Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 2 › Seite 29

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 18. Januar 1916, Seite 29

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Darf man's sagen?

Einen bleibenden Eindruck erhielt ich, erzählt der verstorbene

Hofprediger E. Frommel in seinen Schriften, als ich am Sterbe⸗
bett der Schwester stand, die in der Blüte der Jahre starb.
kamentlich habe ich die leuchtenden, fieberglänzenden Augen im
sonst so blassen Antlitz des zweiundzwanzigjährigen Mädchens
nicht vergessen können. Mit raschen Schritten war die Schwester
dem Tode entgegengeeilt. Deswegen fragte die Mutter den Arzt,
ob sie nicht leise und schonend die Schwester auf das mögliche
Ende aufmerksam machen dürfe. Der Arzt entgegnete ihr: „Sie
hat noch zwei Tage zu leben; wenn Sie es ihr sagen, stirbt sie
heute noch.“ Das brachte die Mutter in große innere Not. Darf
man zu Schwerkranken von ihrem nahen Tode reden? Sollte
die Mutter nichts sagen und das Kind ahnungslos sterben lassen
oder auf die Gefahr hin, daß sie früher stürbe, ihr sagen, wie es
stände? Sie entschied sich nach kurzem Kampf für das letztere.
Ihr stand die innere Bereitung höher als die wenigen Stunden,
die sie etwa mehr zu leben hatte. Sie antwortete der Kranken
zum ersten Male nicht auf die gewohnte Frage: „Werde ich denn
bald besser?“ und schaute sie nur liebend und wehmütig an.
„Nicht wahr, Mutter, ich darf wohl sterben?“ sagte sie, indem sie
die Augen groß aufschlug. Die Mutter nickte nur stumm. Da
kam ein kurzer innerer Kampf und dann ein lichter Schimmer
über das Gesicht, und sie sagte wie flehend: „Nicht wahr, liebe
Mutter, nun läßt du mich aber nicht mehr schlafen. Wir wollen
noch recht viel beisammen sein, und du liest mir noch recht viel
vor.“ Dabei faßte sie ihre Hand so fest, als wollte sie sie nicht
mehr loslassen. Wirklich schlief sie kaum mehr. Hatte die Mutter
ihr einen Psalm vorgelesen, so konnte sie ihn sofort ohne Anstoß
auswendig nachsagen und beten. Ihre Geisteskraft, vornehmlich
ihr Gedächtnis, nahm in wunderbarer Stärke zu.

Sie starb nicht am Abend, nicht am Tage danach, sie lebte
noch vierzehn volle Tage, Tage voll erhebender Stunden. „Merk⸗
würdig“, sagte der Medizinalrat, „recht merkwürdig! Wirklich,
hätte es nicht gedacht!“ als die Mutter ihm erzählte, daß sie's
nicht habe übers Herz bringen können, es dem Kinde zu ver—
schweigen, wie es um sie stände. Der Mutter blieb es mehr als
merkwürdig. Im Glauben muß freilich so etwas getan werden
und mit der inneren Gewißheit, es tun zu müssen und zu dürfen.
Vor allem muß die brennende Liebe dahinter stehen, sonst wäre
es gefehlt. Aber nie habe ich ein solch rasches Sichsammeln und
Erglühen aller Lebensfunken auf dem Altar eines Herzens ge⸗
sehen wie in diesen vierzehn Tagen. Der Gedanke an den Tod
hatte die Schwester am Leben erhalten, und der zum Heimgang
sich schickende willige Geist die schwache Leibeshütte zusammen⸗
gehalten, bis der Pilger völlig bereit war, die Hütte zu verlassen.

(Rhein.⸗westf. ev.⸗luth. Wochenblatt.)

———.——

Was Mutter gesagt hat.

Ein Prediger, der an einer großen Irrenanstalt angestellt
ist, erzählte: Als ich einmal Sonntags wie gewöhnlich vor der
langen Reihe unserer geistig Umnachteten und Blöden gepredigt
hatte, und mich beim Verlassen des Saales wie immer in diesen
Stunden tiefstes Erbarmen mit diesen Unglücklichen noch erfüllte,
von denen ich mir sagen mußte, daß nur wenige meinen Worten
mit Verständnis hatten folgen können, hielt mich am Ausgang
ein Mann mit freundlichem Grinsen auf dem geistlosen Gesicht
zurück und sagte in geheimnisvollem Flüsterton: „Ich kann auch
beten!“

Ich war erstaunt über dies Wort, denn der Unglückliche galt

für ganz blödsinnig. Er hatte alles vergessen, seinen Familien⸗
namen, seinen Heimatsort, sein Alter; über nichts konnte er die
geringste Auskunft geben. Etwas zweifelhaft fragte ich daher:
„Was kannst du denn beten?“

„Was Mutter gesagt hat“, antwortete er stolz.

„Und was hat Mutter dir gesagt?“ forschte ich weiter.

Da faltete er die Hände und begann andächtig:

Breit' aus die Flügel beide,
O JeEsu, meine Freude,
Und nimm dein Küchlein ein!

Bis zu Ende sprach er den Vers ohne Anstoß. Dann kehrte
der geistlose, stiere Ausdruck seines Gesichtes zurück, und er war
wieder derselbe stumpfe, unglückliche Mensch, wie ich ihn immer
gekannt hatte. Alles hatte er vergessen — keine Erinnerung aus
seinem ganzen Leben war ihm geblieben, nur „was Mutter ge⸗
sagt“, wie sie ihn beten gelehrt hatte, tauchte dann und wann in
seinem armen Hirn wieder auf.

Wenn alle Mütter doch wüßten und bedächten, was für ein
großer Segen durch sie gestiftet wird, wenn sie die Kinder beten
lehren und frühzeitig den Samen des göttlichen Wortes in ihre
Herzen streuen!

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———.—

„Wer so stirbt, der stirbt wohl.“

In französischer Erde ruht seit dem 7. September vorigen
Jahres der Bildhauer Friedrich Pfannschmidt, ein Sohn des
Mannes, der durch die Gabe seines Pinsels so viel getan hat,
uns unsern lutherischen Glauben wert zu machen. Sein Leut⸗
nant, der 23jährige von Roon, einer der Enkel des unvergeß—
lichen Kriegsministers Grafen von Roon, schrieb am 9. September
folgenden schönen, zuerst vom „Sonntagsfreund“ veröffentlichten
Brief:

„Epernay bei Reims am 9. September 1914. Hochverehrte
Fraul. Am 7. September, als wir seit morgens 4 Uhr
im Gefecht bei Pierre Morrains, 15 Kilometer von Chalons,
lagen, ist Ihr hochverehrter Herr Gemahl nachmittags 2 Uhr,
in vorderster Linie Arm an Arm mit mir kämpfend, neben mir
den Heldentod für seinen König, sein Vaterland, seine Familie
und seinen Herd gefallen. Wir alle beneiden ihn um das Herr⸗
lichste, was einem Soldaten geschehen kann. Seit einiger Zeit
zu seiner 5. Kompagnie kommandiert, weil bei seiner Kompagnie
zwei Offiziere verwundet waren, ist es mir eine Ehre und Freude
gewesen, unter seinem Befehle zu stehen, ihn wie einen Helden
mit Mut, Umsicht, Ruhe und Entschlossenheit kämpfen und fallen
zu sehen. Gewiß hätte er noch lebend das Eiserne Kreuz auf die
Brust geheftet bekommen, und nun kann ich nicht anders als
Ihnen sagen: Wenden Sie sich an das Kreuz unsers Heilandes
IEsu Christi, der für uns litt, siegte und starb am Kreuz. Bitter
ernste Gedanken redet das Kreuz zu uns, es spricht von Leiden;
aber es strahlt auch im hellen Siegesglanz. Wir stehen jetzt seit
dem 6. September im Gefecht; draußen donnern die Kanonen,
und wir siegen, das ist gewiß. Selbst zehn Minuten nach ihm,
meinem Hauptmann, am Arm und an der linken Schulter ver⸗
wundet, liege ich hier im Lazarett und sehe das Elend, das Blut
und die Schmerzen und denke mir: Wie ist ihm wohl — er hat
gar nicht gelitten. Wir sprachen über das weitere ‚Vorwärts“,
da fiel er. Wir alle als Christen wissen bestimmt, daß JEsus
Christus von den Toten auferweckt ist, und auch wir in einem
neuen Leben wandeln werden. Er ruht nun gewiß, von Kame⸗
raden begraben, an der Stelle, wo er fiel; von seiner Kompagnie
blieb wohl ein Viertel. Ich wurde wie durch ein Wunder errettet.“

Mitte September kehrte Leutnant von Roon als anscheinend
Leichtverwundeter in die Heimat zurück. Einer seiner ersten Wege

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