Widersprüche. Man meint, es
sei nicht gerecht, daß ein anderer für uns leide, oder ein
Mohammedaner fragt, wie Christus Gottes Sohn genannt wer—
den könne, da Gott doch keine Frau habe. Da hilft kein Dis⸗
putieren, sondern das Wort Gottes muß den Ausschlag geben.
Hier darf der Missionar nicht nachgeben und Zugeständnisse
machen, wie das leider von Sektenpredigern manchmal geschieht,
die da meinen, die volle Wahrheit wäre zu viel für die Heiden.

Wie der HErr JeEsus seine Lehren durch Gleichnisse ver—
anschaulichte, so bemutzt der Missionar die Geschichten vom ver—
lornen Sohn, vom viererlei Acker und andere mehr, um die
Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu fesseln, leben doch die Leute
in diesen Sachen, und ihr Sinnen und Denken geht auf nichts
anderes. Bei den Kaufleuten redet man von der köstlichen Perle
oder vom ungerechten Haushalter, den Fischern erzählt man
die Geschichte von Petri Fischzug oder von dem Sturm auf
dem Meere, und so hat man überall Gelegenheit, an Dinge des
täglichen Lebens anzuknüpfen. Der Tamule liebt viele Ver—
gleiche, wie denn seine Sprichwörter davon voll sind. Um nur
eins anzuführen, sagt der Tamule (ähnlich dem deutschen Sprich—
wort: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme): Wie der Faden,
so das Kleid; wie die Mutter, so das Kind. Daran anknüpfend,
kann der Missionar von der Erbsünde reden. Ein anderes Sprich⸗
wort lautet etwa so: Der König straft die Schuld (nämlich
sogleich), Gott aber hat Geduld.

Aus dem, was wir über die Zuhörer und den Ort der
Predigt gesagt haben, kann man auch leicht erkennen, daß zumeist
an eine zusammenhängende Predigt nicht zu denken ist. Nur da,
wo große Haufen zusammenlaufen, kann man in zusammen⸗
hängender Rede Gesetz und Evangelium vortragen. Oft aber,
sehr oft, wird es dabei bleiben, daß man einer kleineren Anzahl zu
predigen hat, und Gefahr vorhanden ist, daß auch diese wenigen
noch fortlaufen. Dann kommt man vielleicht bis in die Mitte
des ersten Teiles und muß dann abbrechen, weil niemand mehr
da ist. Nein, wo wenige sind, da gilt es, sie in ein Gespräch,

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