Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 61, Nummer 6 › Seite 88

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 14. März 1905, Seite 88

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Allgegenwart 2 · Unzucht · Predigt 17

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S Ner V utfe rane

du auch. So hat Mutterliebe auch dich geherzt und gepflegt. Und
wie nun? Seit 25 Jahren schon in dieser Zelle und also bis zum
Sterben! Ach, die unglückselige Leidenschaft! Du unglückseliger
Schuß, der dem Förster sein Leben raubte und mir all mein Lebens⸗
glück. Kehre wieder, du glückliche Zeit meiner Kindheit! Noch ein⸗
mal ein Kind! Nur einmal noch!“

Lieber Leser, hast du es nicht auch schon gehört von irgend einem
Menschenkinde: „Nur noch einmal!“? Es muß ja nicht ein verlore⸗
ner Sohn, ein Mörder hinter dem Eisengitter sein. Aber es war zu
spät. Ach, daß doch keiner von uns einmal diese bittere Erfahrung
machen muß! Daß doch vor allem keiner von uns einmal stehen muß
an einer verschlossenen Thür — nicht, wie dort der arme Gefangene,
hinter einer, sondern davor — und rufen: „HErr, HErr, nur noch
einmal thu auf die Thür zum ewigen Leben, damit auch ich verirrtes
und verlorenes Kind eingehen kann!“ und die Antwort dann lautet:
Zu spät! „Ich habe euch noch nie erkannt; weichet alle von mir, ihr
Uebelthäter!“ „Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euer nicht!“ Matth.
7, 23. 25, 12.

Geduld in Anfechtung.

Wohl ist's wahr: ohne Anfechtung geht's nicht ab. Wenn es
uns geht wie Petro, daß wir auch eine Nacht vergebens arbeiten (Luc.
5, 5.), da fehlet's nicht, wir bekümmern uns und murren bald drum,
werden ungeduldig und gedenken, wir wollen es alles stehen und liegen
lassen und davongehen. Aber solcher Anfechtung soll man nicht Raum
geben, sondern im Beruf bleiben, einen Weg wie den andern, und
Gott dafür lassen sorgen. Denn das sehen wir oft, daß es feine,
fromme, gehorsame Kinder sind, denen nichts gerathen noch vor sich
gehen will; dagegen andern bösen und ungehorsamen Buben geräth
alles wohl und gehet ihnen nach Wunsch hinaus.

Aber es währet nicht lange und findet sich am Ende, daß das am
Anfang Uebelgerathene sich wendet und das am Anfang Wohlgera⸗
thene endlich übel hinausgehet. Derohalben, ob es sich mit dir auch
also zuträget, daß es dir nicht allewege wohl hinausgehen will, so halt
nur fest und laß dich nicht müde machen; denn das Mißrathen ist
besser, wo du nur im Gehorsam bleibest, denn dort das Wohlgerathen.

Gott stößet doch zuletzt den Ungehorsam mit dem Glücke zu Boden,
es sei so groß es immer wolle. Dem Gehorsam aber hilft er endlich
auf und gibt Glück dazu. Obgleich das Glück sich sperret und eine
Zeitlang der Segen ausbleibt, so wird es doch endlich müssen wohl⸗
gehen. Denn Gott kann's nicht lassen, er hat Lust am Gehorsam und
gibt auch Glück dazu; ob er's wohl eine Zeitlang aufschiebt und uns
versuchet, ob wir auch an seinem Befehl festhalten wollen.

(Luther.)

„Mein Herr hat die Schlüssel!“

Der alte Gerbermeister Diedrichs, ein bewährter Christ, hatte sich
gerade viel beschäftigt mit den verschlungenen, ost räthselhaften und
doch so seligen Wunderführungen seines Gottes, und es war ihm manche
Frage über den Zweck von diesem und jenem in seinem eigenen Leben
und im Reiche Gottes geblieben, als er sich von einem Arbeiter in einer
Bandfabrik die Einrichtung des damals von Jacquard erfundenen Web⸗
stuhls zeigen ließ, soweit sie äußerlich sichtbar war. Da regten sich
vor seinen Blicken Millionen Fäden, da drehten sich die Spindeln, da
griff eins in das andere, aber in der Mitte stand ein großer verschlosse⸗
ner Schrank, von welchem alle Bewegungen ausgingen. Auf seine
Bemerkung: er sehe wohl das wunderliche, durch die Maschine hervor⸗
gebrachte Regen und Bewegen, verstehe aber den Zusammenhang und
Zweck von allem nicht, erwiderte der Arbeiter: „Mein Herr hat die

Schlüssel zu diesem Schrank, und den kann ich Ihnen nicht öffnen!“
Und diese schlichte Bemerkung war ihm wie eine Antwort auf die Frage
seines Herzens: Ja, mein HErr hat die Schlüssel! Ihm will ich sie
lassen, dachte er, wenn ich auch nicht hineinsehen kann; genug, daß er
regiert! Er bringt, auch ohne daß ich das „Wie“ verstehe, zu Stande,
was er sich vorgenommen hat.

Unter Gottes Hut.

Im Jahre 1655 wüthete in London die Pest. Ein reicher eng⸗
lischer Herr wollte der Gefahr aus dem Wege gehen und einige Zeit
auf einem entfernten Landsitze zubringen. Der Wagen war bereits
gepackt und stand vor der Thür. Der Herr ging noch im Saal auf
und ab. Da hörte er seinen schwarzen heidnischen Diener draußen zu
einem Kameraden sagen: „Unser Herr verläßt London, um sich vor der
Pest zu retten. Ich denke mir, daß sein Gott auf dem Lande wohnt
und nicht in der Stadt.“ Der Neger hatte das Wort in seinem heid⸗
nischen Sinn gesprochen. Bei dem Herrn aber schlug es ein. Still
sprach er: „Mein Gott ist überall, er kann mich in der Stadt wie auf
dem Lande schützen. Der Neger hat mir eine nützliche Lehre gegeben.
Vergib mir, HErr, den Mangel an Vertrauen, der mich fliehen hieß.
Ich will nicht reisen.“ Und er reiste nicht, die Krankheit ließ ihn un⸗
angetastet. Der HErr behütet vor allem Uebel.

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„Entzückende“ Predigten.

In der ersten der „Unterredungen über die Beredtsamkeit“ stellt der
vielgenannte französische Erzbischof Fenelon (1 1715) einen Herrn B.
vor, welcher gerade von der Kirche kommt, wo der Prediger ihn „ent⸗
zückt“ hat, und zu einem Herrn A. sagt: „Hätten Sie ihn nur einmal
gehört, Sie würden an allen übrigen keinen Geschmack mehr finden.“
A. erwidert darauf: „Nun, so werde ich gewiß nicht hingehen, denn
ich möchte mir nicht durch Einen Prediger alle andern verleiden lassen;
vielmehr suche ich einen Mann, der mir für das Wort Gottes so viel
Geschmack und so viel Achtung beibringt, daß es mir aus jedem
Munde gefalle.“

Neue Drucksachen.

Achtzehnter Shnodalbericht des Jowa⸗Districts der deutschen
ev.⸗luth. Synode von Missouri, Ohio u. a. Staaten. 1904.
St. Louis, Mo. Concordia Publishing House. 128 Sei⸗
ten 946. Preis: 25 Cts.

Den Lehrverhandlungen liegt der zweite Theil des Referats Prof. R.
Piepers über die Lehre der lutherischen Kirche von der Rechtfertigung zu
Grunde. Es wird hier nachgewiesen, daß wir allein aus Gnaden, um Christi
willen durch den Glauben gerecht werden, daß die Rechtfertigung uns durch
das Wort, wie die Saeramente dargeboten wird, und eine beständige, voll⸗
kommene, gewisse ist. Bei jedem Punkt wird die lutherische, schriftgemäße
Lehre der Lehre der katholischen und reformirten Kirche gegenübergestellt.
Der Bericht über Innere Mission gibt einen Ueberblick über die Arbeit auf
den 28 Missionsfeldern. G. St.

Statistisches Jahrbuch der deutschen ev.⸗luth. Synode von Missouri,
Ohio und andern Staaten für das Jahr 1904. St. Louis, Mo.
Concordia Publishing House. 1905. 160 Seiten 946.
Preis: 30 Cts.

Die Zahlen, die wir aus dem „Jahrbuch“ an anderer Stelle der heutigen
Nummer mittheilen, sind nur einige Hauptzahlen. Wer einen genaueren Ein⸗
blick in den äußerlichen Stand und in die Arbeit unserer Synode haben will,
schaffe sich das vollständige Jahrbuch an. L. F.

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