Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 60, Nummer 22 › Seite 343

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 25. Oktober 1904, Seite 343

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der Schrift ganz fälschlich für seine Behauptung angewendet hätte,
schlug ihn mit den Zeugnissen derselben Kirchenväter nieder, auf
er sich so sehr gesteift hatte, so daß ich glaubte, ihn gründlich wider⸗
t zu haben.

Das fühlte er auch selbst; denn als er aus meiner Predigt ging,

hanen Edelmanne: „Ach, nun weiß ich nicht, woran ich bin. Gott,

95 er zu Villeneuf, einem noch lebenden, der päbstlichen Kirche zu⸗

ö Gott! was werde ich gegen alle die angeführten Zeugnisse sagen kön⸗

nen?“ In der That huͤtete er sich auch wohl, in seiner nächsten Pre⸗

digt meinem Beweisgange zu folgen, und that nichts, als daß er auf
der Kanzel ein leeres Geschrei darüber erhob, daß ich die Anbetung des
Sacraments für Abgötterei ausgegeben hätte. Am besten aber glaubte
er sich aus seiner Verlegenheit ganz herausziehen zu können, wenn er

öffentlich in der Kirche Gott selbst zum Zeugen anriefe, daß seine Lehre
die Wahrheit sei.

Er that dies dann auf folgende Art:

„Großer Gott!“ sprach er, „wie kannst du dulden, daß dein
Dienst, der allerherrlichste und allerheiligste Dienst, für abgöttisch ge⸗
halten werde? Ist es wahr, wie uns diese Prediger beschuldigen, daß
wir Götzendiener und die Priester Betrüger sind, wenn sie sagen, daß
sie den Leib deines hochgebenedeiten Sohnes täglich opfern — wo sind
dann deine Blitze, wo deine Donnerkeile, uns Betrüger und Götzen⸗
diener zu zerschmettern?“ Hierauf wandte er sich zum Altar, auf dem

die geweihte Hostie stand, und fuhr fort: „Ja, mein Heiland, ich wende

mich zu dir und bitte dich, du wollest in unserer Sache durch Wunder⸗
werk ein Urtheil sprechen. Sind wir Götzendiener, wenn wir dein hei⸗
liges Sacrament anbeten, so laß Feuer vom Himmel auf uns herab⸗
fallen, wie Elias über die Priester Baals gethan hat. Schlage mit
deinem Donner in unsere Altäre, so wirst du uns durch ein solch Gericht
aus dem Irrthum bringen und gänzlich überzeugen, daß wir Götzen⸗
diener sind.“

Mit diesen vermessenen Worten forderte der Jesuit am 19. Juni
1678 Gott zu einem beweisenden Wunderzeichen auf. Und es ward

ihm gegeben.

Zehn Tage darauf, am Mittwoch, den 29. Juni, am Fest Petri
und Pauli, ließ Gott ungefähr um neun Uhr gerade ein solches Zeichen
geschehen, wie es der Jesuit begehrt hatte. Der Himmel ward von
dicken Wolken verfinstert, von allen Seiten blitzte und donnerte es
frchterlich, und ein ganz gewaltiger Donnerschlag schlug in der Kirche

gleich neben dem großen Altar ein, und zwar während der Canonicus

Caulet gerade das Meßopfer verrichtete. Der Donnerschlag warf den
Meßpriester zu Boden auf den Rücken und riß mehrere Steine aus
dem Gewölbe heraus. Auch fuhr der Blitz in die nächste Kapelle zur

Linken des Chors und verbrannte die Altartücher zu Pulver, denn

thurm

auch hier wurde gerade Messe gelesen. Die Frau De la Pisa, die hier auf

den Knieen lag, wurde davon beschädigt und ganz mit Staub bedeckt.
Ebenso ging es auch andern Personen. Jene wurde halbtodt nach
Hause gebracht, wo ihr eine Ader geöffnet werden mußte. Auch war
der Blitzstrahl noch durch ein Kirchenfenster gefahren und am Kirch⸗
mußte man bis zum Abend das Feuer löschen.

Im ganzen Fürstenthum Oranien, so schließt Pineton seine Er⸗

zählung, ist diese Geschichte bekannt geworden und sollte alle vernünf⸗

tigen Römisch⸗Katholischen zu reiflichem Nachdenken bewegen.

Eine graße und schreckliche Anfechtung.

Es sind schon viele Jahre her, da hatte ich in meiner Gemeinde
nen alten Mann, der sich auf das allerfleißigste zu Wort und Sacra⸗

t hielt und auch einen rechtschaffenen christlichen Wandel führte.
forschte er, nach Beroenserart (Apost. 17, 11.), täglich in der

Schrift, ob sich's also hielte, wie ich predigte. Er besprach sich auch
des öfteren mit mir über Gegenstände des christlichen Glaubens. Bei
solchen Besprechungen merkte ich, daß er in Gefahr stand, sich nicht
immer fest und allein auf das geschriebene Gnadenwort zu verlassen,
sondern nebenher auch auf die Gedanken seines eigenen Herzens zu
achten und so der Gnade Gottes bald gewiß, bald aber ungewiß zu
sein. Das verwies ich ihm immer wieder und wieder und sagte ihm,
er solle immer in Herz und Mund haben den Reim:

Ich glaub, was IEsu Wort verspricht,

Ich fühl es, oder fühl es nicht.

Endlich wurde er todtkrank, und sein Ende nahte. Und bei
meinen oftmaligen Besuchen fand ich ihn so: Wenn ich kam, so war
das Schwanken und Zittern und Zagen da, denn er hatte wieder
auf seine eigenen Gedanken gehorcht; wenn ich ging, so war er fest
und gewiß und getrost, denn er hatte Gottes Gnadenwort von mir
gehört.

In einer Nacht wurde ich zu dem alten K. — so hieß der Mann —
geholt, weil er im Sterben liege. Er empfing mich mit der bangen
Frage: „Ist Gott nicht zornig über mich wegen meiner Sünden?“
Ich antwortete: „Gott hat seinen Zorn über Ihre Sünden auf Christum
gelegt und bietet Ihnen jetzt durch sein Wort Gnade an. Darauf ver⸗
lassen Sie sich. Gott bleibt bei seinem Worte.“ Er sagte: „Ach ja,
Gott hat seinen Zorn über meine Sünden auf meinen HErrn IEsum
Christum gelegt und bietet mir jetzt durch sein Wort Gnade an. Darauf
will ich mich verlassen. Gott bleibt bei seinem Worte. Gott sei Dank
für sein Wort!“ Dann drehte er sich zur Wand und schien zu schlum⸗
mern. Es war offenbar, daß das Ende ganz nahe war.

Nach einer Weile erwachte er, warf sich auf den Rücken, sah mich
mit angstvollen Augen an und rief: „Gott ist zornig!“ Ich ant⸗
wortete: „Es ist nicht wahr, daß Gott zornig ist. Gott ist gnädig.
Er sagt es.“ Er sprach: „Der Schall des Wortes Gottes! O Gott,
laß mich unter dem Schall deines Wortes, sonst versinke ich!“ Und
wieder schlummerte er ein. Und die Schatten des Todes senkten sich
auf sein Angesicht.

Und wieder wachte er auf mit dem verzweiflungsvollen Ruf:
„Gott ist zornig!“ Und ich sagte: „Ich, als ein berufener und ver⸗
ordneter Diener des Worts, verkündige dir die Gnade Gottes und
vergebe dir an Statt und auf Befehl meines HErrn IEsu Christi alle
deine Sünden im Namen Gottes des Vaters, Gottes des Sohnes und
Gottes des Heiligen Geistes. Amen.“ Er: „Gott sei Dank! da ist
der Schall des Wortes!“ Und er fiel in Schlummer.

Nach etlichen Minuten wachte er wieder auf und lallte: „Gott ist
zornig!“ Ich sagte: „Schäme dich! Was willst du auf dein tolles
Herz horchen und sagen, daß der gnädige Gott zornig ist? Gott ist
gnädig!“ Er: „Das Wort, das Wort! Gott ist mir gnädig. Amen.“
Und damit streckte er sich, und die Augen brachen, und der Odem
stockte, und die Hände lagen schlaff da, und der Mund öffnete sich.
Und ich und alle, die umherstanden, wir alle glaubten, daß er todt
sei. Und ich drückte ihm die Augen zu und sprach mit den Anwesen⸗
den ein Gebet und ging dann mit einem Verwandten in die nächste
Stube.

Auf einmal hörte ich im Nebenzimmer eine Bewegung; die Frau
des K. schrie auf. Ich eilte ans Bett. Der scheinbar Gestorbene warf
die Arme in die Höhe, die Augen waren auf, und die blassen Lippen
brachten die Worte hervor: „Gott ist zornig!“ Ich, aufs tiefste er⸗
regt, beugte mich über den Sterbenden und rief: „Du lügst! Gott ist
gnädig! Stirb! Gott ist gnädig! Gott ist gnädig!“ Er lächelte nun,
und sein Lächeln war wunderschön, und nie werde ich es vergessen.
Und er sagte, oder hauchte: „Das Wort! Ja, Gott — ist — gnädig.“

Und so starb er wirklich.

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