Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 61, Nummer 20 › Seite 312
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 26. September 1905, Seite 312
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Sr 2„Tutheranes
mungsurtheile wiederholt und in seinem „Verzeichniß der Irrthümer“
vom Jahre 1864 die Bibelgesellschaften auf eine Stufe mit „Socialis⸗
mus, Communismus und geheimen Gesellschaften“ gestellt. Sein Nach⸗
folger hingegen, Leo XIII., hat, ohne die früheren Bestimmungen zu
widerrufen, die obengenannte Gesellschaft entstehen lassen, und der
jetzige Pabst, Pius X., hat ihr sogar einen besonderen Segen ertheilt.
Doch darf man daraus keinen Schluß ziehen auf eine Reform des
Pabstihums. Das Pabstthum bleibt das Antichristenthum, die Lehre
der römischen Kirche streitet wider jedes Blatt der Evangelien und
verdammt und verflucht die Centrallehre des Evangeliums von der
Rechtfertigung allein aus Gnaden um Christi willen durch den Glauben.
Und gerade der jetzige Pabst hat in seinen amtlichen Veröffentlichungen
die vermessenen Ansprüche des Pabstihums aufrecht erhalten und die
bei seiner Wahl auf ihn gesetzten guten Hoffnungen nicht erfüllt.
Inzwischen aber kann man sich nur freuen, daß dem armen, unwissen⸗
den, mit der Bibel so unbekannten römischen Volke in Italien und
anderwärts die Evangelien in die Hand gegeben werden. Dadurch
kann manche Seele, die äußerlich im Bereich der Pabstkirche bleibt,
zur Erkenntniß des einigen Heilandes IEsu Christi —— und ge⸗
rettet werden. L. F.
„Wo aber die Sünde mächtig worden ist, da ist doch
die Gnade viel mächtiger worden.“ Röm. 5, 20.
Es sind bereits einige Jahre her, seit sich in meiner Gemeinde
das zutrug, was diese Zeilen berichten; ich breche auch kein Beicht⸗
siegel, indem ich dies veröffentliche, sondern komme damit sogar dem
Wunsche des nun seligen Jünglings nach, der es veröffentlicht haben
wollte „zur Verherrlichung des Namens Gottes und damit dadurch
die Gnade und Kraft des Heilandes bekannt werden und daraus ein
Segen noch für andere fließen möchte“.
Von seiner frommen Mutter, welche bereits seit Jahren Wittwe
war, in der Zucht und Vermahnung zum HErrn erzogen, kam der
nun selige K. als Jüngling von etwa zwanzig Jahren allein nach
America. In der deutschen Heimath hatte er die Bäckerei erlernt und
als tüchtiger Bäcker fand er auch bald Beschäftigung in der Weltstadt
New York. Aeußerlich ging es ihm nun gut; weil er aber das Wachen
und Beten unterließ, gerieth er bald in böse Gesellschaft, und durch
diese ließ er sich in die Sünde der Selbstbefleckung stürzen; vier bis
fünf Jahre diente er dem Teufel in dieser greulichen, heimlichen
Fleischessünde. Die natürliche Folge blieb denn auch nicht aus: er
wurde siech und elend und mußte sich endlich aufs Krankenbett legen.
Da suchte der gute Hirte JEsus Christus auch dieses kranke, ver⸗
irrte und besudelte Schäflein. Das in seiner Jugend gelernte Wort
Gottes wurde wieder lebendig, zunächst das Wort des Gesetzes; er
griff nach der Bibel, sonderlich nach den Bußpsalmen Davids, und
dadurch wurde die Sünde recht mächtig in ihm: er erkannte seine
Sünde, erkannte, wie greulich er Gott beleidigt, erkannte, daß er
nichts als Gottes Zorn, zeitliche und ewige Strafe verdient habe. In
seiner Seelenangst ist er da öfters aus dem Bett gesprungen, ganze
Nächte hat er vor Unruhe und Angst nicht schlafen können, und Mor⸗
gens war sein Erstes wieder Weinen ob der Missethat seiner Sünde.
„Ich habe mein Leben“, sagte er einmal später, „oft mit dem des ver⸗
lorenen Sohnes verglichen; ich war verloren, meine körperliche Kraft
hatte ich verpraßt und ein Feuer in meinem Innern angesteckt, das
niemand löschen kann als Gott selbst.“
So war die Sünde und die Erkenntniß der Sünde in ihm mäch⸗
tig geworden; wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch
die Gnade noch viel mächtiger. Die süße Botschaft von der Gnade
Gottes in Christo IEsu fand bei ihm freudige, gläubige Aufnahme
und erwies sich auch an ihm als eine seligmachende Kraft Gottes. Er
glaubte fest an den, der die Gottlosen, zu welchen er sich rechnete, ge⸗
recht macht. Und weß sein Herz voll war, davon ging auch der Mund
über; er redete am liebsten von der großen Gnade, die ihm, dem
großen Sünder, widerfahren sei in Christo. Noch an einem der letz⸗
ten Tage, da ich ihn besuchte, ließ er sich folgendermaßen aus: „Ich
kann die Gnade nicht genug preisen, die IEsus mir erwiesen hat, daß
er mich aus der Hölle herausgeführt, alle meine Sünde mit seinem
Blute getilgt, um mich mit Gott zu versöhnen, durch den Glauben an
ihn mich aus der Angst genommen und meiner Seele seinen Frieden
gebracht hat.“
Wer immer ihn besuchte, mußte ein Loblied anhören über Gottes
Gnade; über seine Leibesschmerzen, die übrigens nicht gering waren,
hörte man kaum ein Wort aus seinem Munde, aber Gottes Barm⸗
herzigkeit zu preisen, wurde er nie müde. Selbst die Nacht benutzte
er hierzu, indem er Bibelsprüche und was ihm dabei in den Sinn
kam, niederschrieb. So schrieb er zum Beispiel einmal: „Ich konnte
mich selbst nicht erretten. Da rief ich zum HErrn in meiner Noth,
und er legte mich aufs Krankenbett und ließ meinen Leib brennen,
daß meine Kräfte vertrockneten, weil ich an meinem eigenen Leibe vor
ihm gesündigt habe; aber gnädig und barmherzig ist der HErr, ge⸗
duldig und von großer Güte. Er handelt nicht mit uns nach unsern
Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Missethat, sondern so hoch
der Himmel ist über der Erde, läßt er seine Gnade walten über die, so
ihn fürchten; so fern der Morgen ist vom Abend, läßt er unsere Ueber⸗
tretung von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmet, so
erbarmet sich der HErr über die, so ihn fürchten.“
Als ihm einmal ausnahmsweise das Essen mundete, schrieb er
auf einen Zettel: „Heute durfte ich durch Gottes Gnade und Hülfe mit
Appetit die Mahlzeit genießen, wobei ich erkannte, daß auch solches
vom HErrn kommt. Ihm sei Lob und Dank und alle Ehre!“ Von
solchen und ähnlichen Aufzeichnungen findet sich noch eine ganze An⸗
zahl in seiner Bibel; es ist eine Lust, sie zu lesen: lauter Lobprei⸗
sungen der ihm widerfahrenen Gnade und Güte Gottes. —
Des Teufels arge List ist es ja, den Sünder von einer Sünde
in die andere zu stürzen; diese List gelang ihm auch bei unserm nun
seligen K. Von der Sünde der Selbstbefleckung stürzte er ihn in die
Sünde des Diebstahls. Als jedoch der Selige durch Gottes Gnade
aufhörte, der Sünde Knecht zu sein, da ließ es ihm auch keine Ruhe,
bis er das Entwendete bei Heller und Pfennig zurückerstattet hatte.
An dem Tage, da ihm das gelang, schrieb er: „Ich will den HErrn
loben, solange ich lebe. Der treue und wahrhaftige Gott hat mich
heute besonders erfahren lassen, daß er unsere Gebete erhört. Gott,
der Geber aller Gaben, gab mir Kraft durch seinen Heiligen Geist,
das auszukämpfen, was ich verschuldet habe. Der HErr ist groß und
stark, und wohl dem Menschen, der vor ihm seine Last niederlegt, deß
wird er sich erbarmen und ihm aufhelfen zum inneren Frieden. Der
liebe Gott hat mich von schwerer Gewissenslast und schlaflosen Nächten
und qualvollen Stunden gnädiglich befreit, deß freut sich mein Herz
und meine Zunge ist voll Rühmens. Ich will mir's ins Herz schrei⸗
ben, was der HErr an mir Sünder gethan hat. Aus Gnaden darf
ich mit einstimmen in den werthen Spruch: „Lobe den HErrn, meine
Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat, der dir alle
deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben
vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzig⸗
keit.“ Er schließt diese Aufzeichnung mit den Worten: „Dies ist
geschrieben zum Lobe Gottes, und wer es liest, der prüfe sich.“
Der liebe, freundliche K. ist nun bereits droben, wo er den von
Angesicht zu Angesicht schaut, der ihn in Gnaden errettet hat aus der
Obrigkeit der Finsterniß; ihm ist ewig wohl!
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