Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 61, Nummer 6 › Seite 85

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 14. März 1905, Seite 85

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jedem einzelnen Fall Gelder auszuzahlen, Briefe einzuhändigen,
enbahnfahrkarten, Gepäck und Geldwechsel zu besorgen, Vor⸗
usse zu machen, Zurückbehaltene zu befreien, zu telegraphiren und
dabei Trepp auf, Trepp ab zu springen, jedes Mal vierzig Stufen.
Unter unsern Gästen hatten wir nicht nur solche, welche für

Kost und Logis bezahlen konnten, sondern auch Mittellose, Hülfs⸗

bedürftige, denen 2334 Mahlzeiten, 679 Nachtlager oder Pro⸗
viant oder ein Zehrpfennig für die Weiterreise im Werth von
65502.51 geliefert wurde. Unter ihnen befand sich eine würdige
Familie von zehn Seelen, die längere Zeit im Pilgerhause wohnte,
bis sie ein Unterkommen gefunden hatte. Daß wir aber auch
manchmal Unwürdigen, freilich ohne es zu ahnen, helfen, soll
hier nur erwähnt werden.

Woher sind nun wieder die Mittel zur Bestreitung dieser
Eine einzige Gabe von einem

Herrn Moore in Philadelphia im Betrag von 8100.00 nebst

88.20, welche sich in unserer Armenbüchse befanden, hat uns
dafür zu Gebote gestanden; alles Uebrige mußte wieder die
Pilgerhauskasse liefern.

Ein Theil der deutschen Presse hat fort und fort die Zustände
auf Ellis Islanb und sonderlich Commissär Williams arg durch
die Hechel gezogen, und seine politischen Gegner boten bis zur
letzten Präsidentenwahl alles auf (sogar die Todten wurden von

ihnen in die Wahlschlacht mit hereingezogen), die Partei zu
schlagen und Herrn Williams zu stürzen. Es ist ihnen nicht ge⸗
lungen; doch ist kürzlich Herr Williams, den ich als einen tüch⸗
tigen Beamten kennen gelernt habe, freiwillig von seinem Posten

zurückgetreten und Herr Watchorn sein Nachfolger geworden.

Durch P. Restins Wiedereintritt in das heilige Predigtamt
habe ich persönlich einen treuen Mitarbeiter und unsere Mission
überhaupt eine tüchtige Kraft verloren. Wäre die Predigernoth
nicht so groß und der Posten, an den er berufen wurde, nicht so
wichtig gewesen, wir würden ihn nicht so leicht haben ziehen lassen.
Auch P. Sörgel, der hauptsächlich das Büchergeschäft mehrere
Monate besorgte, mußte den Posten wegen körperlicher Schwäche
wieder aufgeben. Er war erstaunt, daß es im Pilgerhaus mehr
zu thun gibt, als man in der Regel glaubt. Da mich Ende No⸗
vember auch noch mein Buchführer verließ, so mußte ich mit lauter
Neulingen die Arbeit zu bewältigen suchen, so gut es eben ging.

Meine Mithelfer in Deutschland, Herr Vopel in Hamburg

und Herr Gillhoff in Bremen, haben in gewohnter Weise wieder

mit mir Hand in Hand gearbeitet.

Durch die Abnahme der
deutschen Auswanderung und andere dort eingetretene Verhält⸗
nisse hat sich natürlich auch ihre Arbeit wieder sehr vermindert.
Ueber die finanzielle Lage des Pilgerhauses und seine Mis⸗

sion gibt Herrn C. Hauselts Kassenbericht den nöthigen Aufschluß.

schritt.

Der Kassenumsatz von 8152,128.84 zeugt von Arbeit und Fort⸗
Und doch könnte noch mehr geschehen und für die gute
Sache verdient werden, wenn in Zukunft die Aufträge zur Be⸗
sorgung von Schiffskarten für Zwischendeck und Kajüte zur Reise
von oder nach Deutschland, desgleichen für Geldsendungen und
Vollmachten noch zahlreicher eingingen als bisher. Bei dieser

Gelegenheit ersuche ich solche, welche Einwanderer durch das

Pilgerhaus befördern lassen wollen, erst zu lesen, was auch dar⸗
über auf Seite 34 in unserm Synodalkalender, der eigentlich in
Hause eines jeden Gemeindegliedes und Kirchgängers zu
sein sollte, zu lesen, ist.

Ich mache aber hier noch auf einen Punkt besonders auf⸗
merksam für solche, welche ins Ausland reisen, und der betrifft
das Bürgerwerden. Viele versäumen nämlich diese Pflicht und
bringen sich dadurch, wenn sie eine Reise machen wollen, in Ver⸗
legenheit. So ging es zum Beispiel letztes Jahr einem 73jäh⸗
rigen, fast erblindeten Pastor, der hier Jahrzehnte lang gelebt
und gewirkt, aber versäumt hatte, sein zweites Bürgerpapier her⸗
auszunehmen, sehr schlecht. Er durfte nämlich, obwohl Kajüten⸗
passagier, nicht ohne Weiteres landen, sondern mußte nach Ellis
Island, dort mehrere Tage aushalten und durfte dann nur unter
Parole ins Pilgerhaus ziehen, bis er von seinem Sohne, nach⸗
dem dieser sich unter Eid für ihn verpflichtet hatte, abgeholt
wurde. Der Besitz von Bürgerpapieren oder eines Passes nützt
und schützt Männer und Frauen nicht nur im Ausland, sondern
auch bei der Rückkehr in dieses Land.

Schließlich liegt mir noch die traurige Pflicht ob, drei ehe⸗
maligen Gliedern unserer Commission, die Gott in jüngster Zeit
zu sich genommen hat, hier ein bescheidenes Denkmal zu setzen.
Letzten Herbst starb Herr J. H. Bergmann, 83 Jahre alt, und

wurde von P. Stechholz jun. christlich zur Erde bestattet. Er
diente in der Commission seit 1869 etwa sechs Jahre lang. —
Am Jahresschluß schied P. J. H. Sieker aus dem Leben. Er

diente der Commission mit großem Eifer und bekannter Pünkt⸗
lichkeit nicht nur als Secretär, sondern auch bei dem Ankauf des
Pilgerhaufes, wodurch unsere Emigrantenmission in ein neues
Stadium trat. Wir hatten bekanntlich damals gar kein Geld in
Händen, sondern wagten den Kauf im Vertrauen auf Gott und
in der Hoffnung, unsere Gemeinden würden den Kauf unter ob⸗
waltenden Umständen billigen und die große Schuldenlast von
845,000 tragen helfen. In dieser und in andern finanziellen
Schwierigkeiten hat uns der Entschlafene nicht nur mit weisem
Rath, sondern auch mit der That treulich geholfen. — Und nun
hat uns Gott am 19. Januar auch unsern lieben P. Beyer ganz
plötzlich durch den Tod entrissen. In ihm hat unsere Emigranten⸗
mission und das Pilgerhaus viel verloren. Seine Erfahrung,
sein Scharfblick, seine Ruhe, mit der er alles wohl überlegte, ehe
er redete, urtheilte und rieth, werden wir in Zukunft vermissen.
Sein Hauptverdienst um unsere Mission ist wohl sein bekannter
Tractat: „Treuherzige Winke für deutsche Einwanderer“, den er
vor 35 Jahren verfaßte und der seitdem von mir in einer halben
Million von Exemplaren vertheilt worden ist. Als ich zuerst mit
der Vertheilung desselben im alten Castle Garden begann, da
gefiel er nach Form und Inhalt so sehr, daß ihn der damalige
katholische Vertreter zum Vertheilen unter die katholischen Ein⸗
wanderer umarbeiten ließ, unter der Ueberschrift: „Jesus, Maria
und Joseph.“ Ganze Passagen waren wörtlich benutzt. Wo
die lutherische Kirche genannt ist, wurde die katholische Kirche
eingeschoben. Ein Exemplar davon befindet sich noch im Archive
des Pilgerhauses. Der treue Gott lohne den Entschlafenen in
der seligen Ewigkeit, die sie jetzt ohne Zweifel genießen, auch
das, was sie neben ihrem ohnehin sorgen⸗ und arbeitsvollen
Beruf im Auftrag unserer Synode zu Nutz und Frommen der
Fremdlinge in leiblicher und geistlicher Beziehung Gutes ge⸗
than haben, und schenke uns wie ihnen, wenn unser Stündlein
kommt, auch eine glückselige Auswanderung aus der Fremde
dieser Welt in die ewige Heimath droben im Himmel.
S. Keyl.

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