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Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 18. Januar 1916, Seite 22

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Ser 2„TutheranerS

Begründung eines tausendjährigen Reiches wird er zum zweiten⸗
mal erscheinen, sondern zur Seligkeit denen, die auf ihn
warten.

Wenn ferner behauptet wird, daß im tausendjährigen
Reich der Antichrist und alle Gottlosen ausgerottet und eitel
Heilige auf Erden sein werden, so widerspricht das ebenfalls
der klaren Schrift. Im Gleichnis vom Unkraut unter dem
Weizen sagt der HErr: „Der gute Same sind die Kinder des
Reichs; das Unkraut sind die Kinder der Bosheit.“ Auf Be—
fragen der Jünger, ob das Unkraut auszujäten sei, antwortet
der HErr: Nein; sie sollten beides miteinander wachsen lassen
bis zur Ernte; und die Ernte nennt er das Ende dieser Welt.
Also bis zum Weltende werden nach Christi eigenen Worten

Kinder des Reichs und Kinder der Bosheit miteinander und.

untereinander leben, und die endgültige Scheidung beider steht
vor dem Weltende nicht zu erwarten. Das ist ja klar aus⸗
gesprochen in fast zahllosen Schriftstellen und ganzen Kapiteln,
in denen die Endzeit beschrieben wird als eine solche, in der
Betrug falscher Lehre und gottloses Wesen überhandnehmen
wird. Man lese doch in unserer Zeit das 24. und 25. Kapitel
des Evangelisten St. Matthäus und, bedenke, wie der SErr
selbst die letzte Zeit beschreibt und unter anderm bezeugt: „Es
werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele
verführen. Und dieweil die Ungerechtigkeit wird überhand⸗
nehmen, wird die Liebe in vielen erkalten.“ Diesen Abschnitt
schließt dann der HErr mit dem bedeutsamen Wort: „Und es
wird geprediget werden das Evangelium vom Reich in der
ganzen Welt zu einent Zeugnis über alle Völker; und dann

wird das Ende kommen.“ Also nicht ein tausendjähriges Reich

wird dann kommen, sondern das Ende. Und erst wenn das
Ende kommt, wird auch der Antichrist vertilgt werden, wie
Paulus von Christo bezeugt: „Er wird seiner ein Ende machen
durch die Erscheinung seiner Zukunft.“ Das ist ein ganz ande⸗
rer Ton als der, den die Chiliasten anstimmen in ihrem Lied
von einem tausendjährigen Reich.

Auch die Behauptung verträgt sich nicht mit der Schrift,
daß vor dem Jüngsten Tag ein tausendjähriger Zeitraum
großen irdischen Glücks und eines allgemeinen Weltfriedens
kommen werde. Man hat sich für diese Ansicht auf verschiedene
Stellen im Propheten Jesaias berufen und hat aus dem, was
vom Friedensreich des Gesalbten im allgemeinen ausgesagt ist,
ein tausendjähriges Reich herausgelesen. Wir wollen uns
etliche dieser Stellen näher ansehen.
„Denn von Zion wird das Gesetz ausgehen und des SErrn
Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Hei⸗
den und strafen viel Völker. Da werden sie ihre Schwerter
zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn
es wird kein Volk wider das andere ein Schwert aufheben,
und werden fort nicht mehr kriegen lernen. Kommt ihr nun
vom Hause Jakob, laßt uns wandeln im Licht des SErrn!“
Das ist allerdings eine Beschreibung eines Friedenszustandes.
Es fragt sich nun, was für einen Frieden der Prophet im
Auge hat, einen geistlichen Frieden, den das Wort des SErrn
bringt, oder einen Weltfrieden, bei dem jeglicher Krieg ver—
stunmt. Wäre das letztere gemeint, wie die Chiliasten be⸗
haupten, dann würde Jesaias im Widerspruch stehen mit dem,
was Christus sagt in seiner Beschreibung der letzten Zeit: „Ihr
werdet hören Kriege und Geschrei von Kriegen.. Denn es
wird sich empören ein Volk über das andere und ein König⸗

Jes. 2, 3. 4 lesen wir:

reich über das andere.“ Sind nun Jesaias und Christus wider⸗
einander? Doch nicht! Der SErr JEsus hat sich für sein
öffentliches Lehren und Handeln wiederholt auf den Propheten
Jesaias berufen und hat an seiner Weissagung nicht das Ge⸗—
ringste auszusetzen. In jenem 2. Kapitel redet Jesaias offen⸗
bar von dem Reich Christi, und unter dem Bilde bürgerlichen
Friedens beschreibt er den Frieden, den diejenigen genießen, die
nun kommen und „wandeln im Licht des HErrn“.

Wir wollen zum besseren Verständnis dieses Punktes noch
eine andere Stelle aus demselben Propheten ansehen, wo er
das Friedensreich des Messias darstellt unter einem wunder⸗
vollen Bilde aus dem Tierreich. Im 11. Kapitel redet der
Prophet von Christo, der in Gerechtigkeit und Glauben sein
Reich regiert, und beschreibt V. 6—9 dieses Reich also: „Die
Wölfe werden bei den Lämmern wohnen, und der Pardel bei
den Böcken liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge
Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären
werden an der Weide gehen, daß ihre Jungen beieinander
liegen; und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen. Und
ein Säugling wird seine Lust haben am Loch der Otter, und
ein Entwöhnter wird seine Hand stecken in die Höhle des Ba⸗
silisken. Man wird nirgend letzen noch verderben auf meinem
heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des SErrn,
wie mit Wasser des Meeres bedeckt.“ Das ist ebenfalls ein ent⸗
zückender Friedenszustand, den Jesaias hier in Bildersprache
ausmalt. Was mag denn dies nun für ein Friede sein?
Meint er wirklich einen Frieden unter den Tieren? Sollen
wir erwarten, daß vor dem Ende dieser Welt die wilden
reißenden Tiere von ihrer Art lassen, so daß Wölfe, Bären
und Tiger mit den Lämmern und Böcken spielen? Doch wohl
nicht. Er redet ja davon, was auf dem „heiligen Berge“, in
der Stadt Gottes, der christlichen Kirche, sich zuträgt, und unter
diesem lieblichen Bilde beschreibt er den Zustand im Reich des
Friedefürsten, wo der Friede Gottes sich in die Herzen senkt,
und wo die dem Frieden nachjagen, die in diesem Reiche wohnen.
Dieses Reich ist allerdings ein Friedensreich, wo „großer Friede
sein wird, bis der Mond nimmer sei“, wo Friede im Herzen
sein wird, Friede im Gewissen, wenn auch der blutigste Krieg
tobt draußen in der Welt.

Wir wollen nun aber fragen: Mit welchem Recht wird
das, was Jesaias vom Friedensreich Christi überhaupt aus⸗
sagt, von den Chiliasten für ihr tausendjähriges Reich be⸗
ansprucht? Man lese die Weissagung im Zusammenhang, und
man wird erkennen, daß das Reich des Friedens, von dem
Jesaias redet, Christus aufrichten wird bei seinem ersten
Kommen in die Welt in Armut und Verachtung und nicht, wie
die Chiliasten behaupten, erst wenn er zum zweitenmal vom
Himmel kommen wird in großer Herrlichkeit. Ferner hat
Jesaias mit keiner Silbe angedeutet, daß das, was vom Frie⸗
densreich des Gesalbten ausgesagt wird, auf einen Zeitraum
von rund tausend Jahren zu beschränken ist, sondern wenn es
anfängt bei seinem gnadenreichen Kommen, dann werde „des
Friedens kein Ende sein auf dem Stuhl Davids und seinem
Königreich . . . von nun an bis in Ewigkeit“. Hat doch der
SErr Zebaoth allen Völkern auf diesem Berge „ein fett Mahl“
zubereitet. Mit welchem Recht wollen denn Chiliasten die besten
und kräftigsten Speisen dieses Mahles einsalzen für ihr tausend⸗
jähriges Reich, so daß den armen Christen, die vor dem An⸗
bruch dieses Reiches leben, nichts übrigbleibt als ein paar:

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