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Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 18. Januar 1916, Seite 24

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S er 2„Tuthsraneses

wegen vorwiegend in englischer Sprache erteilt. Der Religions⸗
unterricht ist noch deutsch, obschon die Unterrichtenden auch hier
sich der englischen Sprache mitbedienen müssen. Aus der Ge—
meindeschule treten diejenigen Kinder, die sie völlig absolviert
haben, in den achten Grad der Staatsschule.

J. D. Matthius.

Reiseerlebnisse aus der Missionsarbeit in Brasilien.

Eine lange vernachlässigte Pflicht will ich durch diesen
Artikel erfüllen. Auf der diesjährigen) Synodalversammlung
zu Sao Leopoldo, wo ich nebst anderm auch nachfolgende Reise⸗
schilderung erzählte, wurde ich ermuntert und beauftragt, doch
einmal etwas von meinen Missionserlebnissen im „Lutheraner“
mitzuteilen. Obwohl ich nun während meiner fünfjährigen
Missionstätigkeit dahier manches erfahren und durchgemacht
habe und folglich vieles zu berichten wüßte, so habe ich mich
dennoch immer gescheut und gesträubt, etwas für den „Luthe⸗
raner“ zu schreiben. Wenn jedoch eine kleine Reisebeschreibung
oder sonstige Mitteilungen von Erfahrungen und Erlebnissen
aus der Pionierarbeit in diesem Lande dazu dienen, mehr In⸗
teresse für unsere so segensreiche Arbeit zu erwecken oder dies
Interesse zu erhalten, so will ich gerne das sich dagegen sträu⸗
bende Gefühl überwinden und bitte den lieben Leser, ein not⸗
wendigerweise recht oft wiederkehrendes „Ich“ zu entschuldigen.

Spät am Mittwochabend war ich den sechsstündigen Ritt

(etwa dreißig Meilen) von Rio do Peixe, wo ich die Leitung
der beiden Schulen daselbst und am Arroio das Pedras, die
durch Abberufung des Lehrers in den Krieg verwaist waren,
übernommen hatte, nach Erechim, meinem Wohnort, zurück⸗
gekehrt. Nachdem meine liebe Frau, die mich zwei Wochen
lang nicht gesehen hatte, mir etwas Essen gemacht, und ich die
eingetroffene Post mir angesehen hatte, war es weit über Mit⸗
ternacht hinaus, und, müde von des Tages Last, begaben wir
uns zur Ruhe. Schon früh galt es am nächsten Morgen, auf
den Beinen zu sein, um mit der Eisenbahn hinauf an den—
Uruguay, die Nordgrenze dieses Staates, zu fahren, wo an
verschiedenen Plätzen Gottesdienst angesagt war — die einzige
Reise, bei der ich die Eisenbahn benutzen kann. Noch war ich
nicht reisefertig (es war kaum neun Uhr), als der Postwagen
(diligencia) vorfuhr, um mich zur Station abzuholen. Bald
eilten wir auch auf dem vier Meilen weiten, schön planierten
Weg zur Station dahin und kamen dort nach einer Fahrt von
nicht ganz einer Stunde an. Nun mußte man Langweile
blasen bis zum Eintreffen des Zuges, der erst nach elf Uhr
fällig war. Indes, auch diese Zeit verstrich unter vielem
Gähnen, und alle Reisenden atmeten erleichtert auf, als end—
lich der Zug mit seiner gewöhnlichen Verspätung von fast einer
Stunde daherkam. Alle, die mit wollten, waren bald im Zuge
und erwarteten nun, daß dieser nach kurzem Aufenthalt weiter⸗
rollen werde. Doch hier in Brasilien heißt es: Geduld!
paciencia! Es mußte noch erst Fracht verladen, klug ge⸗
schwatzt und vor allem der brasilianische Tee, der sogenannte
chimeérao, geschlürft werden. Erst nachdem ich den Mittags⸗
lunch, den mir meine Frau in die Reitranzen gesteckt, verzehrt
hatte, setzte sich der Zug wieder langsam in Bewegung und hatte
bald die geringe Geschwindigkeit erreicht, die ihm auf einem

*) Januar 1915.

Geleise, das sich noch stärker als der Weg der Schlange dahin⸗
schlängelt, möglich ist. Als wir so etwa sechs Stunden ge⸗
fahren waren, natürlich mit den üblichen langen Pausen an
den einzelnen Stationen, und kaum sechzig Meilen zurückgelegt
hatten, nahten wir der Station Barro, wo ich aussteigen mußte.

Allein Barro war noch nicht mein Bleibeort. Ich wollte
ein paar Immigrantenfamilien besuchen, die noch etwa drei⸗
einhalb Reitstunden (zwanzig Meilen) von der Station ent⸗
fernt wohnen. Es war vereinbart worden, daß man mich ab⸗
hole, und ein Mann war auch pünktlich erschienen. Sobald der
Zug anhielt, war ich auch mit meinen Reitranzen, worin sich
der Talar und die Amtsbücher befanden, abgestiegen, und nach
kurzer Begrüßung legten wir einem der Reittiere die Ranzen
auf und ritten ohne Verzug davon, fröhlich miteinander plau⸗
dernd. Beim Aussteigen aus dem Zuge und Antritt des Rittes
aber hatten wir nicht bemerkt, daß die Sonne im Sinken und
obendrein ein Gewitter im Anzuge war. Wir waren kaum
eine halbe Stunde auf bodenlosem Wege durch den Urwald
dahingeritten, als auch schon die Nacht mit Macht hereinbrach,
und das Rollen des herannahenden Donners immer lauter und
heftiger wurde. In wenigen Minuten war es völlig finster, so
finster, daß man selbst die Hand vor den Augen nicht sehen
konnte. Aber die Tiere stampften munter weiter durch den
Morast, jetzt einmal stillehaltend und nach dem Pfad suchend,
dann über einen Baumstamm oder Felsblock setzend.

Als wir so eine Weile geritten waren, fielen die ersten
starken Regentropfen, denen auf dem Fuße ein Schauer nach
dem andern folgte. Gerne hätten wir uns einen Regenmantel
umgeworfen, aber weder mein Begleiter noch ich selbst hatte
einen bei uns. Mein Begleiter hatte wohl auch keinen im
Besitz, und der meinige war mir auf der vorigen Reise auf
dem Zuge abhanden gekommen; und ich hatte mir Geldmangels
halber noch nicht wieder einen zulegen können. So waren wir
denn genötigt, im Regen weiterzureiten; denn Bewohner, bei
welchen man hätte einkehren können, gab es nicht in der gan⸗
zen Umgegend, und zudem wollten wir auch baldmöglichst unser

Ziel erreichen, da ich für den nächsten Morgen Gottesdienst

angekündigt hatte und auch wieder zurück nach Barro mußte.
Im Handumdrehen waren wir daher durchnäßt, obschon wir
uns noch die Reitpelze, die man gewöhnlich unter sich auf dem
Sattel hat, umgeschlagen hatten. In der Dunkelheit, und ge⸗
blendet durch die Blitze, konnten unsere Tiere nur schlecht den
Weg finden. Oft mußten wir absitzen, Streichhölzer anzünden
und den Weg aufsuchen, da die Tiere immer wieder abirrten.

Endlich erspähten wir ein Licht unten im Tal. Froh,
erleichtert atmeten wir auf. Es war das Licht einer polnischen
Mahlmühle, die meinem Begleiter wohl bekannt war. Auf
dies Licht ritten wir zu in der Hoffnung, in der Mühle Schutz
vor dem Wetter zu finden und Essen und trockene Kleider zu
bekommen. Dies war jedoch eine eitle Hoffnung. Gleich beim
Eintritt merkten wir, daß wir unwillkommene Gäste waren.
Gerne wären wir daher sofort weitergeritten, aber wohin in
dunkler Nacht, in dem bösen Wetter, bei dem Hochwasser in
den Flüssen, die noch zu passieren waren? Der bloße Gedanke
an dies alles machte uns unheimlich fühlen. So erdreisteten
wir uns doch, um etwas Essen und einen warmen Feuerherd
zu bitten, damit wir unsere Kleider trocknen könnten. Beides
wurde uns jedoch nicht gewährt; und wir schätzten uns glück⸗
lich, in der kühlen Mühle übernachten zu dürfen.

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