Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 57, Nummer 19 › Seite 290

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 17. September 1901, Seite 290

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Aergernis 15 · Gemeindeſchule · Gemeindeſchule · eouibeſac 2

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fleißig und regelmäßig in die Schule zu schicken. Was der Pastor
versprochen hat, das thut er nun auch.

Nachdem nämlich der Pastor nach seiner Predigt das Kirchen⸗
gebet und das heilige Vater⸗Unser gesprochen hat, gibt er der Ge⸗
meinde ein Zeichen, sich zu setzen. Als alle Platz genommen
haben, kündigt er der Gemeinde an, daß er ihr noch etwas Be⸗
sonderes zu vermelden habe. Er hält nun eine kurze Rede. In
dieser Rede sagt er etwa Folgendes: „Es sei ja allen bekannt,
daß nach Gemeindebeschluß die Schule wieder am ersten Montage
im September eröffnet werden solle. Nun sei es aber nicht genug,
daß der Lehrer die Schule eröffne, sondern es müßten auch Kin⸗
der vorhanden sein, mit welchen der Lehrer seinen Unterricht be⸗
ginnen könne. Eine offenkundige Thatsache sei es aber, daß
bisher die Eltern in der Gemeinde ihre Kinder saumselig und
unregelmäßig geschickt hätten. Alle Jahre müsse der Lehrer die
traurige Erfahrung machen, daß bei Schulanfang und noch viele
Wochen nachher kaum die Hälfte der schulpflichtigen Kinder sich
einfinde. Durch diesen schlechten und unregelmäßigen Schul⸗
besuch leide aber die Schule großen Schaden.“ Der Pastor zeigt
nun im weiteren Verlauf seiner Rede, worin dieser große Schaden
bestände. Zugleich weist er aber auch darauf hin, wie groß der
Segen sei, den die Kinder hätten, wenn sie fleißig und regelmäßig
zur Schule kämen. Zum Schluß wendet sich der Pastor an das
Herz und an das Gewissen seiner Zuhörer und endet mit den
Worten: „Ihr lieben Eltern, macht euch los von eurem alten
Schlendrian, thut eure Pflicht und schickt eure Kinder von An⸗
fang bis zum Schluß der Schule fleißig und regelmäßig in die⸗
selbe. Das wird euch, euren Kindern, der Gemeinde und der
Schule zum Segen sein.“ Mit dem Friedensgruß verläßt der
Pastor die Kanzel.

Während der Ansprache des Pastors nimmt der Lehrer wahr,
daß nicht wenige der Zuhörer der Rede des Pastors zunickend bei⸗
stimmen und daß mancher Augen bei den herzlichen und eindring⸗
lichen Worten feucht werden. Da schwellt sich seine Brust mit
der freudigen Hoffnung, daß er diesmal wohl einen besseren Schul⸗
anfang und auch ein besseres Schuljahr als gewöhnlich haben
werde. Vergnügt drückt er daher dem Pastor die Hand, als er
ihm begegnet, und dankerfüllt spricht er zu ihm: „Gott segne
Sie für Ihre Worte! Die werden das Herz und das Gewissen
unserer Leute getroffen haben, daß sie sich endlich aus ihrer Gleich⸗
gültigkeit aufraffen.“ Der Pastor antwortet: „Wir wollen es
hoffen!“ Der Lehrer spricht: „Aber, bitte, vergessen Sie nicht,
am nächsten Sonntag noch einmal eine kleine Erinnerung bezüg⸗
lich der Schule zu thun.“ Demgemäß erinnert der Pastor am
nächsten Sonntag noch einmal: „Morgen früh um neun Uhr
wird, will's Gott, die Schule beginnen. Alle Eltern, welche
schulpflichtige Kinder haben, werden noch einmal herzlichst ge⸗
beten, sogleich vom ersten Tage an ihre Kinder fleißig und regel⸗
mäßig in die Schule zu senden.“ Alles, was Pastor und Lehrer
thun können, ist nun geschehen. Hoffnungsfroh sieht der Lehrer
dem morgenden ersten Tag im neuen Schuljahre enigegen.

Am Sonntag ⸗Nachmittage studirt der Lehrer eine kleine
Rede ein, die er morgen früh beim Beginn der Schule an die
Kinder halten will. Am Montag⸗Morgen erhebt er sich von seinem
Lager eine Stunde früher, als dies in den Ferien geschehen ist.
Nachdem er mit seiner Familie das Frühstück eingenommen und
Morgenandacht gehalten hat, eilt er hinüber in seine Schule,

um die Thür und die Fenster zu öffnen und den Staub, welcher
sich in der vor Kurzem frisch gescheuerten und gesäuberten Schule
wieder festgesetzt hat, zu entfernen und überhaupt alles in Ord⸗
nung zu bringen. Als er alles beendet hat, kehrt er noch einmal
in seine Wohnung zurück, denkt noch einmal seine Rede durch,
zieht dann seinen besten schwarzen Rock an, und um halb neun Uhr
geht er wieder in seine Schule zurück, um die ankommenden Kin⸗
der zu empfangen, zu begrüßen und ihnen ihre Plätze anzuweisen.
Als er das Schulzimmer betritt, hat sich noch kein Kind einge⸗
stellt. Doch bald sieht er einige kleine Knaben und Mädchen auf
seine Schule zusteuern. Als sie in die Schulstube eintreten, be⸗
grüßt er sie mit freudigem Händedruck. Die Zahl der Angekom⸗
menen ist aber nur klein. Der Zeiger der Schuluhr rückt auf
neun; aber siehe, nur wenige, vereinzelte Schüler stellen sich noch
ein. Er blickt durch die geöffneten Fenster nach allen Richtungen
hin, ob er nicht etwa noch Nachzügler entdecken könne; aber ver⸗
gebens! Endlich schlägt die Uhr neun. Er muß beginnen. Er
überblickt die Anwesenden und zählt ihre Häupter. Von den er⸗
warteten achtzig Kindern hat er nur dreißig in der Schule. Mit
einem leisen Seufzer zeigt er das Lied an, welches gesungen wer⸗
den soll. Nach dem Morgengebet hält er allerdings seine vor⸗
bereitete Rede, aber der freudige Ton, in dem er sie zu halten
gedachte, ist geschwunden. Es sind meistens nur kleinere Kinder,
welche er vor sich hat; die größeren Schüler fehlen fast alle. Der
Muth zum Unterrichten will ihm fast entsinken. Er denkt bei sich:
Wir haben doch alles versucht, um eine Besserung in dem Schul⸗
besuch herbeizuführen, aber in unserer Gemeinde scheint in dieser
Beziehung alles vergeblich zu sein. Doch erinnert er sich dessen,
was einmal der württembergische Reformator Brenz gesagt hat.
Es kam nämlich einmal ein Fremder in die Kirche des Brenz.
Dieser erwartete, daß der überall bekannte und berühmte Refor⸗
mator eine volle Kirche haben würde. Aber er fand sich sehr
enttäuscht. Die meisten Kirchenbänke waren unbesetzt. Nach dem
Gottesdienste sprach der Fremde mit Brenz und drückte seine Ver⸗
wunderung darüber aus, daß Brenz vor so wenigen Zuhörern
doch eine so köstliche Predigt gehalten habe. Da entgegnete
ihm der große Theologe: „Wißt Ihr denn nicht, daß ein guter
Brunnen immer Wasser gibt, mögen viele oder wenige kommen,
um daraus zu trinken?“ So dachte auch unser Lehrer und be⸗
gann, seinen Unmuth mit Gottes Hülfe unterdrückend, seinen
Unterricht.

Im Laufe des Tages erkundigte er sich bei den anwesenden
Kindern nach den fehlenden Schülern. Da hieß es denn: „Der
Jakob kommt erst in die Schule, wenn der Confirmandenunter⸗
richt anfängt; denn er muß jetzt noch dem Vater beim Pflügen
helfen.“ „Der Peter muß das Vieh hüten.“ „Der Heinrich
muß Korn ausbrechen.“ „Die Line muß Kartoffeln ausgraben.“
„Die Katharine muß die kleine Lissi warten, weil die Mutter noch
zu viel Arbeit hat.“ Bis Mitte October, das hörte der Schul⸗
lehrer aus allen diesen Entschuldigungen heraus, würde die Schule
wohl ziemlich leer bleiben. Und so war es auch in der That.
Jede Woche kamen allerdings einige Nachzügler nach; aber voll⸗
zählig wurde die Schule erst dann, als der Confirmandenunter⸗
richt seinen Anfang nahm. Und dann kam es auch noch vor, daß
manche der Confirmanden sogleich nach dem Unterricht nach Hause
eilen mußten, um bei der Feldarbeit zu helfen. Erst einige Wochen
vor Weihnachten — da es ja am Christfest eine Bescherung geben

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