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Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 18. Januar 1916, Seite 21
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— Und ich sahe cinen Engel N
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Euyangelium, zu verkündigen
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und betel an deu, der gemacht
har Himmct, und Erde, und
Meer, und dit Wasser⸗
Herausgegeben von der Zeutschen Evangelisch⸗Lutherischen Zynode von Missouri, Ohio u. a. Staaten.
Nedigiert von dem Lehrerkolleginm des theologischen Seminars in St. Lonis.
—
——
72. Jahrgang.
St. Louis, Mo., den 18. Zanuar 1916.
Nr. 2.
— —
Vom Chiliasmus.
I.
Chiliasmus nennt man die Lehre, nach der vor dem Jüng⸗
sten Tag ein sogenanntes tausendjähriges Reich entstehen soll.
Der Name kommt von dem griechischen Wort chilioi, welches
tausend bedeutet, und das erhoffte und ersehnte Reich nennt man
Millennium von dem lateinischen Wort mille, das ebenfalls
tausend bedeutet. Der Gedanke von einem tausendjährigen
Reich ist durchaus nicht neueren Datums; wir finden ihn schon
bei einigen Kirchenvätern im dritten Jahrhundert. In unserer
Zeit ist die Hoffnung von einem Millennium sehr weit ver—
breitet in der Christenheit. In den reformierten Gemein⸗
schaften ist man allgemein der Ansicht, daß ein tausendjähriges
Reich zu erwarten stehe; ja selbst unter Lutheranern hat der
Chiliasmus Vertreter gefunden.
Was ist dies nun für ein Reich, das man noch vor dem
Jüngsten Tag erhofft? Man unterscheidet den groben und
feinen Chiliasmus. Es liegt zwar kein eigentliches Glaubens⸗
bekenntnis vor, worin die Chiliasten einhellig bezeugten, was
sie vom tausendjährigen Reich glauben, lehren und bekennen;
die Meinungen sind da verschieden, wie eben die Menschen ver—
schieden sind. Man behauptet, daß Christus vor dem Jüngsten
Tag sichtbar erscheinen und ein sichtbares, herrliches Reich auf
Erden begründen werde; daß eine Anzahl von Märtyrern
leiblich von den Toten auferweckt und mit Christo leben und
herrschen würden; daß der Antichrist und alle Gottlosen von
der Erde vertilgt würden; daß allem Krieg und allen Greueln
auf Erden ein Ziel und Ende gesetzt werde; daß die Erde tau—
sendfältig ihre Früchte bringen werde und dergleichen mehr.
Andere, die sogenannten groben Chiliasten, haben sich dieses
Reich bis zum wahren Schlaraffenleben ausgemalt, wie zum
Beispiel die Anabaptisten zu Luthers Zeit. Diese Leute gaben
vor, das tausendjährige Reich einzuführen, stießen die bürger⸗—
liche Ordnung um und ergaben sich einem wüsten Wesen, unter
anderm auch der Vielweiberei. Einer unter ihnen, Jan Bockel⸗
son, hatte siebzehn Weiber; andere, vielleicht weil sie „feinere“
Chiliasten waren, begnügten sich mit einer geringeren Anzahl.
Solch wilde Ausschweifungen hat man auch chiliastischerseits
sehr beklagt, aber die Tatsachen lassen sich nicht hinwegleugnen.
Unter den Sekten hierzulande wird allgemein die Meinung
ausgesprochen, wenn einmal ihre Sabbatgesetze durchgeführt
würden, wenn das Tabakrauchen und Biertrinken aufhöre,
dann könne Christus kommen, und das Millennium seinen
Anfang nehmen.
Was soll man nun dazu sagen? Ist ein solches tausend—
jähriges Reich, von allen häßlichen Auswüchsen dieser Lehre
gänzlich abgesehen, in Gottes Wort gelehrt? Christi Reich,
sein Gnadenreich hier auf Erden bis an der Welt Ende, seine
Kirche mit ihren Lehren, mit ihren Kämpfen und Trübsalen,
mit ihren Segnungen und Siegen, ist klar in der Heiligen
Schrift beschrieben. Das Ehrenreich in seiner Vollendung in
der Herrlichkeit, wo keine Sünde und kein Tod, kein Kampf,
kein Streit und keine Trübsal mehr sein wird, sondern Friede,
Ruhe und himmlische Freude ewiglich, ist ebenfalls in Gottes
Wort klar gelehrt. Ein tausendjähriges Reich dagegen, das
sich weder mit dem Gnadenreich hier auf Erden deckt noch auch
mit dem Ehrenreich im Himmel, ist nicht in Gottes Wort
gelehrt.
Die Heilige Schrift weiß nichts davon, daß Christus vor
dem Jüngsten Tag sichtbar vom Himmel herniederkommen
werde auf Erden. Die Heilige Schrift redet nur von einem
zweimaligen Kommen Christi in die Welt. Das ist ja allen
lieben Lesern des „Lutheraner“ so bekannt, daß es nicht nötig
ist, darüber noch viel zu sagen. Das erste Mal ist er gekommen
in Armut und Verachtung zur Erlösung der sündigen Men⸗
schen; das zweite Mal wird er kommen in den Wolken des
Himmels, in großer Kraft und Herrlichkeit, „zu richten Bös'
und Fromme“. Das ist klar ausgesprochen Hebr. 9, 28: „Also
ist Christus einmal geopfert, wegzunehmen vieler Sünden.
Zum andernmal aber wird er ohne Sünde erscheinen
denen, die aäuf ihn warten, zur Seligkeit.“ Also nicht zur
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