Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 61, Nummer 6 › Seite 82

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 14. März 1905, Seite 82

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Erziehung 10 · Güter 8 · Leiden Chriſti 3

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SEVer utheranese

Morgen der Schöpfung das Lied der Seraphim. Als er in
die Welt kam, da betrat des Himmels theuerstes Kleinod diese
verfluchte Erde. Der heidnische Kriegsmann unter dem Kreuz
betheuert mit Wahrheit: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn ge⸗
wesen“, Matth. 27, 54.

Dieser „edle Gast“, dem wir zu Weihnachten das Willkom⸗
men sangen, wird uns nun vorgestellt als „der allerverachtetste
und unwertheste“, Jes. 53, 3. Es war ein Spottgeld, das
der Dieb Judas in jenem Handel mit den Priestern für seinen
HErrn einstrich. Die sich auf alte Münzen verstehen, sagen,
er habe nach unserm Gelde 816.96 bekommen. Das war so viel,
wie der Besitzer eines stößigen Ochsen bezahlen mußte, wenn
dieser einen leibeigenen Knecht getödtet hatte, 2 Mos. 21, 35.
Wenn nun in irdischen Geschäften ein solcher Handel abgeschlossen
wird, bei welchem der Werth der Waare in gar keinem Verhältniß
steht zur Höhe des Preises, dann verlacht und verspottet man
Käufer und Verkäufer als Narren und Schurken. So spottet
auch Gott in heiliger Entrüstung über diesen Handel: „Ei, eine
treffliche Summa, der ich werth geachtet bin von ihnen!“

Doch nicht erst durch diesen Handel ist es der Welt kund ge⸗
than, daß Christus sollte „nichts geachtet“ werden, Jes. 53, 3.,
sondern sein ganzes Leben ist eine fortlaufende Kette von ent⸗
ehrenden Demüthigungen. Sein erstes Lager wurde ihm bereitet
im Stalle, im Futtertrog der Hausthiere; er wuchs auf als „eines
Zimmermanns Sohn“, Matth. 13, 55., in dem verachteten Naza⸗

„reth, Joh. 1, 46., und Galiläa, Joh. 7, 52. Er trat als ein
armer Mann auf, 2 Cor. 8, 9.; er hatte kein irdisches Wohn⸗
haus zum Eigenthum, Matth. 8, 20. Die Großen seines Volkes
schlossen ihm meistens die Thür; er wurde „der Zöllner und
Sünder Geselle“; man „wusch von ihm im Thor und sang von
ihm in den Zechen“; er kam in das Gerücht, „ein Fresser und
Weinsäufer“ zu sein, Matth. 11, 19. Ps. 69, 13. Man redete
ihm nach, er stehe im Bunde mit Beelzebub, er sei ein gemeiner
Zauberer, Matth. 12, 24. Man griff ihn als einen Aufrührer
auf und machte ihm einen kurzen Proceß. Zwischen seinem ersten
Verhör am gehörigen Orte und seiner Hinrichtung liegen nur
wenige Stunden! Einen verkommenen Straßenräuber, Barab⸗
bas, zog man ihm vor. Rohe Soldaten trieben ihren Spott mit
ihm. Am Schandpfahl mußte er zwischen Verbrechern hängen,
eine Zielscheibe wüsten und bitteren Hohnes. Er war „fremd
worden seinen Brüdern“, Ps. 69, 9. Es war zuletzt „keine Ge⸗
stalt noch Schöne“ an ihm, Jes. 53, 3.; er war zum niedrigsten
Knecht, Phil. 2, 7. f., zu einem „Wurm“ geworden, Ps. 22, 7.
Man verbarg vor Abscheu das Angesicht vor ihm. So wurde er
geschlagen im Hause seiner Freunde, mitten unter seinen Lieb⸗
habern, die sich zu Hunderten hätten erheben sollen, die Schmach
von ihm zu wenden, Sach. 13, 6. Das heidnische Ninive und
Saba müssen einst auftreten und das erleuchtete Jerusalem be⸗
schämen, das so schändlich umgegangen ist mit dem, der mehr war
als Jonas und Salomo, Matth. 12, 41. f.

Aber nicht Menschen, sondern Gott selbst hat den Werthen
so unwerth gemacht. Der HErr Zebaoth war es, der dem Schwert
gebot: „Mache dich auf über meinen Hirten und über den Mann,
der mir der nächste ist, und schlage ihn“, Sach. 13, 7. Seine
irdischen Feinde verfolgten den, den Gott geschlagen hatte, und
rühmten, daß Gott die Seinen so übel schlage, Ps. 69, 72. „Der
HErr wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit“, Jes. 53, 10.

Um des HErrn willen trug er Schmach, und sein Angesicht war
voller Schande, Ps. 69, 8. Christus kannte diesen Willen Gottes
und ergab sich darein, Matth. 26, 39. „Er äußerte sich selbst“,
Phil. 2, 7. Um Gottes willen „hielt er seine Wangen dar denen,
die ihn rauften, und verbarg sein Angesicht nicht vor Schmach
und Speichel“, Jes. 50, 6.

Warum that Gott also? „Der HErr warf unser aller
Sünde auf ihn“, Jes. 53, 6., und zugleich aller Sünde Schmach
und Schande. Er „ward ein Fluch für uns“, darum ist er an
das Fluchholz gehängt, Gal. 3, 13. Die Geschichte seines Leidens
ist nicht deswegen so vielfältig und genau beschrieben, damit wir
ihn bedauern, sondern damit wir über uns selbst und über
unsere Kinder weinen, Luc. 23, 28. In diesem Handel stellt
uns Gott die völlige Verwerfung der Sünder von seinem An⸗
gesicht vor Augen. Wir sind „elend und jämmerlich, arm, blind
und bloß“, Offenb. 3, 17., „Würmer und Maden“, und ver⸗
dienen, „in den Koth getunkt zu werden“, Hiob 25, 6. 9, 31.
„Unsere Gerechtigkeit ist wie ein unfläthig Kleid“, Jes. 64, 6.,
unsere „Herrlichkeit wie des Grases Blume“, 1 Petr. 1, 24. Wir
sind „unedel“, „verachtet“, „nichts“! 1 Cor. 1, 28.

Für uns, das heißt, um uns verlorene und verdammte Men⸗
schen zu erwerben und zu gewinnen, hat Gott seinen Sohn dahin⸗
gegeben. Welch ein Preis!

O Wunder ohne Maßen,

Wenn man's betrachtet recht,

Es hat sich martern lassen

Der HErr für seine Knecht;

Es hat sich selbst der wahre Gott

Für mich verlornen Menschen

Gegeben in den Tod!
Nicht mit dem Preis eines Sklaven, sondern mit einem Lösegeld,
wie es noch nie für einen Fürsten, der in Gefangenschaft gerathen
war, bezahlt worden ist, hat Gott uns erkauft. Jawohl, als einen
Kaufhandel sieht Gott die Hingabe seines Sohnes an unserer
Statt an. Zweimal kurz nach einander erinnert Paulus: „Ihr
seid theuer erkauft“, 1 Cor. 6, 20. 7, 23. Und Petrus
bezeugt, daß die Kaufsumme eine unvergleichliche gewesen ist:
„Wisset, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold er⸗
löset seid, . . . sondern mit dem theuren Blut Christi, als eines
unschuldigen und unbefleckten Lammes“, 1 Petr. 1, 18. f.

Was wir haben theuer bezahlen müssen, das achten wir
werth. Das Lösegeld, das Gott für uns erlegt hat, gibt nun
auch uns in Gottes Augen einen großen Werth. Wir waren
„nichts“; wir sind erkauft, „daß wir etwas seien zu Lob
seiner Herrlichkeit“, Eph. 1, 12. Wir sind „erkauft aus den Men⸗
schen zu Erstlingen Gotte und dem Lamme“, Offenb. 14, 4., zu
einem „auserwählten Geschlecht, zu Königen und Priestern, zu
einem heiligen Volk, zum Volk des Eigenthums“, 1 Petr. 2, 9.,
zu „Erben Gottes und Miterben Christi“, Röm. 8, 17. Christus
hat gelitten „für die Heiligen, die auf Erden sind, und für die
Herrlichen“, Ps. 16, 3.; das will sagen, wir sind das durch
sein Leiden geworden. Der Kirche der Erlösten sagt der HErr:
„Weil du so werth bist vor meinen Augen geachtet, mußt
du auch herrlich sein, und ich habe dich lieb“, Jes. 43, 4. Wir
sollen „theilhaftig werden der göttlichen Natur“, 2 Petr. 1, 4.
Auch wenn wir gezüchtigt werden, „erbeut sich uns Gott als
Kindern“, Hebr. 12, 7. „Er fasset unsere Thränen in seinen
Sack und zählet sie“, er „achtet auch den Tod seiner

7.

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